»Apropos denken. Ich denke, du bist schon vor ewigen Zeiten aus der Kirche ausgetreten, wieso bedankst du dich dann andauernd bei Gott?«
Gero macht eine abwiegelnde Handbewegung. »Ach, das ist doch nur so eine Floskel.« Mit einem schalkhaften Lächeln dreht er den verbalen Spieß um: »Apropos Gott. Gibt es ihn nun, oder gibt es ihn nicht? Wenn du wirklich einen IQ von 500 hast und aus dem tiefen Weltall kommst, müsstest du mir diese Frage doch eigentlich beantworten können.«
»Können schon, aber nicht wollen.«
Gero legt die Handflächen aneinander und fleht den kleinen Außerirdischen an. »Bitte sag es mir.«
»Deus est sphaera infinita, cuius centrum est ubique, circumferentia nusquam.«
»He?«, ist alles, wozu Gero fähig ist.
»Ja, hast du denn in der Schule nicht Latein gelernt?«, fragt NO verwundert.
»Keine zehn Pferde hätten mich dazu gebracht, mir das Herrschaftswissen des reaktionären Bürgertums anzueignen.« Angewidert spuckt Gero auf die Erde.
»Übersetzung gefällig?« Als Gero nicht reagiert, fährt NO fort: »Gott, das ist die unendliche Kugel, deren Mittelpunkt überall und deren Umfang nirgends ist.«
NO macht eine entschuldigende Geste. »Leider ist dieser superschlaue Spruch nicht von mir. Er findet sich im Buch der 24 Philosophen. Aber wie ich dich kenne, hast du noch nie etwas von diesem Buch gehört. Stimmt doch, oder?«
»Ja, und?«, giftet Gero zurück.
»Du solltest dich dringend mit der Philosophie beschäftigen. Zumal einige deiner Zeitgenossen behaupten, dass die Erkenntnisse der antiken Philosophen im Hinblick auf Schulpädagogik und Kindererziehung nach wie vor gültig seien.«
»Alles Unsinn! Philosophie ist nichts als Dummschwätzerei. Ich dagegen bin mit Haut und Haaren Pragmatiker!« Gero reckt eine Faust zum schwarzgrauen Himmelsgewölbe empor. »Es lebe der Pragmatismus. Ich …«
»Stopp! Mir wird gerade ein Zitat eingespielt. Es stammt von Platon und ist somit über 2000 Jahre alt:
Wenn Väter
ihre Kinder gewähren lassen und
sich vor ihnen geradezu fürchten,
wenn Söhne
ohne Erfahrung handeln wollen wie die Väter,
sich nichts sagen lassen, um selbständig zu erscheinen,
wenn Lehrer,
statt ihre Schüler mit sicherer Hand auf den sicheren Weg
zu führen, sich vor ihnen fürchten und staunen,
dass ihre Schüler sie verachten,
wenn die Alten
sich aber unter die Jungen setzen und versuchen
sich ihnen gefällig zu machen, indem sie Ungehörigkeiten
übersehen oder gar an ihnen teilnehmen,
damit sie nicht als vergreist oder autoritätsgierig erscheinen,
wenn die auf diese Weise verführte Jugend
aufsässig wird, sofern man ihr
nur den mindesten Zwang auferlegen will,
weil niemand sie lehrte, die Gesetze zu achten,
ohne die keine Gemeinschaft leben kann,
dann ist Vorsicht geboten.«
Gero schürzt die Lippen. »Verstehe den Zusammenhang nicht.«
»Ich auch nicht«, stimmt NO zu. »Mir ist manchmal schleierhaft, warum ich bestimmte Sätze und Zitate eingespielt bekomme«, ergänzt er.
»Dann bist du also ferngesteuert?«
»Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß«, sagt NO mit wippenden Antennen.
Gero fixiert die körperfarbenen Fühler, die inzwischen wieder zum Stillstand gekommen sind. »Über diese Dinger hältst du also Kontakt zu deinem Planeten.«
»Vergiss es einfach, Erdenmensch. Du wirst unsere Kommunikationslogistik nicht verstehen. Kehren wir lieber zu deiner Grundschulzeit zurück. Du hast vorhin erzählt, dass damals, als du krank warst, deine Mutter mit dir das Alphabet gelernt hat. Hat sie auch sonst mit dir gelernt?«
Gero stöhnt. »Na klar. Jeden Tag hat sie mit meinem Bruder und mir gepaukt. Jeden Tag hat sie zuerst die Hausaufgaben kontrolliert und uns dann Gedichte, Liedstrophen und Psalmen abgehört. Oder sie hat uns Texte diktiert, die wir dann solange schreiben mussten, bis sie fehlerfrei waren.«
Er grinst spöttisch. »Und später hat sie uns sogar englische Vokabeln abgehört, obwohl sie ja nur die Volksschule besucht hat und nie Englisch lernte. Sie hatte so eine grottenschlechte Aussprache. Ich hab sie deswegen andauernd ausgelacht, aber sie hat mir trotzdem keine Ruhe gelassen.«
Gero presst die Zähne so fest aufeinander, dass sich unter seiner Wangenhaut die Kaumuskeln wie kleine Hügel abzeichnen. »Immer dieses bescheuerte, stumpfsinnige Auswendiglernen. Ach Gott, hat mich das damals angeödet!«
»Lernen sollte eben Spaß machen.«
»Du hast es kapiert, NO. Nur in den modernen Spiel-und Spaß-Grundschulen erwerben die Kinder Lerninhalte, die sie auch dauerhaft präsent haben werden. Und nicht wie wir nur dieses eingetrichterte Pseudowissen, das man sofort nach der nächsten Klassenarbeit wieder vergessen hat.«
»Ihr habt doch bestimmt auch unnötiges Zeug in Erdkunde pauken müssen, nicht wahr?«
»Ja, sicher mussten wir uns allen möglichen geographischen Unsinn in die Birne hineindrücken.«
»Hauptstadt von Argentinien?«
Gero verzieht den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Machen wir jetzt ein Wissensquiz, oder wie?«
»Frage nicht, beantworte meine Fragen.«
»Okay. Buenos Aires.«
»Von Georgien?«
»Tiflis.«
»Indonesien?«
»Jakarta.«
»Höchster Berg der Erde?«
»Mount Everest.«
»Höhe?«
»8800 Meter und ein paar Zerquetschte.«
»8848«, korrigiert NO. »Höchster Berg Europas mit Höhenangabe.«
»Mont Blanc, circa 4600 Meter.«
»Du schwächelst: 4808.«
»Nenne mir drei afrikanische Flüsse.«
Gero kratzt sich an der Stirn. »Sambesi, Nil, Kongo, Niger.«
»Sehr gut, sogar einer mehr«, lobt NO. »Wann habt ihr diesen Lernstoff in der Schule durchgenommen?«
Grübelnd schiebt Gero die Unterlippe vor und kratzt sich am Hals »Na ja, irgendwann in der Mittelstufe wird das wohl gewesen sein. Ich schätze mal in der 6. oder 7. Klasse.«
»Wie alt warst du damals?«
Gero kippt den Kopf ein wenig schräg. »12 oder 13 Jahre.«
»Also vor 50 Jahren.«
»Ja, so ungefähr.«
»Und dann weißt du das alles heute noch so genau? Vorhin hast du doch behauptet, du hättest immer nur stumpfsinnig für die nächste Klassenarbeit gepaukt und gleich danach alles wieder vergessen.«
»War ja auch so«, beharrt Gero. »Ich verfüge eben über ein sehr gutes Allgemeinwissen.« Er grinst breit. »Und das habe ich mir nicht in der Schule, sondern im Laufe meines späteren Lebens angeeignet.«
NO reagiert nicht auf diese Behauptung. »Nun die Masterfrage: Übersetze das deutsche Verb ›verstehen‹ ins Französische und konjugiere es.«
»Auch das ist nicht schwer«, tönt Gero selbstbewusst: »Das Verb heißt ›comprende‹ und wird folgendermaßen konjugiert: je comprends, tu comprends, il comprend, nous comprenons, vouz comprenez, ils comprennent.«
»Wow – 100 Punkte«, ruft NO und klopft die Fäustchen aneinander. »Lehrstoff welcher Klassenstufe?«
»Etwa 7. Klasse«, spekuliert Gero.
»Ist also auch schon circa 50 Jahre her.«
»Na ja, ich hab eben seitdem ein paarmal in Frankreich Urlaub gemacht.«
»Und in Afrika auch?«
»Nee, da war ich noch nie. Wieso?«
»Weil du die Flüsse gewusst hast.«
»Ich hab eben eine breite Allgemeinbildung.«
»Ach so«, sagt NO und springt wie ein Hüpfball auf der Bank herum.
»Was’n los mit dir?«
»Nichts Besonderes, ich freue mich nur«, juchzt NO. »Du solltest dich auch öfter freuen. Freude ist nämlich etwas ganz, ganz Tolles! ›Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus‹. – Zitat von Demokrit, geboren vor 2500 Jahren.«
Gero grunzt amüsiert. »Du bist schon ein wundersamer kleiner Kerl.«
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