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Endlich war Max eingeschlafen. Tatjana hatte es sich zusammen mit den fettigen Auberginen-Küchlein vom Türken und einem Salat auf dem Sofa gemütlich gemacht. Sie sah die Tagesschau. In Afghanistan war wieder ein Lastwagen hochgegangen, wieder waren Menschen gestorben, wie es hieß, auch ein ausländischer Journalist. Sie stellte den Teller zur Seite. Ihr schmeckte es nicht mehr.
Jake, wo bist du? War er überhaupt dort? Sie stand auf und sah nach Max, der mit roten Bäckchen selig schlief. Wie gut, dass du noch nichts verstehst vom Krieg, noch nicht um deinen Papa bangst.
Als es klingelte, schrak sie zusammen. Sie zog die Tür zum Schafzimmer leise hinter sich zu und schaltete die Gegensprechanlage im Flur ein.
»Adam mit einer Flasche Wein.« Er hielt die Flasche in die Kamera über der Tür. »Mach auf, Mädchen.« Adam hatte, nach dem Tod ihres Vaters, auf dieser Sicherheitsmaßnahme bestanden.
Sie drückte auf den Türöffner, gleich darauf stapfte er die Stufen nach oben.
»Hübsches Nachthemd«, brummte er, als sie die Arme um seinen Hals schlang. Er schob sie von sich weg und feixte.
Sie hatte die Ärmel einer eindeutig männlichen Schlafanzugjacke, die ihr bis über die Knie ging, mehrfach umgekrempelt. Ihre Füße steckten in Ringelsocken aus dicker Wolle.
Sie stellte zwei Gläser auf den Tisch und legte einen Korkenzieher daneben. Mit untergeschlagenen Beinen setzte Tatjana sich in eine Sofaecke. Adam beobachtete sie, während er die Flasche öffnete. Sie machte sich Sorgen, er konnte es in ihrem Gesicht lesen. Er sah die Siebenjährige vor sich, die unglücklich unter den Olivenbäumen nach dem dritten Welpen suchte, der plötzlich verschwunden war. Mehr als zwanzig Jahre waren seitdem vergangen. Aus dem niedlichen Mädchen war eine schöne Frau geworden.
Sie hatte, genau wie er, die Nachrichten gesehen.
»Hier.« Er reichte ihr ein Glas.
»Danke, Adam, dass du gekommen bist.«
Sie waren sich so vertraut, dass es keiner Erklärungen oder Fragen bedurfte, warum er gekommen war. Eine Weile tranken sie schweigend.
»Von Jake hast du nichts gehört?«
Tatjana schüttelte den Kopf. »Seit acht Wochen nicht. Ich weiß nie, wo er sich aufhält, dieser verflixte Idiot.« Sie seufzte. »Er kann in Israel sein oder im Irak oder in …«
»Komm her.«
Wie damals, als kleines Mädchen mit einem aufgeschlagenen Knie, kam sie jetzt und ließ sich von ihm in die Arme nehmen.
Ich liebe dich, mein Mädchen, dachte er, und hielt sie fest. Er würde es ihr niemals sagen. Sie sah in ihm den großen Bruder und so musste es auch bleiben.
Ihre Atemzüge wurden regelmäßig. Tatjana war in seinen Armen eingeschlafen. Adam kannte Jake gut. Der Ire war ein Draufgänger, einer, der sich von einer Gefahr in die andere stürzte, und so charmant, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen.
Musstest du dich ausgerechnet in Tatjana verlieben, mein Freund? Ja, das musste er wohl. Er konnte es ihm nicht übel nehmen. Sie war so lebendig und klug, besaß Humor und sie war verdammt sexy. Er hatte immer gezögert, ihr seine Liebe zu gestehen. Er hatte sich gescheut, ihr einen Mann mit so unsteten Lebensgewohnheiten wie den seinen zuzumuten. Auf der Suche nach verschwundenen Manuskripten und Kunstgegenständen führte sein Beruf ihn oft ins Ausland. Und ungefährlich war diese Suche auch nicht. Jake schien solche Skrupel nicht zu haben.
Es roch nach Kaffee, als Tatjana erwachte.
»Max?«
Ihr Sohn saß vollständig angezogen in seinem Kinderstuhl und saugte an seiner Milchflasche. Er verzog seine Lippen zu seinem süßen Lächeln, als er sie sah, hörte aber nicht auf zu trinken.
Adam stellte einen Korb mit frischem Gebäck auf den Tisch. »Gut geschlafen?«
»Sehr gut«, sie streckte sich, »ich kann mich nicht erinnern, wie ich in mein Bett gekommen bin.«
»Ich habe mir erlaubt, dich hineinzulegen, nachdem du nach übermäßigem Alkoholgenuss eingeschlafen warst.«
Sie lachte. »Du hast mich betrunken gemacht?«
»Soweit ich gesehen habe, hast du das selbst bewerkstelligt.« Adam reichte ihr eine Tasse Kaffee. »Dein Sofa ist ein bisschen zu kurz für mich.« Er verzog sein Gesicht und rieb sich den Rücken. »Ich war froh, dass Maximilian mich geweckt hat. Schönen Gruß von Helen.«
»Danke. Ich möchte nicht wissen, was sie jetzt denkt.«
»Ich auch nicht. Mein Ruf ist vermutlich dahin.« Tatjana verschluckte sich beinahe, und lachte ihr überwältigendes Lachen.
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Tatjana ließ sich Zeit mit ihrer Entscheidung. Sie hatte Professor Jones noch nicht erreicht. Er würde erst in vierzehn Tagen wieder zurück im Museum sein. Wo er sich aufhielt, hatte man ihr nicht gesagt und sie hatte nicht gefragt. Alexander Lenski war mit einer längeren Bedenkzeit einverstanden. Den Grund für diese Bitte nannte sie ihm nicht.
Sie saß an ihrem Schreibtisch im Büro und dachte nach. Adam hatte gezögert mit der Antwort auf ihre Frage am Telefon.
»Kennst du eine Sammlung Borodin?«
»Ich meine mich zu erinnern.« Er überlegte. »Vor Jahren muss es einige Aufregung in der Branche gegeben haben. Damals, meine ich, sei auch der Name Borodin gefallen. Soweit ich weiß, ging es um angeblich wieder aufgetauchte Tschaikowsky-Briefe, aber es war nur ein Gerücht. Vielleicht wurden auch Briefe gesucht, so genau weiß ich das nicht mehr.«
Schon wieder dieser Komponist. Sie fragte: »Das ist Jahre her? «
Er nickte in sein leeres Büro hinein. Ruth war noch nicht da. Seit er sich von Clara getrennt hatte, schlief er im Hinterzimmer seines Detektivbüros.
Ich muss mir endlich eine richtige Wohnung suchen.
»Bist du noch da?«
»Entschuldige, ja, ich habe überlegt. Mindestens zehn Jahre.«
»Ich konnte im Netz nichts finden«, drängte Tatjana.
Es war möglich, dass die Meldung nie die Öffentlichkeit erreicht hatte. Um Nachforschungen nicht zu gefährden oder um zu vermeiden, dass sich Betrüger, die Geld witterten, einmischten. Wenn die Branche schwieg, konnte nichts nach außen dringen.
Er selbst war zu dieser Zeit hinter einem verschwundenen Picasso her gewesen. Als er ihn fand, hatte sich herausgestellt, dass die ebenfalls verschwundene Gattin des schwerreichen Eigentümers mit Bild und Chauffeur nach Südamerika unterwegs war. Er stellte das Paar in Brasilien. Sie hatte in der Halle des Flughafens ihre Damenpistole auf ihn gerichtet. Dem Chauffeur war es zu verdanken, dass er nur mit einem Streifschuss davongekommen war. Der Wert des Bildes betrug dreieinhalb Millionen Dollar.
»Ich werde nachsehen, ob ich etwas in meinen Aufzeichnungen habe«, sagte er. »Wenn es jemand findet, dann Ruth.«
»Danke, Adam, ruf mich an, wenn sie etwas gefunden hat.« Tatjana legte das Handy zu Seite.
Ruth war Adams rechte Hand. Eine attraktive intelligente Frau. Adam hatte sich vor einigen Monaten von seiner langjährigen Geliebten getrennt. Tatjana fragte sich, ob Ruth ihn tröstete. Aber vielleicht hatte er gar keinen Trost nötig? Den Grund für die endgültige Trennung kannte sie nicht.
Die Beziehung zu seiner Freundin war dramatisch gewesen. Stoff für eine Oper mit tragischem Ausgang. Clara, eine exzentrische schöne Lügnerin, war im Begriff, einen zehn Jahre jüngeren Erben zu ehelichen.
Du hast ihm bestimmt nicht dein wahres Alter verraten, vermutete Tatjana. Clara war zehn Jahre älter als sie selbst. Adam machte nicht den Eindruck, als ob er litte.
Sie sah auf den Kalender. Freak müsste gleich kommen. Es war Zeit für einen neuen Katalog und Rechnungen mussten überwiesen werden. Sie rief ihr Online-Banking auf und versenkte sich in eine Tätigkeit, die sie besonders wenig schätzte. Ihr Konto war bedenklich geschrumpft.
Fritzi machte gerade die Pakete für die Post fertig, als der Mann im grauen Mantel erschien. Tatjana hob den Kopf. Er stand wieder dort, wo er vor drei Wochen die Hefte der Tschaikowsky-Gesellschaft gefunden hatte. Sie meldete sich bei der Bank ab und griff nach dem Stapel Briefe und Päckchen, die auf ihrem Tisch lagen. Beim Durchblättern fand sie, was sie suchte.
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