„Wo befindet sich deiner Meinung nach das eigentliche geografische Zentrum des Christentums?“, fragte ich Father Abraham. „In Antiochia, wo der heilige Petrus angeblich seinen ersten Bischofssitz etablierte? Oder in Rom, wo er den Märtyrertod starb?“
Father überlegte nicht lange: „Jerusalem, wo Christus den Opfertod starb, ist das ideelle Zentrum. Aber danach kommt sicher Antiochia, nicht Rom! Rom ist das Ergebnis einer politischen Entscheidung: Kaiser Konstantin favorisierte das Christentum als ideologische Klammer, die sein Reich zusammenhalten sollte. Es ging ihm also mehr um eine einheitliche politische Ordnung als um seinen Glauben. Überliefert ist, dass er selbst sich erst auf dem Totenbett zum Christentum bekannte. Deshalb etablierte er Konstantinopel als ‚zweites Rom‘, im Rang unmittelbar nach Rom angesehen. Ohne Konstantin wäre die Geschichte der römisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche anders verlaufen!“
In Damaskus wiederholte sich das inzwischen bekannte Muster: Beim Besuch der Indischen Botschaft wurden wir von einem Botschaftsangehörigen eingeladen, bei ihm und seiner Familie zu wohnen: Das Ehepaar Kurup hatte zwei größere Jungen im Alter von zehn und vierzehn Jahren und zwei kleinere Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, im Alter von sechzehn Monaten. Diese Hindufamilie hätte jedem Christen ein Beispiel für Nächstenliebe geben können: Wir lebten, aßen und schliefen hier für längere Zeit – und behielten die Freundlichkeit und Herzlichkeit dieser Menschen noch lange in Erinnerung.
Die Kurup-Familie bot uns eine Basis für den zwei Monate dauernden Aufenthalt in Damaskus. Von dort unternahmen wir Fahrten ins Umland sowie nach Beirut; und schließlich eine Schifffahrt von Beirut nach Alexandria. Dort nahmen wir ein Flugzeug nach Jordanien und besuchten die heiligen Stätten der Christenheit.
Jedem, der die Bedeutung des heiligen Paulus für die Entwicklung des Christentums kennt, stockt der Atem ob der historischen Bedeutung von Damaskus. Lebhaft erinnere ich mich an den orientalischen Basar, in dem alle Wohlgerüche des Orients zu Hause sind.
Father sprach nachdenklich: „Wenn ich daran denke, dass diese gesamte Region einmal christlich war …“
Und ich fragte: „Warum sind wohl schon in den Anfangsjahren so viele Menschen zum Islam übergetreten?“
„Ich glaube nicht, dass sie eine große Wahl hatten! Der Ansturm der Muslime gegen das Byzantinische Reich bedeutete in der Regel Bekehrung oder Tod für die Menschen in den eroberten Gebieten!“
„Aber heute noch wählen viele Menschen freiwillig den Islam als ihre Religion. Wenn ich mich nicht täusche, ist sie die zweitgrößte Religion in der Welt und diejenige mit der größten Zahl an Neuzugängen.“
„Ja“, erwiderte Father. „Das hat sicher seinen Grund …“
„Welchen? Worin liegt die Attraktivität des Islam?“
„Wenn ein Mensch sich dem einen wahren Gott hingibt – und Islam bedeutet genau diese Hingabe und Unterwerfung gegenüber Gott –, dann hat er ein geordnetes Universum von Geboten und Verboten. Das gibt ihm ein Gefühl der subjektiven Sicherheit und auch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten!“
„Trifft dies nicht auf alle religiösen Gemeinschaften zu?“
„Ja, aber der Islam hat einige Elemente, die ihn für die Gläubigen besonders anziehend erscheinen lassen. Im Gegensatz zum westlichen Konzept der Trennung von Kirche und Staat basiert der klassische Islam auf der integrierten politischen und spirituellen Führung des Imam. Dies ergibt das geschlossene Weltbild, das ich eben angesprochen habe.“
„Ist das alles?“
„Viele Menschen überzeugen auch die sozialen Gebote – insbesondere das Zakat, die Verpflichtung, einen Teil seines Vermögens an die Armen und Bedürftigen zu geben. Und dazu kommt noch, dass es zumindest im Prinzip keine rassistische Diskriminierung geben darf. Letzteres ist vor allem in Afrika von Bedeutung, wenngleich die arabischstämmigen Teile Nordafrikas gegenüber den schwarzen Einwohnern Afrikas ein Gefühl der Überlegenheit an den Tag legen.“
„Aus der Sicht der einfachen Menschen sind das sicher wichtige Elemente. Aber welche Anziehungskraft hat der Islam für Gebildete und Intellektuelle?“
„Der Islam baut auf einer Reform des Judaismus und des Christentums auf. Im Gegensatz zum Christentum, so sehen es islamische Intellektuelle, sind aber keine Elemente enthalten, die das Bild eines universellen Monotheismus verzerren wie beispielsweise die christliche Dreifaltigkeit. Nach islamischer Überzeugung gibt es einen einzigen Gott – Allah. Und Mohammed ist sein Prophet, der bedeutendste in der Reihe der Propheten Abraham, Moses und Jesus. Die Muslime glauben, dass die ursprünglichen, reinen Botschaften der Propheten über die Zeit verzerrt wurden. Du siehst, dass der Islam für einen Intellektuellen durchaus Charme haben kann!“
Ich war überrascht: Bisher hatte ich keine so islamfreundliche Erklärung vernommen, schon gar nicht von einem Priester!
Am Montag, dem 11. November 1957, ging es dann zurück Richtung Damaskus. Die Strecke war mir mittlerweile bestens bekannt, doch diesen Tag sollte ich mein Leben lang in Erinnerung behalten. Fünfzehn Kilometer vor Damaskus, auf der schnurgeraden asphaltierten Hauptstraße zwischen Beirut und Damaskus, tauchte am rechten Wegrand und von Weitem sichtbar eine Schafherde mit Hirten auf. Unser Volkswagen war das einzige Fahrzeug weit und breit.
Als ich glaubte, schon fast an der Gruppe vorbei zu sein, sprang der Hirte plötzlich direkt vor unser Auto. Ich betätigte die Bremse, hatte aber keine Chance, ihm auszuweichen. Dumpf prallte er auf den Volkswagen und wurde zurück auf die Straße geschleudert. Ich hielt auf dem Seitenstreifen und lief zu dem Hirten zurück. Er war bewusstlos. Am Volkswagen waren der linke Scheinwerfer, der linke Kotflügel und die Abdeckung des vorderen Stauraums beschädigt. Wir konnten den Bewusstlosen nicht in unseren Volkswagen laden und warteten, bis ein Bus kam. Mit der Hilfe von mehreren Reisenden legte ich den Mann in den Gang des Busses und bat den Fahrer, uns in das beste Krankenhaus in Damaskus zu bringen.
Father Abraham ließ ich, seinem Wunsch folgend, zurück. Ihm schien die Gefahr des Vandalismus und des Diebstahls bei einem Unfallauto am Straßenrand zu groß.
Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass der Hirte Brüche am Bein und an der Hüfte erlitten hatte. Während der Untersuchungen wurde ich – der freiwillig den Mann versorgt und hergebracht hatte – vorsorglich in das „Gefängnis“ des Krankenhauses gesteckt. Die Polizei kam schließlich, um den Fall aufzunehmen und Anklage zu erheben. Die Beamten sprachen kein Wort Englisch oder Deutsch – auch nicht Französisch oder Italienisch. Ich sprach höchstens einige Worte Arabisch. Mit der Hilfe eines gebildeten „Mitgefangenen“ konnte ich klarmachen, dass ich – wie von Father empfohlen – die Indische Botschaft über unser Missgeschick informieren und den blinden Pater abholen wollte.
Die Polizei untersuchte den Unfallort akribisch. Ein Protokoll wurde auf Arabisch erstellt. Wie ich später durch einen sprachkundigen Menschen erfuhr, gab man dem Hirten die volle Schuld an dem Unfall.
Mit dem Unfallauto und eskortiert von der Polizei fuhren wir zum Haus der Kurups (der von mir zurechtgebogene Kotflügel stellte noch ein gewisses Hindernis dar). Der Diplomat gab sofort eine „Party“ für die Polizisten, mit Drinks (!), Abendessen und vielem mehr. Trotzdem war die Polizei verpflichtet, uns als ausländischen Unfallteilnehmern die Weiterfahrt zu verwehren, bis ein Gericht das Urteil gesprochen hatte. Also verbrachte ich die Nacht in der Polizeistation von Duma.
Am nächsten Tag präsentierte die Polizei mich und das Unfallprotokoll dem Richter. Da der Bericht des Krankenhauses noch nicht vorlag, weigerte sich dieser, mich gegen Kaution zu entlassen. Um sicherzustellen, dass ich das Land nicht verlassen würde, musste ich in sichere Verwahrung, sprich: ins Gefängnis von Damaskus überstellt werden. Father Abraham flossen die Tränen in den Bart.
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