Gerne nahmen wir an Übungen als Pfadfinder teil, die von Pater Adalbert initiiert und geleitet wurden. Dabei lernten wir zehn Körperübungen kennen, die nach dem Begründer der Pfadfinderbewegung, Lord Baden-Powell, täglich zu absolvieren sind. Mich hatte die Weisung Baden-Powells überzeugt. Nach dem Aufstehen begann ich im Vorraum des großen Schlafsaals und später im Freien mit den Übungen. Anfangs wurde ich von den Mitschülern belächelt, dann schlossen sich einige an, und am Ende machten alle mit. Nach und nach entwickelte ich mehr Interesse am Fußballspielen und am Sport allgemein. Ein guter Sportler beeindruckt seine Mitschüler mehr als ein guter Schüler!
Diese Entwicklung beobachtete Pater Werner Klüger, der lange als Missionar in China tätig gewesen war. Eines Tages rief er mich zu sich:
„Du weißt, dass ich jahrelang in China ein Salesianer-Internat geleitet habe. Ich will dir von einem Jungen erzählen, der mich beeindruckte. Er wurde von allen Mitschülern wegen seiner schulischen und sportlichen Leistungen respektiert und galt als natürlicher Anführer. Seine Autorität war so groß, dass er selbst einen Schüler züchtigen konnte, der größer und stärker war als er selbst. Ich bin überzeugt, dass du hier im Stift Heiligenkreuz bei deinen Mitschülern eine solche Rolle spielen kannst und dass du in deinem Leben etwas Außergewöhnliches leisten kannst, wenn du dies nur willst!“
Ich war erstaunt und skeptisch: Erstens glaubte ich nicht, dass ich einen Mitschüler ungestraft züchtigen konnte oder gar wollte. Und zweitens hatte ich mich bisher nie in der Rolle einer Autorität gesehen. Aber Großes wollte ich eigentlich schon leisten. Deshalb blieb etwas von Pater Werners Worten bei mir hängen. Die Frage nach dem richtigen Vorbild und Leitbild für mein Leben beschäftigte mich sehr.
Während des Mittagessens las immer einer von uns Schülern aus einem Buch vor. Ich erinnere mich gut, dass ich einmal große Teile eines Buches über Pater Damian De Veuster und seine missionarische Arbeit auf Molokai, Hawaii, für die Leprakranken vorlas. Sein selbstloses Leben hinterließ einen tiefen Eindruck bei mir. Ich fragte mich: Kann man Erfolg nur nach öffentlich anerkannten Leistungen definieren? Und zählen Handlungen, die nicht nur der Befriedigung des eigenen Ego dienen, mehr, weil sie das Wohlergehen anderer verbessern? Was ist ein produktives Leben: Muss es neben Erfolg und Leistungen für andere auch persönliches Glück beinhalten?
Aus dem schüchternen, introvertierten Volksschüler wurde in den ersten vier Jahren des Gymnasiums ein selbstbewusster und selbstsicher handelnder Junge: Wenn andere eine solche Meinung über mein Potenzial haben, ist vielleicht etwas daran, sagte ich mir. Habe ich eine Lebensaufgabe, eine Bestimmung über das Alltägliche hinaus? Aus meiner heutigen Perspektive würde ich folgern, dass durch schulischen und sportlichen Erfolg ein Wandel in meinem Selbstbild entstanden war. Ich merkte, dass ich meine Phasen der Traurigkeit und Lustlosigkeit durch entschlossenes Handeln und durch Hingabe an ein Zukunftsprojekt beenden konnte. Dass daraus eine Art Euphorie und Lust am Handeln entstehen konnte. Dass ich aus der inneren Defensive in die Offensive kommen konnte. Und dass ich die damit verbundene Aktivität und Anerkennung genoss.
Am Anfang meiner Zeit als Schüler im Stift Heiligenkreuz hatte ich ein ambivalentes Verhältnis zur Religion. Einerseits war ich beeinflusst durch die frühkindlichen Erfahrungen in Tevel: regelmäßiger Kirchenbesuch, Gebet vor dem Essen und Schlafengehen, das Beispiel meiner Mutter und meiner Großeltern. Andererseits hatten die zwei Jahre bei den Logotkas eher zu einer kritischen Dis-tanz geführt: Onkluschka und Franzi-Tante waren entweder Agnostiker, wenn nicht gar Atheisten. Jedenfalls misstrauten sie der Organisation der Kirche und ihren Vertretern. Und sie äußerten sich sehr kritisch über die Rolle der Kirche während der Zeit der Hitler-Regierung. Zudem waren sie bekennende Sozialisten.
Im Lauf der Eingewöhnung in Heiligenkreuz öffnete ich mich zunehmend gegenüber der Lehre der Kirche: Nach einem Jahr versuchte ich sogar, mich emotional mit den Postulaten des katholischen Glaubens zu identifizieren.
Jeden Morgen wohnten wir der Messe in der Stiftskirche bei. Von den Sitzreihen seitlich des Hauptaltars hatten wir einen hervorragenden Blick auf das liturgische Geschehen. Oft strömten von den hohen Fenstern mit ihren Glasmalereien die Sonnenstrahlen herab und zeichneten bunte Muster auf den Boden. Immer mehr versuchte ich während der Messe zu meditieren, mich vom laufenden Geschehen gedanklich zu entfernen. Es kam eine Phase, in der ich mich emotional mit dem Opfertod Jesu und der Erlösungsgeschichte befasste: Und plötzlich verspürte ich ein intensives Gefühl der Liebe, ja der Verzückung, eine Identifikation mit dem gekreuzigten Heiland. Ich fühlte mich eins mit Christus, eins mit Gott.
Meine Phase der Identifikation mit der christlichen Botschaft und der mystischen Liebe zum gekreuzigten Heiland war erheblichen Schwankungen unterworfen: Je mehr ich die für mich eklatanten Widersprüche zwischen dem Glauben und der bedrückenden Realität der Welt wahrnahm, umso kritischer stand ich dem Glauben gegenüber. Es stellten sich Fragen über Fragen, über die ich wohl auch für andere sichtbar grübelte.
Eines Tages sprach mich Pater Werner an: „Martin, ich wollte schon länger mit dir reden – über deine Leistungen als Schüler, über dich als Menschen, über deine Probleme.“
„Was gibt es da zu besprechen? Sind Sie mit meinen Leistungen nicht zufrieden? Was sollte ich besser machen?“
„Mit deinen Leistungen als Schüler bis ich mehr als zufrieden. Du bist Klassenbester, deine Lehrer loben dich und deine Mitschüler eifern dir nach. Darüber mache ich mir keine Sorgen.
Aber ich sehe, dass du oft vor dich hin grübelst. Und dass du dabei nicht glücklich zu sein scheinst!“
„Pater Werner, ich werde schon damit fertig …“
„Ich will dir gerne helfen, wenn du mich lässt! Aber ich dränge dir sicher nichts auf.“
„Ich tue mich schwer, über Dinge zu reden, über die ich mir selbst nicht ganz im Klaren bin. So vieles in meinem Leben scheint keinen Sinn zu haben, manches ist gar verwirrend. Ich weiß weder wofür noch wonach ich mein Leben gestalten soll!“
„Was brennt dir denn besonders auf den Nägeln?“
„Manchmal frage ich mich, wer ich bin. Und ich sehe nicht, warum ich auf diese Welt gekommen bin, warum ich überhaupt lebe. Oder was mein Ziel im Leben sein soll!“
„Nun, diese Fragen stellen sich viele Menschen, vor allem im jugendlichen Alter. Welche Frage bedrückt dich am meisten?“
„Welchen Sinn hat das Leben, welchen Sinn hat mein Leben?“
„Lieber Martin, als Christen glauben wir: Gott hat die Welt aus Liebe erschaffen, nicht aus Notwendigkeit. Und Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, hat uns aus Liebe Erlösung gebracht. Der Sinn des menschlichen Lebens besteht also darin, Gott zu dienen, ihn anzubeten und ein Leben voller guter Taten zu leben. Wir Menschen müssen aktiv mitwirken, damit das Reich Gottes kommen kann. Dann werden wir von unseren Sünden erlöst und kommen in den Himmel.“
„Aber vom Reich Gottes sind wir wohl noch sehr weit entfernt! Ich frage mich: Welchen Sinn hatte der Zweite Weltkrieg, die zig Millionen Toten? Die Verschleppung meiner Mutter nach Russland? Die Trennung unserer Familie? Wenn Gott die Welt aus Liebe geschaffen hat und wenn Gott allmächtig ist, warum hat er dies alles zugelassen? Warum hat er meine Gebete nicht erhört und die üblen Dinge in meinem Leben nicht verhindert?“
„Gottes Werke sind unergründlich und für uns Menschen oft nicht nachzuvollziehen. Leid dient auch dazu, unseren Glauben zu prüfen und uns herauszufordern, trotzdem unsere Pflicht als Christen zu tun! Der Theologe Friedrich Bonhoeffer ist im letzten Kriegsjahr, im April 1945, im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet worden. Vor seinem Tod hat er in Kenntnis all der schrecklichen Dinge, die er dort erlebt hat, gesagt: ‚Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.‘ Daran müssen wir als Christen glauben.“
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