Am nächsten Tag im Kairo-Museum wieder ein Fest für Sinne und Seele: Mumien, Statuen und Hieroglyphen als Zeugen einer uralten Zivilisation und Kultur. Beeindruckend waren auch die Exponate aus dem Grab des jugendlichen Pharao Tutenchamun.
Zu den für Father interessanten Kontakten zählten die Indische Botschaft und der syrische Erzbischof von Kairo, mit seinen zweiundneunzig Jahren der damals älteste Bischof der gesamten christlichen Welt. Darüber hinaus besuchten wir den Direktor des Bildungswesens, Dr. Atiik, und den Referenten für die Erziehung von Behinderten. Father wollte lernen, wie ein Schwellenland wie Ägypten diese Herausforderung aufgriff. Am Sonntag nahmen wir an der Heiligen Messe in der syrisch-katholischen Kirche teil, tags darauf sprachen wir mit Dr. Taha Hussein, dem früheren Bildungsminister Ägyptens. Seit seinem vierten Lebensjahr war er blind und dennoch ein äußerst gebildeter und an der Wissenschaft interessierter Mann, der es sogar auf den Posten eines Ministers geschafft hatte! Dieses Beispiel zeigt, dass man seine Grenzen überwinden kann: mit eisernem Willen, viel Fleiß und ein bisschen Glück!
Am Morgen des 20. Dezember stand meine erste Flugreise an. Meinen Eltern schrieb ich: „Um vier Uhr in der Früh mussten wir aufstehen, um fünf Uhr ging es in die Wüste zum Flugplatz. Um sieben Uhr hob sich unser Riesenvogel (von der AIR JORDAN) vom Betonboden ab und bald lag die Erde tief unter uns. Es ist wundervoll, die Sanddünen der Wüste, die Wasserplätze mit einigen Palmen und die schwarzen Flecke der Beduinenzelte tief unten zu sehen. Die Berge sind klein und wie Modelllandschaften, die Dörfer und Städte wie hineingeklebt. Am schönsten aber war es, über den Wolken dahinzusegeln, man sieht nichts von der Erde, nur Wolkenwatte tief unten.“
Wir landeten um 9 Uhr 35 am Flughafen Jerusalem.
Von dort ging es in die Altstadt Jerusalems, zum Casa Nova, der Pilgerherberge der Franziskaner. Am Nachmittag begann unser Besuch der heiligen Stätten – für jeden gläubigen Christen ein einmaliges und bewegendes Erlebnis. Die Grabeskirche war das erste Ziel. Nach zahlreichen christlichen Stätten suchten wir muslimische Heiligtümer auf: den Harem Esh Sheriff und den Felsendom, zwei beeindruckende Monumente auf den Grundfesten des alten Salomon-Tempels. Zweifelsohne hat der Felsendom mit seinen beeindruckenden Mosaiken, gebaut im 7. Jahrhundert, für Muslime dieselbe sakrale Bedeutung wie die christlichen Stätten für Christen. An dieser Stelle sollen alle alttestamentarischen Propheten und auch Christus gebetet haben, von hier soll der Prophet Mohammed in den Himmel aufgestiegen sein.
Der 24. Dezember begann mit einem Besuch bei der Bibelgesellschaft: Die Verantwortlichen überreichten ein passendes Weihnachtsgeschenk, eine Braille-Bibel in zwanzig Bänden. Nach dem Abendessen fuhren wir per Taxi nach Bethlehem, zur Kirche der Heiligen Katharina, die über der Geburtsgrotte Jesu erbaut worden war. Um 22 Uhr30 begann das feierliche Hochamt, zelebriert vom Lateinischen Patriarchen von Jerusalem. Es dauerte bis drei Uhr früh. Die Kirche war randvoll mit Menschen aus aller Welt. Welch ein Glück, dass wir noch Eintrittskarten erhalten hatten – ohne Fathers Status wäre es wohl ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.
Nach Hause schrieb ich: „Um einen guten Platz in der Kirche zu bekommen, waren wir schon um halb neun dort (für die Mitternachtsmesse). Mit der Zeit füllte sich die Kirche. Die Mitternachtsmesse war großartig organisiert und zeremoniell fast etwas zu pompös. Der erhabenste Augenblick war das Gloria: ein gewaltiger Chor, der ein mächtiges Gloria in excelsis Deo anstimmte, Lichter flammten auf, ein riesiger blauer Stern und die Botschaft der Engel in der Weihnachtsnacht. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind. Obwohl diese Messe an jener Stelle, wo Jesus vor ca. 1957 Jahren geboren wurde, etwas überladen war, wird sie doch für lange Zeit in meiner Erinnerung bleiben als die ‚Heilige Nacht in Bethlehem‘.“
Auf einer Reise, die von Höhepunkt zu Höhepunkt verlief, war die Christmette in Bethlehem in emotionaler Hinsicht der absolut „höchste Höhepunkt“.
Die Jahre meiner christlichen Erziehung in der Klosterschule hatten mich sicherlich sensibilisiert. Doch auch wenn man am Absolutheitsanspruch der römisch-katholischen Kirche zweifelt: Es bleibt etwas bestehen im Herzen, das man weder verleugnen will, noch verleugnen kann.
Am Weihnachtstag ging es zurück nach Damaskus, diesmal mit dem Überlandtaxi der Firma Petra. Indem eine größere Zahl von Passagieren, allerdings auf engem Raum, untergebracht wurde, konnten die Fahrten in diesen PKW-ähnlichen Fahrzeugen zu günstigen Preisen angeboten werden. Jeder Passagier zahlte einen eigenen Preis je nach Entfernung.
Am Freitag, dem 3. Januar 1958 machten wir einen Ausflug in das Dorf Malullah, das sich anschmiegt an die Steilhänge des Antilibanon. Heute noch sprechen die Menschen dort Aramäisch, die Sprache Christi. Sie gehören zur syrisch-orthodoxen Kirche, wie Father Abraham auch. In Europa lebende, aus dem Irak und Syrien geflohene orthodoxe Christen werden oft auch Assyrer, ihre katholischen Glaubensbrüder Chaldäer genannt.
Schon von Weitem sah man die Steilhänge, gekrönt von einem Band hoher Felsen. Tiefe Rinnen führten hinab ins Tal. Jetzt im Winter waren die vereinzelt eingestreuten Bäume kahl und wirkten wie abstrakte Gemälde. Zur Krönung des Bildes kam bei unserer Ankunft ein bunt schillernder Regenbogen hinzu – wenn das kein gutes Omen war!
Wir fuhren hinab in das Tal. Näher gekommen, erkannte man Flachbauten, aber auch Häuser mit Dächern. Wir fragten uns durch zum syrisch-orthodoxen Priester, der uns Kirche und Dorf zeigte. Einige der Häuser waren in die überhängenden Felsen hineingebaut und fügten sich dank der Natursteine aus der Gegend zu einem harmonischen Ganzen.
In diesem Dorf wurde die erste christliche Märtyrerin getötet, die Heilige Thekla. Der Priester zeigte uns einen Fluchtweg der frühen Christen, eine schmale Öffnung im Felsen, durch die ein kleiner Bach floss. Folgte man den Windungen, kam man zu mehreren Höhlen, die schon vor zehntausend Jahren Menschen als Unterkunft gedient hatten.
Diese Synthese von Natur und Kultur fesselte und beeindruckte mich. In mein Tagebuch notierte ich: „Umringt von Bergen, bedeckt vom blauen Himmel, die verbleibenden Blätter nur gestört durch die frostige Brise, die von den Bergen weht – ein wunderbares Panorama manifestiert sich dem Beobachter von den Bergesspitzen.“
Nach dem Erhalt eines Transitvisums für Jordanien und einem Ölwechsel am Volkswagen sagten wir am 18. Januar 1958 „Danke! Und Auf Wiedersehen!“ zu den gastfreundlichen Kurups und brachen in Richtung Indien auf. Zunächst fuhren wir jedoch nach Mafraq in Jordanien, zum Ausgangspunkt der Wüstenstraße, entlang der Ölpipeline. Diese Straße war in gutem Zustand und führte über achthundert Kilometer durch die Wüste in den Irak. Abends kamen wir an die Pumpstation H4 und verbrachten hier die Nacht. Am nächsten Morgen ging es weiter, sechshundertundfünfzig Kilometer nach Bagdad.
Am darauf folgenden Morgen kümmerten wir uns um das Wohl des dritten Reisenden – um unseren treuen Volkswagen, der einiges auf der Wüstenstrecke mitmachen musste. Glücklicherweise gab es in Bagdad eine Volkswagenvertretung, die das Auto durchcheckte und kleinere Probleme behob.
Eigenartigerweise lese ich in meinem Tagebuch den Satz: „Bagdad scheint nicht ein sehr großer Ort zu sein.“ Entweder waren wir in einem Vorort gelandet, oder die Ausmaße von Damaskus und Kairo waren noch allzu präsent. In Erinnerung bleibt die Kuppel einer mit emaillierten Kacheln bedeckten Moschee, die Palmen am Straßenrand und die faul dahinfließenden braunen Flüsse Euphrat und Tigris.
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