»Und das ist nicht gut?«
»Nein, natürlich nicht. Das ist Chancenungleichheit pur. Dadurch werden diejenigen Kinder extrem benachteiligt, mit denen niemand zu Hause lernt.«
NO brummt eine Weile vor sich hin. Eine Verkehrsmaschine fliegt über die beiden mit einem Höllenlärm hinweg und steuert den am anderen Ende der Stadt gelegenen Flughafen an.
»Wieder einer, der mit einer Sondergenehmigung das Nachtflugverbot umgeht«, schimpft Gero.
»Wenn dich die Triebwerksgeräusche stören, musst du auf meinen Planeten umziehen«, bemerkt NO kichernd. »Die Antriebe unserer Flugmaschinen sind völlig geräuschlos.«
»Könnten wir diese Technologie denn nicht auch nutzen?«
NOs Antennen kreisen wild und produzieren stroposkopartige Blitze. »Nein, das geht nicht«, feixt er. »Erstens seid ihr Menschen viel zu blöd, um diese Technologie zu verstehen, und zweitens existieren die dazu benötigten Rohstoffe auf der Erde nicht.«
»Schade«, seufzt Gero.
»Wie war das denn eigentlich bei dir zu Hause, als du Kind warst? Du warst doch auch einmal ein Kind, oder?«
Gero grinst breit. »Na klar, jeder Mensch ist selbstverständlich zuerst Kind, bevor er zum Erwachsenen wird.«
»Aber manche Menschen sind doch auch noch als Erwachsene kindisch. Dann sind sie doch wieder ein Kind, oder?«
»Ja, irgendwie schon, aber eben nur im übertragenen Sinne.«
NO quietscht vor Vergnügen. »Noch mal zu deinen Eltern: Waren die bildungsnah oder bildungsfern?«
Gero zieht abschätzig die Mundwinkel nach unten. »Mit Bildung hatten meine Alten nichts am Hut.«
»Wieso denn nicht?«
»Meine Mutter war nur Hausfrau. Sie hat den ganzen lieben langen Tag nichts anderes gemacht als geputzt, aufgeräumt, Wäsche gewaschen und für ihre Söhne gekocht.«
»Du hast also mindestens einen Bruder?«
»Woher weißt du das?«, fragt Gero, doch gleich darauf kommt ihm die Erleuchtung. Er tippt sich an die Stirn. »Logisch, das hast du aus meinem Plural abgeleitet.«
»Aus dem von dir verwendeten Plural«, verbessert NO. »Ja, ich bin ein kleiner Schlauberger. Logik ist eine meiner großen Stärken. Ich habe übrigens einen IQ von über 500.«
Gero schnaubt verächtlich. »Solch einen hohen Wert gibt es doch gar nicht, du Angeber!«
»Neidhammel«, kontert NO. »Da könnte man vor Neid glatt grün werden, gell?«
Passend zu dieser Bemerkung verwandelt sich seine Körperfarbe in ein dunkles Tannengrün. Es duftet markant nach zerriebenen Fichtennadeln.
»Du kommst ja nur auf einen IQ-Wert von gerade mal 107«, legt No nach. »Und das war dein bisher bestes Testergebnis.«
»Woher weißt du denn das schon wieder?«
»Recherche, mein lieber Erdbewohner, professionelle Recherche.«
»Du verblüffst mich immer mehr.«
»Gut so. Zurück zu deiner Herkunftsfamilie.«
»Warum?«
»Mich interessiert deine Bildungsbiographie eben.«
»Okay, was willst du noch wissen?«
»Deine Eltern hatten also keine Bücher und haben dir auch nicht aus geliehenen Büchern vorgelesen?«
»So ist es«, nickt Gero und räuspert sich. »Obwohl, das stimmt nicht ganz«, korrigiert er. »Meine Mutter hat irgendwann einmal ein paar Kinderbücher gekauft und sie uns vorgelesen.«
»Wie oft?«
Denkpause. »Eigentlich jeden Abend, wenn wir ins Bett sind«, murmelt Gero vor sich hin.
»Und dein Vater?«
»Der hat immer nur malocht.« Abschätzig presst Gero Luft durch die Nase. »Der Alte hat richtig drangeklotzt. Überstunden um Überstunden hat er gemacht. Und sogar am Wochenende hat er geschuftet wie ein Brunnenputzer.« Mit einem Augenzwinkern ergänzt er: »Schwarz, versteht sich.«
»Konnte dein Vater denn auch die Körperfarbe wechseln, so wie ich?«
»He?« Geros verdutzte Miene bringt sein Unverständnis plakativ zum Ausdruck. Doch dann lacht er schallend los. »Nein, NO, er wurde nicht schwarz, er hat nur schwarz gearbeitet.«
»Also mir wurde nur die Redensart ›Er hat sich schwarz geärgert‹ einprogrammiert.«
»Schwarz arbeiten bedeutet, dass man dem Staat von seinem Arbeitslohn keine Steuern abführt. Ist zwar nicht legal, aber wie hieß es früher zu Sponti-Zeiten so schön: Legal – Illegal – Scheißegal!«
»Verstehe ich immer noch nicht.«
»Ja, gibt’s denn auf deinem Planeten keine Steuern?«
NO wiegt den Kopf hin und her.
»Auch kein Finanzamt?«
Dieselbe Reaktion.
»Ich glaube, ich fliege doch mit dir zu deinem Stern«, prustet Gero und klatscht in die Hände.
»Das geht nicht«, erklärt NO nüchtern.
»War ja auch nur Spaß.«
»Aus Spaß wurde Ernst, Ernst lernt jetzt laufen«, bedient sich NO aus seinem schier unerschöpflichen Sprüche-Fundus. »Zurück zu deiner Kindheit. Hast du eine Grundschule besucht?«
»Ja, sicher, schließlich gibt es in Deutschland eine Schulpflicht.«
»Wie lange dauert die Grundschule?«
»Leider nur vier Jahre. In einigen besonders fortschrittlichen Bundesländern beträgt die Grundschulzeit allerdings sechs Jahre. Dieses längere gemeinsame Lernen ist ganz, ganz wichtig für die gesunde soziale Entwicklung der Schüler und verhindert das frühzeitige Aussondern und Abschieben gerade der Kinder aus bildungsfernen Schichten.«
»Die Selektion.«
Gero nickt.
»Das hatten wir ja schon«, stellt NO lapidar fest. »Du warst sicher in einer sechsjährigen Grundschule?«
»Nein, die gab es damals leider noch nicht.«
»Dann bist du also sozial nicht gesund entwickelt.«
Gero lacht. »Na, das wollen wir doch nicht hoffen, oder?«
NO geht darauf nicht ein, sondern erkundigt sich nach Details aus Geros Kindheit. Ein Thema, auf das sich Gero gerne einlässt.
»Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, wundere ich mich schon manchmal, dass ich überhaupt groß geworden bin«, sagt der Bildungsexperte.
»Wieso?«
Gedankenversunken zeichnet Gero mit der Fußspitze ein Kreuz in den Sand. »Na ja, wir saßen ohne Sicherheitsgurte und Airbags im Auto. Beim Fahrradfahren trugen wir keine Schutzhelme.« Gero reckt bedeutungsvoll den Finger in die Höhe. »Kleine Anmerkung am Rande: Unsere Fahrräder besaßen keine Gangschaltung. Unvorstellbar heute!«
»Interessant«, bemerkt NO.
»Wir haben überall gespielt: im Wald, am Fluss, am See, in alten Bunkeranlagen.« Gero grunzt amüsiert. »Und das völlig unbeobachtet von unseren Eltern. Natürlich mussten wir nach dem Mittagessen zuerst unsere Hausaufgaben erledigen. Aber wenn wir damit fertig waren und Mutter sie kontrolliert hatte, konnten wir anschließend tun und lassen, was wir wollten.
Meist gab es nur eine einzige Anweisung, an die wir uns zu halten hatten. Sie lautete: Bevor’s dunkel wird, seid ihr zu Hause. Und wenn es mal später wurde, hat man sich eben seine Ohrfeige abgeholt oder es wurde einem der Hintern versohlt – damit war die Sache dann aber erledigt.«
»Haben deine Eltern keine Kinderpsychologen, Erziehungsberatungsstellen oder Selbsthilfegruppen aufgesucht?«, fragt NO verwundert.
»So etwas gab’s früher nicht«, lacht Gero und schnäuzt sich trompetenartig die Nase. »Ja, das waren damals schon harte Zeiten für Kinder.« Er seufzt wehmütig. »Aber es waren auch sauschöne, wilde Jahre, in denen man …« Den Rest lässt Gero unausgesprochen.
»Erzähl bitte noch ein bisschen mehr aus deiner Kindheit«, versucht NO den unterbrochenen Redefluss wieder in Gang zu bringen.
»Das kann man sich heute im Handy-Zeitalter mit dieser schrecklichen Überall-Erreichbarkeit kaum mehr vorstellen: Unsere Eltern wussten nicht, wo wir waren«, sagt Gero mit verklärtem Blick. »Stell dir das mal vor«. Mit dem Daumennagel reibt er sich über den Handrücken und seufzt: »Welche traumhaften Zustände.«
»Wir hatten damals auch absolut keinen Freizeitstress, so wie heute, wo schon die Kleinsten tagaus, tagein durch die Gegend chauffiert werden: von der Musikschule zum Ballett, vom Nachhilfestudio direkt in den Tennisverein oder zum Event in die Spiel- und Spaßfabrik.«
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