In einem geschlossenen Kastenwagen wurde ich zusammen mit anderen Häftlingen zum Civil Jail of Damascus, dem Zivilgefängnis, gebracht. Dort begann für die Häftlinge die übliche Routine: Haare schneiden, duschen, Verteilung auf die Zellen.
Als die Wärter diese Prozedur mit mir durchführen wollten, packte mich die Wut: Wie ungerecht war es, dass ich diese Prozedur über mich ergehen lassen sollte, obwohl ich das Richtige und Ehrenvolle bei diesem Unfall getan hatte! Ich riss mich mit Gewalt von zwei Wärtern los, die mich auf den bereitgestellten Stuhl zum Haareschneiden drücken wollten und schleuderte diesen gegen die Wand. Dazu schrie ich wie ein Berserker: „Aleman! Aleman! Aleman!“ – „Ich bin Deutscher!“
Die Wärter reagierten verdutzt. Anstatt mich mit noch mehr Gewalt und Prügel gefügig zu machen, konsultierten sie ihren Vorgesetzten und verwiesen mich in eine Einzelzelle. Später wurde ich, aufgrund der Intervention des indischen Botschaftsangehörigen Herrn Advani und auf heftiges Betreiben von Father, einer besonders hervorgehobenen Gruppe von Gefangenen zugeteilt. Sie sprachen Englisch, waren akademisch gebildet und nahmen mich sehr höflich auf. Das Essen des Gefängnisses war kaum zu genießen: Die Elitegefangenen teilen mit mir ihr Essen, das sie von Restaurants aus der Stadt bezogen.
Bald erfuhr ich ihre Geschichte. Der Mann mit der höchsten Seniorität war Oberstleutnant, ein politischer Gefangener. Der zweite dieser Herren war hierher gekommen, da ihn die Polizei bei einem Kontrollpunkt mit zehn Kilogramm Opium und fünfzehn Kilogramm Heroin im Auto erwischt hatte. Der dritte Mitgefangene war der Sohn des höchsten Polizeioffiziers von Syrien und des Mordes angeklagt. Der vierte Gefangene saß wegen einer ähnlichen Anklage. Eine illustre Gesellschaft, in der ich da achtzehnjährig gelandet war. Man kann es als Glücksfall oder als Fügung des Schicksals ansehen, dass ich nicht zu den gewöhnlichen Kriminellen gesteckt wurde.
Am nächsten Tag kam Father in Begleitung eines indischen Botschaftsangehörigen zu Besuch. Nach einer weiteren Nacht dann das Wunder: Auf Fathers Einfluss hin – er hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und seine beträchtlichen Überredungskünste ins Spiel gebracht – wurde ich gegen Kaution entlassen. Die Kaution, deren Höhe bei Weitem meine und Fathers finanzielle Möglichkeiten überstieg, stellte der Vertreter des Vatikans.
Die nächsten sechs Tage waren wir damit beschäftigt, Gespräche mit dem Rechtsanwalt und den Behörden zu führen. Am 20. November war es dann tatsächlich so weit: Vor dem Untersuchungsrichter erzielten wir einen Kompromiss mit dem Anwalt der Gegenseite. Gegen Zahlung von sechshundert Syrischen Pfund – dies entsprach damals ungefähr fünftausend österreichischen Schilling – wurde die Klage zurückgezogen. Am nächsten Tag gab uns das Schatzamt den hinterlegten Kautionsbetrag zurück. Halleluja!
Im Zuge der Verhandlungen erfuhren wir von unserem Rechtsanwalt, dass dies kein Einzelfall war: Ärmere Syrer stürzten sich manchmal absichtlich vor ein ausländisches Automobil, um einen Unfall zu provozieren. Auch wenn die Beweisaufnahme zugunsten des Fahrers verlief, war von vornherein klar, dass die Fremden das Land nicht verlassen durften, bevor in einem langwierigen Prozess die Schuldfrage geklärt war. Die meisten zahlten lieber einen stattlichen Betrag, um zu einer „gütlichen Einigung“ mit dem Rechtsanwalt des Unfallopfers zu kommen.
Es bleibt die Frage, wie verzweifelt jene Menschen sein müssen, die Leib und Leben für eine solche Einkommensquelle riskieren. Schon damals kam mir der Verdacht, dass ein verarmter Mensch auf einen solchen diabolischen Plan gar nicht kommen würde, sondern dass es Drahtzieher im Hintergrund geben musste. Später jedenfalls sollte ich ähnliche Kartelle in Indien kennenlernen, die systematisch die Not der blinden Kinder ausnutzten.
Nun waren wir für neue Unternehmungen bereit. Father wollte noch einige prominente Persönlichkeiten besuchen, bevor wir uns auf den Weg nach Ägypten machten. Wir fuhren zunächst nach Beirut, zu Kardinal Agaganian. Obwohl mit orthodoxem Hintergrund, war er der katholischen Kirche und damit dem Papst in Rom untergeordnet. Danach besuchten wir Lady Simeon, die christliche Präsidentin des Libanon. Im friedlichen Libanon gab es damals eine Vereinbarung zwischen Christen und Muslimen zur turnusmäßig wechselnden Präsidentschaft: So einfach kann das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen sein, wenn Toleranz und Respekt statt Rivalität und Herrschsucht zur Geltung kommen!
In Beirut kauften wir Schiffspassagen nach Alexandria für den 6. Dezember 1957 und trafen Moran Mar Ignatios, den Patriarchen von Antiochia, Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Kirche. Father Abraham war vor Jahren zum Priester der syrisch-orthodoxen Kirche geweiht worden und traf nun mit dem Oberhaupt seiner Kirche zusammen.
Wir wurden in dessen Residenz in Homs zum Mittag- und Abendessen eingeladen und nahmen am nächsten Tag, einem Sonntag, an dem vom Patriarchen zelebrierten Gottesdienst teil. Es war dessen Namenstag. Ich konnte die Messe aus unmittelbarer Nähe verfolgen und Parallelen und Unterschiede zur katholischen Messe feststellen.
Am Nachmittag fuhren wir zurück nach Damaskus. Am 4. Dezember ließen wir unseren Volkswagen hinter Herrn Kurups Haus zurück und fuhren mit dem Überlandtaxi nach Beirut.
Nach einem Tag der Vorbereitungen – Ausreisevisum für den Libanon und Geldwechsel – verließen wir am 6. Dezember 1957 Beirut auf einem wenig vertrauenerweckenden türkischen Frachter namens Istanbul : voller Rostflecken und nicht gerade sauber.
Father und ich teilten eine Doppelkabine. Der erste Fehler bestand darin, dass sich Father – dem vom unangenehmen Wellengang speiübel war – in die Kabine zurückziehen und näher bei der Toilette sein wollte. Schon war es um ihn geschehen. Immer wieder musste er sich übergeben, bis er etwas Ruhe fand. Meinen Eltern schrieb ich: „Meine erste Seereise werde ich nicht so schnell vergessen. Jetzt im Winter türmt ein eisiger Westwind die Wellen auf, das Schiff geht bergauf und bergab, hin und her, und man wird von einer Seite der Kabine auf die andere geworfen. Sobald ich mich setze, habe ich das Gefühl, als ob sich das Schiff wie ein Riesenrad dreht. Die Kabinen sind von Magensäuregeruch erfüllt, denn alles von innen drängt nach außen. Wenn ich es in dem schlechten Geruch nicht mehr aushalte, krieche ich an den Wänden entlang an Deck. Dort befinden sich immer einige, die Neptun ihre letzte Mahlzeit opfern.“
Ich konnte aber Father nicht zu lange allein lassen. Ich hatte nicht vergessen, wie sehr er sich für mich während meiner Haft im Gefängnis von Damaskus eingesetzt hatte. Der Pflicht gehorchend bewegte ich mich, immer an der Wand entlang, zurück zu unserer Kabine. Der Geruch gab mir den Rest. Mein Tagebuch sagt dazu: „Verbrachte einen schrecklichen Tag und eine schreckliche Nacht an Bord.“ Die Erlösung brachte am nächsten Tag die Ankunft in Alexandria. Dann ging es per Eisenbahn weiter nach Kairo.
Die nächsten zehn Tage vergingen wie im Traum: Die Pyramiden von Gizeh verschlugen mir den Atem, welche gewaltige Bauleistung! Die großen Steinquader aus dem Felsen per Hand herauszuarbeiten, diese zum Nil und auf dem Nil zu der Baustelle zu transportieren, dann wieder an Land die langen Rampen hinaufzubefördern, bis die Steinquader millimetergenau auf- und zueinander passten. Für mich waren und sind diese Pyramiden der bleibende Beweis, dass der Glaube – an die Rolle der Pharaonen als Mittler zwischen den Göttern und den Menschen – Berge versetzen kann.
Bei der großen Pyramide des Pharao Cheops ging ich die Passage zu den Kammern des Pharao und der Königin: Die erste Kammer befindet sich exakt auf halber Höhe, die zweite auf einem Viertel der Höhe der einhundertfünfzig Meter hohen Pyramide! Ich kletterte über die Außenquader bis zur Spitze der Pyramide hoch und genoss einen großartigen Blick über die beiden anderen Pyramiden und das grüne Band des Nils.
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