»Ach Gott, bist du eine Nervensäge«, schimpft Gero. »Gut, dann sage ich es eben in aller Deutlichkeit: Weil ich willensstärker und intelligenter bin als diese Pfeife.«
»Und das hast du deiner Umwelt zu verdanken?«
Sichtlich genervt schleudert Gero eine Hand in NOs Richtung. »Ach, lass mich doch in Ruhe.«
»In der Ruhe liegt die Kraft«, meint NO trocken. »Komm, erzähl mir noch ein bisschen was über deine Kindheit und über deine Schulzeit. Vielleicht wirst du dann ja wieder etwas lockerer. Also los! Beginnen wir mit deinem ersten Schultag.«
Gero wirft NO einen bösen Blick zu und schweigt demonstrativ. Doch nach einer Weile entspannen sich seine verkrampften Gesichtszüge, und ein Lächeln umspielt seinen Mund. »Mein erster Schultag war das totale Fiasko.«
»Wieso?«
»Wir wurden damals nach den Osterferien, also im April, eingeschult. Heutzutage beginnt das neue Schuljahr im späten August oder im September«, fügte er erläuternd hinzu.
Gero lacht: »Nebenbei bemerkt: Wegen zweier Kurzschuljahre habe ich im Mai, also nach nur acht Jahren Gymnasium mein Abitur gemacht. Eine unfreiwillige G8-Turbo-Schulzeit, wenn man so will.«
NO verzieht keine Miene, denn er weiß mit dieser Information nichts anzufangen. Deshalb paraphrasiert er: »Also nach den Osterferien war dein erster Schultag.«
»Ja, und der ging wirklich total in die Hose. Für das Klassenfoto mussten wir uns mit unseren schweren Schultüten im Hof aufstellen – direkt unter einer blühenden Birke!« Gero blickt NO erwartungsvoll an. Doch der kleine Kerl versteht nicht, worauf er hinauswill.
Deshalb schiebt Gero erläuternd nach: »An diesem Tag wurde mir zum ersten Mal schmerzlich bewusst, dass ich Allergiker bin und unter starkem Heuschnupfen leide. Die blöden Birkenpollen haben mir derart zugesetzt, dass ich einen schweren Asthmaanfall bekam und sogar ins Krankenhaus musste.« Er lächelt und schüttelt den Kopf. »Das war mein erster Schultag.«
»Aber du warst doch nicht ewig krank.«
»Nein, natürlich nicht. Gleich am nächsten Tag bin ich dann wieder in der Grundschule angetreten, diesmal allerdings ohne Schultüte.« Gedankenversunken reibt sich Gero den Handrücken.
»Erzähl doch einfach mal munter drauflos, was dir gerade so einfällt«, fordert NO.
Gero schaut ihn fragend an: »Wo soll ich denn da anfangen?«
»Schließ die Augen und warte, bis ein Bild in deinem Kopfkino erscheint.«
Gero tut, wie ihm geheißen. »Das gibt’s doch gar nicht, meine alte Fibel«, stößt er kurz darauf begeistert aus. »Die hatte ich ja ganz vergessen.«
»Was ist eine Fibel?«
»Ein Buch, mit dem man in der Schule lesen lernt.«
»Beschreib mal ihr Aussehen.«
»Die Fibel ist bunt, sehr bunt. Kein Wunder, denn sie heißt ›Meine bunte Welt‹. Der Buchdeckel erinnert an ein Gemälde der naiven Malerei. Drei Kinder sitzen auf einer Holzbank. Das sind Hans, Heiner und Elsa.«
»Woher weißt du, wie die Kinder heißen?«
»Weil sie mir das Lesen beigebracht haben. Die drei haben uns damals durch das gesamte erste Schuljahr begleitet«, erläutert Gero. »Jeder Satz, jede kleine Geschichte hat sich um diese drei Geschwister gedreht.« Er lacht. »Einer meiner Lehrerkollegen hat seine eigenen Kinder tatsächlich Hans, Heiner und Elsa getauft.«
»Und sie selbstverständlich auch nicht an einer Gesamtschule, sondern an einem Gymnasium angemeldet«, kann sich NO nicht verkneifen. »Was ist noch auf dem Buchdeckel?«
Man sieht Gero an, dass es in ihm brodelt. Doch er beherrscht sich und antwortet: »Hinter den Kindern stehen Bäume mit dunkelgrünen Blättern, auf denen Vögel und ein Eichhörnchen sitzen. Zwischen den Ästen lächelt eine orangegelbe Sonne auf die Kinder herab.«
Gero räuspert sich und fährt anschließend fort: »Außerdem sehe ich eine Katze, einen Hasen, einen Igel und einen Hahn. Der buntgefiederte Gockel sitzt wie ein Wachtposten auf einem Gartentürchen. Auf der hellgrünen Wiese liegen eine Puppe, ein Schubkarren und eine Schiefertafel herum, auf der ›ABC‹ in Schreibschrift steht.« Er seufzt ergriffen. »Lustig, dieses Relikt aus glücklichen, unbeschwerten Kindertagen.«
»Du würdest also deine Kindheit als glücklich bezeichnen?«
»Ja, das kann ich guten Gewissens behaupten.« Er schnippt mit den Fingern. »Zum Thema ›ABC‹ fällt mir gerade noch etwas Lustiges ein: Kurz nach der Einschulung bin ich an Keuchhusten erkrankt und musste sechs oder acht Wochen zu Hause bleiben. Meine Mutter hat die Zeit genutzt und mit mir die Buchstaben des Alphabets gelernt. Ich war total happy, als ich wieder in die Schule durfte. Voller Stolz habe ich das ABC aufgesagt.«
Gero klatscht sich auf die Oberschenkel. »Und dann eröffnet mir diese blöde Lehrerin doch tatsächlich, dass ich alles total falsch gelernt hätte. Die einzelnen Buchstaben würde man ganz anders aussprechen. Was glaubst du wohl, wie geschockt ich damals war.«
»Diesen Schock scheinst du ja inzwischen gut verkraftet zu haben«, bemerkt NO unbeeindruckt. »So, und nun schließt du wieder deine Äuglein und konzentrierst dich intensiv auf deine Grundschulzeit.«
Gero gehorcht.
»Welches Bild siehst du auf deiner inneren Leinwand?«
»Mein altes Schreibheft. Ich glaub es einfach nicht«, freut sich Gero. »Stundenlang mussten wir Buchstaben da reinmalen. Immer und immer wieder diese Dächer.«
»Dächer?«
»Pass mal auf«, sagt Gero. Mit der Schuhspitze zeichnet er mehrere Reihen des Buchstabens ›U‹ direkt untereinander in den weichen Sand. »Sieht das nicht aus wie ein Hausdach?«
»Na ja, mit viel Fantasie«, erwidert NO und kichert blechern. »So habt ihr also schreiben gelernt.«
»Und lesen und rechnen. Damals gab es ja nichts anderes als diese völlig bescheuerte Nürnberger-Trichter-Didaktik, die aus Frontalunterricht und stumpfsinnigem Üben und Auswendiglernen bestand. Heute dagegen betrachtet die moderne, schülerzentrierte und handlungsorientierte Unterrichtsdidaktik den lehrerzentrierten Frontalunterricht als ein antiquiertes Auslaufmodell, das …«
»Wenn alles pennt und einer spricht, dann nennt man das Frontalunterricht«, wirft NO ein.
»Du hast es erfasst«, lobt Gero. »Nein, nein, heute finden wir gottlob in den Gesamtschulen kaum mehr Frontalunterricht vor, sondern Team-Teaching-Modelle und fächerübergreifenden Gruppenunterricht, der immer stärker vom Einsatz moderner Medien geprägt wird. Die Integrierten Gesamtschulen sind die Speerspitzen dieser revolutionären Entwicklung.«
»Aber bei dir scheint diese altmodische Nürnberger-Trichter-Didaktik doch ganz gut funktioniert zu haben, sonst hättest du es wegen deines bildungsfernen Elternhauses wohl nicht so weit gebracht, oder?«
»Das kann man schwer vergleichen. In meiner Schulzeit kannte man ja nichts anderes als diesen lehrerzentrierten Unterricht. Deshalb mussten wir alle damit zurechtkommen, ob wir das nun wollten oder nicht.«
Gero hebt die Schultern. »Na ja, wir haben uns wohl oder übel mit der Kathederpädagogik und dieser schwachsinnigen Paukerei arrangiert.«
»Die einen mehr, die anderen weniger.«
»So ist es.«
»Du mehr, dein Bruder weniger.«
»Leider. Bei dem war«, Gero tippt mit einem Finger an seine Stirn, »da oben eben geistige Ebbe.«
»Tja, wenn Ebbe ist, macht es keinen Sinn, Wasser ins Meer zu pumpen«, bemerkt NO altklug. »Bitte erzähl noch mehr aus deiner Schulzeit«, bettelt er und zwinkert herzerweichend mit seinen großen Kulleraugen.
Gero presst nachdenklich seinen Atem durch die Nase. »Wir saßen damals alle paarweise hintereinander in fest zusammengeschraubten Bänken. Das musst du dir einmal vorstellen, NO. Die haben uns kleine Kinder in diese hölzernen Folterinstrumente hineingepfercht. So etwas ist heutzutage Gott sei Dank undenkbar.«
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