Über Eleusis (Elefsis), den Ort der alten Mysterienspiele, erreichten wir Athen. Von Sparta, Athen, Theben, Korinth und Delphi hatte ich schon lange geträumt. Selbst wenn ich keine weiteren archäologischen Stätten hätte besuchen können, so wäre meine Maturareise schon ein erheblicher Erfolg gewesen.
Wir wohnten im Hotel Alexandra und blieben eine ganze Woche in der Stadt. Für mich waren die Höhepunkte der Besuch der Akropolis, der Agora (des klassischen Marktplatzes) und der Universität Athen. Für Father stellten wohl der Besuch einiger Kirchen wie der Santa-Marina-Kirche sowie die Besichtigung der Blindenschule in Neo Phaleron bleibende Erinnerungen dar.
Meine Erinnerungen an große Philosophen wie Platon und Sokrates, an berühmte Dichter, an bahnbrechende Künstler wurden hier für mich viel realer und handfester. Parthenon, Erechtheion, Nike-Tempel und Propyläen – Teile dieses Tempels der Demokratie! Auf diese Griechenlandreise hatte mich meine humanistische Ausbildung vorbereitet – genauso wie auf die Reise zwei Jahre zuvor, als ich in per Autostopp bis nach Palermo getrampt war und dabei antike Stätten besucht hatte.
Mir wurde bewusst, wie sehr wir doch alle „Griechen“ und „Römer“ sind: durch unsere Art zu denken, durch Institutionen wie Gymnasium, Theater, Stadion, Parlament und vieles mehr. Wir stehen kulturell, politisch und wissenschaftlich auf den Schultern der Giganten des Altertums, meist ohne uns dieser Tatsache bewusst zu sein.
Ich erinnerte mich an den Rat, den Sokrates Phaetons Bruder Glaukon gab, der im Dialog mit Sokrates große Wissenslücken über das Gemeinwesen offenbarte, in dem er Ruhm und Ehre erlangen wollte: „Sei vorsichtig, Glaukon, dein Streben nach Ruhm könnte sonst ins Gegenteil umschlagen! Merkst du nicht, wie leichtsinnig es ist, etwas zu tun oder zu reden, wovon man nichts versteht? … Wenn du im Staate Hochachtung und Ruhm genießen möchtest, dann erarbeite dir zuallererst die Kenntnisse, welche du für die Aufgaben brauchst, die du lösen willst!“
Ich hatte mir schon im Gymnasium vorgenommen, den Fingerzeig des Sokrates zu befolgen, sollte ich einen ähnlichen Lebensweg gehen. Sicher würde es vielen in der Politik guttun, wenn sie den Rat des Sokrates beherzigten.
Nach einer ausführlichen Besichtigung der Ruinen von Eleusis fuhren wir zum historischen Delphi, dem geistigen Zentrum der alten Griechen, in ihren Augen der Nabel der Welt.
Vom Balkon unseres Hotelzimmers aus eröffnete sich schon in den frühen Morgenstunden ein fantastischer Blick über die Olivenhaine hinunter bis zum Meer. Je höher die Sonne stand, umso mehr trat das Tal aus dem Bereich der Schatten, umso mehr glänzte das Meer in der Ferne.
Den Anfang der Besichtigung bildete das Museum von Delphi mit Exponaten, die mehr als zweitausend Jahre Geschichte reflektierten: der bronzene Wagenlenker, die Sphinx und – etwas neueren Datums – die Statue des Augustus. Nachdenklich machte mich die Statue des jugendlichen Antinoos: Sein Gesichtsausdruck zeigt das Ende der sorgenfreien Jugend und den Beginn des ernsteren Mannesalters. Damit konnte ich mich identifizieren. Und ich dachte an Michelangelos David: War er vielleicht von dieser Statue inspiriert worden? Wir besuchten den Tempel des Apollon, die Stätte, an der die Priesterin – fälschlich „Pythia“ genannt – ihre berühmten Orakelsprüche offenbarte, sowie die Schatzhäuser, das alte Theater und vieles mehr.
Am 23. Oktober 1957 erreichten wir Istanbul. Wieder ein anderer – muslimisch geprägter – Kulturkreis: Hier war der Atem des Orients in den Moscheen, auf den Basaren und in der fremden Küche zu spüren. Gleichzeitig konnten wir die Zeichen der Geschichte nicht übersehen – die Hagia Sophia; die Blaue Moschee, die durch sechs Minarette geschmückt ist; der Sultanspalast Dolmabahçe-Serail.
Kleinasien war schon immer eine Brücke zwischen Asien, Afrika und Europa gewesen. Und die Konflikte zwischen Großreichen und anderen Regionen liefen oft über Kleinasien hinweg: die Perserkriege mit Griechenland und die Gegenkampagne Alexanders des Großen; das tausendjährige Byzantinische Reich, das auf seinem Höhepunkt Nordafrika, Ägypten, Palästina, Syrien, Anatolien, den Balkan, Dalmatien und Rom (einschließlich des italienischen Stiefels) umfasste; später die Araber, die seldschukischen und osmanischen Türken, deren Reich vom Persischen Golf bis zum Atlantik und vom Indischen Ozean bis vor die Tore Wiens reichte. Ein üppiges Menü für einen, der die Kulturgeschichte und politischen Entwicklungen jahrelang am humanistischen Gymnasium verschlungen hatte. Eine bessere Reise unmittelbar nach der Matura konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Ein besonderes Ereignis war der Besuch beim Patriarchen der griechisch-orthodoxen Kirche. Father und ich wurden zum Mittagessen eingeladen. Mein Gott – man stelle sich vor, man würde als Katholik vom Papst persönlich an den Mittagstisch gebeten! Für mich war das ein beeindruckendes Erlebnis, auch wenn mir die Abläufe beim Essen reichlich steif und ritualisiert in Erinnerung sind.
In Istanbul besorgten wir uns Visa für Syrien und den Libanon. Für unsere Reise wählten wir nicht den kürzeren Weg über die Osttürkei nach Persien, sondern unternahmen – dem Pfad Alexanders des Großen weitgehend folgend – einen Umweg nach Süden. Am Sonntag, dem 27. Oktober 1957, setzten wir den Fuß auf das asiatische Festland und fuhren nach Ankara. In Erinnerung blieb mir die moderne Stadt vor allem durch das Atatürk-Mausoleum: Es symbolisiert die Erinnerung an den großen Mustafa Kemal, genannt Atatürk, Vater der Türken. Seine charismatische Persönlichkeit wurde und wird von vielen Reformern in Entwicklungsländern als Vorbild angesehen. Damals konnte ich nicht vorhersehen, dass ich einige Jahre später die Tochter eines nicht weniger charismatischen Mannes heiraten würde, eines Inders, der Jahrzehnte nach seinem Tod in Indien einen ähnlichen Kultstatus besitzt wie Atatürk in der Türkei.
Zwei Tage später fuhren wir weiter gen Südosten und überquerten die Gebirgskette des Taurus mit seinen schneebedeckten Spitzen. Dramatisch der Kontrast zwischen den ausgetrockneten Ebenen und abgeernteten Feldern im Vordergrund und der dahinter aufragenden Bergkette mit ihren schneebedeckten Köpfen. Großartig auch der Blick von der Bergeshöhe hinunter in die Ebene und auf das Meer in der Bucht von Mersin.
Am nächsten Morgen brachen wir in Richtung Syrien auf. Durch die fruchtbare Ebene von Adana und um den Iskenderun-Golf herum gelangten wir zur Stadt Iskenderun („Alexandria ad Issum“). Unweit von hier focht Alexander – im arabischen Sprachraum „Iskander“ genannt – die zweite Entscheidungsschlacht gegen eine zahlenmäßig weit überlegene Armee von Persern, Medern und deren Hilfsvölkern. Schon bei der ersten Schlacht hatten sie den hüfttiefen Granicus-Fluss mit seinen steilen Flussbänken durchquert, bevor sie sich auf die gewaltige Armee der Perser stürzen konnten, mit Alexander an der Spitze seiner Kavallerie.
Bei Issus hatte der Perserkönig Darius seine Armee hinter den Makedoniern in Stellung gebracht. Dadurch hatte er sie gegen die hohen Berge und die Syrische Pforte – ein zentraler Pass auf dem Weg nach Syrien – eingekesselt. Alexander drehte den Spieß um, wandte sich zurück und überquerte den Pinarus-Fluss in Richtung der Perser. So erreichte er mit seinem Heer eine Engstelle zwischen dem Meer und den Bergen, bei der die Perser ihre zahlenmäßige Überlegenheit nicht ausspielen konnten. Die Phalanx-Bataillone griffen frontal an, während die von Alexander persönlich geführten Kavallerien mit einem lateralen Angriff von der Nähe der Hügel aus überraschten. Wie schon am Granicus brachte die überlegene Strategie Alexanders den Sieg. Der Perserkönig ergriff die Flucht.
Unsere Fahrt nach Süden führte durch Latakia und Antakya, das historische Antiochia: Hier hatte der heilige Petrus die erste christliche Kirche der Welt errichtet, hier hatte er nach der Version der syrisch-orthodoxen Kirche seinen Thron als Patriarch etabliert, hier wurden die Gläubigen zum ersten Mal als „Christen“ bezeichnet. Und hier sind noch die Überreste der Felsen und Höhlen zu sehen, in denen sich die Christen vor der Verfolgung durch die Juden versteckten.
Читать дальше