Die Sonnenbrille hat im Film gegenüber der normalen Brille einen Nachteil: Sie kann nicht über den ganzen Film getragen werden, denn modisch und cool hin oder her, man bezahlt weltweit bekannten Hauptdarstellern keine gewaltigen Gagen, damit diese einen ganzen Film lang ihre wichtigsten schauspielerischen Mittel verstecken, nämlich ihre Augen. Also kommt bei Hauptdarstellern die Sonnenbrille meist nur zeitweise zum Einsatz und bei der ersten besten Gelegenheit nehmen sie die Sonnenbrillen dann ab. Bei billigen Filmproduktionen und besonders im TV-Bereich kann es aber durchaus schon mal vorkommen, dass ein Nebendarsteller - meist ein Unterbösewicht - die Sonnenbrille gar nicht abnimmt. Macht nichts, denn dessen Gesicht kennt sowieso keiner, da kann er es auch verstecken; außerdem werden solche Unterbösewichte in der Mitte des Films sowieso erschossen. Ein noch schnelleres Ende nehmen heutzutage Bösewichte mit Sonnenbrillen, wenn sie auch noch rauchen: Da kennt vor allem die US-Filmindustrie keine Gnade mehr, die vielen Filmhelden der früheren Tage wie zum Beispiel James Cagney, Humphrey Bogart, Gary Cooper, Clark Gable, James Dean, Steve McQueen, Paul Newman usw. hätten heutzutage rauchenderweise keine Chancen auf Hauptrollen und wären vom Tabakwind verweht.
Die Grenzen der Filmbrille
Man sollte den symbolischen Gehalt einer Filmbrille nicht überschätzen. Eine Filmbrille kann, genau wie im wirklichen Leben, die Persönlichkeit des Trägers unterstreichen, mehr nicht. Eine Filmbrille für sich allein, so chic und stilvoll sie auch sein mag, hat keine Persönlichkeit. Wenn es beim Schauspieler daran hapert, wird ihm keine Brille der Welt dazu verhelfen können. Der symbolische Gehalt einer Filmbrille ist also durchaus vorhanden, sollte aber nicht überstrapaziert werden. Interessanterweise steigt der symbolische Gehalt einer Brille, wenn sie ohne Träger abgebildet wird. Nun, wozu sollte man im Film eine Brille ohne Träger zeigen? Gewöhnlich wird das gemacht, weil der Träger tot ist. Die “Todesbrille” (wir nennen sie jetzt mal so) ist und war im Film ein beliebtes Mittel, um einen Todesfall anzuzeigen. Davon finden Sie in diesem Buch mehrere Beispiele im Kapitel “Die letzte Brille”.
Und bedenken Sie, dass Filmbrillen, ebenso wie viele andere Film-Accessoires, gelegentlich einfach gedankenlos oder schlampig ausgewählt werden. Da hilft dann kein noch so tiefsinniges Grübeln, was ein Ausstatter oder Regisseur sich bei der Auswahl dieser oder jener Brille wohl gedacht haben mag, wenn die sich dabei - gar nichts gedacht haben. Oder etwas, auf das außer ihnen niemand kommen wird. Darüberhinaus sind die meisten Filme recht einfach gestrickte Angelegenheiten und geben daher keinen übermäßigen Raum für Interpretationen. Das es auch ganz anders geht, erfahren Sie in den Filmbeispielen dieses Buchs. Der überschaubare Symbolcharakter der Filmbrille wird auch dadurch deutlich, dass sie kaum als Filmzitat taugt, im Gegensatz etwa zu Dialogfilmzitaten. Nichtsdestotrotz ist die Filmbrille ein sehr wichtiges Film-Accessoire, das eine ganze Menge über den Rollencharakter aussagen kann, und genau deshalb werden Schauspielern von Regisseuren Brillen auf die Nasen gesetzt. Filmbrillen können also keine Geschichten erzählen, sie können sie aber auf verschiedene Arten deutlich illustrieren, und das ist eine ganze Menge für einen Ausstattungsgegenstand. Und nun viel Spaß bei den folgenden Filmbrillen, ihren Schauspielern und den Szenen, innerhalb derer die Filmbrillen verwendet werden.
Das Cabinet des Dr. Caligari
Dr. Caligari (Werner Krauss) stellt auf Jahrmärkten ein schlafwandlerisches Medium namens Cesare aus. Dr. Caligari ist also sozusagen im Showgeschäft, und dementsprechend auffällig gibt er sich. Die Figur des Dr. Caligari ist mit seinem Zauberhut, seinen zippeligen langen Haaren und seinem schwarzen Pelerinenmantel schon merkwürdig genug, doch darüberhinaus bekam er vom Filmausstatter auch noch eine auffallend große Brille auf die Nase gesetzt. Durch die große runde Brillenform in Verbindung mit dem ausdrucksvollen Augenspiel von Werner Krauss erhält man den Eindruck, Dr. Caligari beobachte seine Umwelt mit der nie nachlassenden Aufmerksamkeit eines Uhus - und genau das tut er.
Das Cabinet des Dr. Caligari, Deutschland 1920. Regie: Robert Wiene. Darsteller: Werner Krauss (Dr. Caligari), Conrad Veidt (Cesare), Friedrich Feher (Francis), Lil Dagover (Jane), Hans Heinrich von Twardowski (Alan) u. a.
Harold Meadows (Harold Lloyd) ist beherrscht von einer schier unüberwindlichen Schüchternheit gegenüber Frauen - daher der Filmtitel “Girl Shy”, also ungefähr “Scheu vor Mädchen”. Nur abends, in seiner kleinen Kammer, besiegt Harold seine Schüchternheit. Da schreibt er nämlich ein Buch, in dem er sich selbst als größten und skrupellosesten Liebhaber aller Zeiten darstellt, mit einer Unzahl von Affären - warum auch nicht, die Gedanken sind frei. Hier steht Harold gerade im Büro eines Verlegers, doch der teilt ihm auf grobe Art mit, dass sein Buch ein lächerlicher Witz wäre und er es keinesfalls verlegen würde. Daher der entgeisterte und traurige Blick von Harold, der sich etwas voreilig schon in den schönsten Dichter-Illusionen gewiegt hatte. Harold Lloyd war nicht nur einer der beliebtesten Stummfilmstars, er ist auch immer noch einer der bekanntesten Brillenträger der Filmgeschichte. Er trug nicht nur in den meisten seiner Filme Brille, sondern auch fast immer das gleiche Modell, nämlich eine sogenannte Pex-Brille. Das war ein Brillendesign, das Anfang der 20er Jahre in Mode kam. Die Pex-Brille zeichnete sich durch runde Gläser aus, die in ein relativ breites und meist schwarzes Zellhorngestell eingefasst waren. Durch die breite Einfassung wirkte die Pex-Brille ziemlich auffällig, vor allem bei jemandem, der wie Harold Lloyd in seinen Rollen stets sehr hell geschminkt war. Gerade diesen Kontrast schätzte Harold Lloyd sehr, da er nicht zuletzt dadurch beim Publikum einen hohen Wiedererkennungswert besaß. Harold Lloyd gab in seinen Komödien in der Regel ganz normale Bürger, die allerdings ununterbrochen von Missgeschicken heimgesucht wurden. Er spielte also keine Habenichtse oder Tramps wie Chaplin oder geistig etwas schwerfällige Typen wie Stan Laurel und Oliver Hardy. Und als ganz normaler Bürger konnte er in seinen Filmen auch Brille tragen, was damals für Filmkomiker unüblich war. Die von Harold Lloyd bevorzugte Pex-Brille galt darüberhinaus, in den 1920er Jahren, als die bevorzugte Brille der Intellektuellen. So unterstrich Lloyd also in seinen Filmkomödien mit dem Tragen der Pex-Brille: Seht her, ich bin nicht auf den Kopf gefallen, ich bin ein bürgerlicher Typ und ich will keinen Ärger. Das wiederum unterstrich die Komik der haarsträubenden Situationen, in die er in seinen Filmkomödien ständig geriet, und genau wegen dieser Komik-Verstärkung schätzte er die Pex-Brille sehr. Der Kniff mit der Brille zahlte sich aus: Im Jahr 1928 erzählte Harold Lloyd, dass seine Brille ihm wöchentlich 19.970 Dollar einbringen würde, eine damals nahezu unfassbare Summe. Er meinte, ohne die Pex-Brille würde er nur die übliche Gage eines Schauspielers verdienen, nämlich wöchentlich 30 Dollar. Und dann würde hier wahrscheinlich auch kein Text über Harold Lloyd stehen.
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