Dass das Ambiente und die angenehme Atmosphäre letztendlich ein ausgeklügelter Schachzug und einer Mischung aus Prahlerei und Annäherungsversuch geschuldet war, konnten wir zu dieser Zeit nicht wissen. Ich zog mich später aufgrund eines Termins zurück, Stephanie blieb, um die Nachbarin nicht zu enttäuschen.
Frau M. bemühte sich mehr als eine Stunde lang, die nette Nachbarin zu spielen, und versuchte, so normal wie möglich zu wirken. Sie erging sich dabei geschickt in der Aufklärung über ihre Persönlichkeit und die ihres Mannes. Nur Positives über sich und Herrn M. quoll aus ihrem Mund und hinterließ bei Stephanie den Eindruck, dass sich Frau M. und ihr Mann jedem anderen Menschen geistig und finanziell überlegen fühlten. Dabei ging sie uns gegenüber sehr sachte vor, wohl in Erwartung eines materiellen Vorteils, denn seinerzeit glaubten die Nachbarn M. noch, sie würden mit weiteren Arbeiten an unserem Haus bedacht.
Als Stephanie und Maria vom ersten gemeinsamen Besuch bei Frau M. in unser Haus zurückkehrten, schien Stephanie etwas verwirrt. Sie äußerte mir gegenüber, dass sie nicht genau wisse, wie das Verhalten der Frau M. zu deuten sei. Schließlich sei sie zwar generell freundlich gewesen, aber andererseits auch irgendwie merkwürdig. Frau M. wirkte sozial ausgegrenzt, da sie unter anderem keiner Beschäftigung nachging und kaum Besucher empfing, aber gleichzeitig trat sie in ihrer Wortwahl und Körpersprache sehr bestimmend auf.
Von allem ahnte unsere Tochter Maria nichts und ging auf das Werben der Frau M. ein, die zielgerichtet beinahe jeden Tag plante, wann, wie und vor allem wo die Kinder miteinander spielen sollten. Mit Akribie lenkte Frau M. die Kinder an einem Tag auf ihr Grundstück und am nächsten Tag auf das unsrige.
Das Zusammensein der Kinder am Nachmittag, in der Regel nach dem Kindergarten, wurde vonseiten der Nachbarin hoffnungsvoll erwartet. Nicht selten standen sie und ihre Tochter Penny bereits an ihrem Gartentor, wenn Stephanie oder ich unsere Kleine aus der Kindertagesstätte abgeholt hatten und nach Hause brachten. Sofort schrillte ein lautes „Hallo“ über die sonst ruhige Straße, gefolgt von einer Einladung. Maria solle doch sofort mit Penny spielen und im Übrigen sei der eine oder andere Elternteil auch herzlich eingeladen, so verkündete Frau M. täglich ihr Ansinnen. In Anbetracht der Tatsache, dass Stephanie und ich berufstätig waren und weitere Aufgaben im Haus auf uns warteten, waren die zunehmenden Einladungen zeitlich schwer zu absolvieren. Frau M. hingegen langweilte sich offensichtlich tagein, tagaus und schien unsere Nachmittage ausrichten zu wollen.
Zumeist war Herr M. nicht anwesend. Dieser Umstand versetzte meine Frau oder auch mich in die Lage, der einen oder anderen Einladung von Frau M. auch nachzukommen, dem Nachbarschaftsfrieden und unserer Tochter zuliebe. Maria war zu klein, um sie allein bei der Nachbarin zu lassen, deshalb mussten Stephanie oder ich sie dorthin begleiten. Langsam beschlich uns der Gedanke, etwas für uns ändern zu müssen. Eine eigene Planung des nachbarschaftlichen Umgangs war vonnöten und anzukündigen, denn die Vereinnahmung unserer Freizeit durch die Nachbarin erstreckte sich nun beinahe auf jeden Tag, auch auf die des Wochenendes.
Es gab nur an jenen Tagen ein Aufatmen für uns, wenn Herr M. nicht seinen Arbeiten nachging und zu Hause blieb. An diesen Tagen wurde die kleine Penny bevorzugt zu uns abgeschoben, damit die Eltern für sich allein bleiben konnten.
Trotz des zunehmenden Mangels an einem selbstbestimmten Leben, zumindest an den Nachmittagen, wenn Maria und Stephanie oder ich zu Hause weilten, versuchten wir, unser Verhalten gegenüber den Nachbarn nicht wesentlich zu verändern, was sich später noch als Fehler herausstellen sollte. Wir befürchteten bei einer Abwehr der Zudringlichkeiten eine negative Reaktion mit der Vorprogrammierung eines Nachbarschaftsproblems.
Ohne echte Entscheidungsmöglichkeiten ergaben wir uns schließlich der Situation, dass der Verlauf der Nachmittage vonseiten der Nachbarin gesteuert wurde. Dabei spielte auch der Umstand eine Rolle, dass sich Maria, bis auf einige Bemerkungen der Frau M., bei ihrer Freundin Penny stets wohl fühlte.
Im Jahr 1996 nahm ich ein weiteres Studium zum Wirtschaftsingenieur auf, und Stephanie wünschte sich ein zweites Kind. Maria spielte noch immer begeistert mit Penny, im Außenbereich des Hauses kamen wir gut voran und meine kleine Firma begann zu laufen. Eigentlich konnten alle zufrieden sein.
Frau M. verplante weiterhin unsere Nachmittage, indem sie das Zusammentreffen der Kinder weiter in die Hand nahm und uns von Zeit zu Zeit zu sich einlud. Wir waren zu dieser Zeit bereits sicher, dass Frau M. unter Kontaktarmut litt und diese auszugleichen versuchte, indem sie unserer gesamten Familie förmlich auflauerte und beobachtete, wann wir nach Hause kamen. Dann wartete sie den erstbesten Zeitpunkt ab, sprach uns schnell auf der Straße an oder klingelte an der Tür, um die kleine Maria oder uns zu sich zu locken.
Dies gelang ihr auch ab und an, denn eine ablehnende Reaktion unsererseits hätte sich mit Sicherheit auf die Kinderfreundschaft zwischen Maria und Penny ausgewirkt. Gleichzeitig wollten wir zu dieser Zeit ehrlich versuchen, einen überschaubaren und niveauvollen nachbarschaftlichen Kontakt zu den Nachbarn M. herzustellen. Wir bemerkten aber auch, dass Herr M. zunehmend an den Einladungen teilnahm.
Arglos nahmen wir die Freundlichkeiten der Nachbarn M. hin, damals wussten wir noch nicht, dass sie anderes vorhatten und es mit der Wahrheit nicht so genau nahmen.
Familie M. versuchte, uns persönlich und zeitlich einzunehmen, dabei nutzte sie die Zusammenkünfte, um Stephanie und mich moralisch und psychisch zu formen und dabei ihre weitgehende Isolierung gegenüber anderen Nachbarn zu erklären.
So wurden wir deshalb nicht zufällig nach und nach über alle anderen Nachbarn in der Straße aufgeklärt. Bis auf zwei waren nach Meinung der Familie M. alle anderen Nachbarn psychisch auffällig, arrogant, voller Neid und im Übrigen unfähig, ihr Leben richtig zu leben. Meine Frau Stephanie und ich waren verwundert, denn die von Familie M. angesprochenen Nachbarn machten auf uns einen netten und normalen Eindruck. Die Beschreibungen des Herrn M. hinsichtlich der Charaktere konnten wir nicht nachvollziehen und sie erzeugten bei uns ein gewisses Misstrauen und eine Ablehnung der Äußerungen.
Mit schwülstigen Worten begannen die Nachbarn M. nun auch, mehr und mehr von sich zu berichten, insbesondere Herr M. Er war mit etwa 1,74 Meter ein relativ kleiner Mann, deshalb litt er offenbar unter dem Napoleon-Komplex und musste sich mit jedem Satz hervortun und behaupten.
Mit einem galligen Gefühl verfolgten wir bei einem Treffen die angeordnete Fröhlichkeit der Nachbarn M., die mit dem geschickten Einsatz wiederkehrender Lachsalven ihre Thesen über andere Nachbarn festigen wollten und zugleich ihre eigene Persönlichkeit hervorzuheben versuchten. Bösartige Denunzierungen der Nachbarn wechselten sich mit immer heftig werdendem Selbstlob ab.
Die Nachbarn M. waren den geistigen Getränken nicht abgeneigt und dozierten bei deren Genuss völlig selbstsicher, dass sie allein, egal in welcher Lebenslage, stets die richtige Antwort wüssten. Stephanie und mich beschlich eine dunkle Vorahnung und gleichzeitig eine Ratlosigkeit, wer diese Nachbarn wohl in Wirklichkeit sein könnten.
Unter einem Vorwand beendeten wir das Zusammensein, riefen nach unserer Tochter Maria und verabschiedeten uns freundlich. Frau M. ließ uns jedoch nicht gehen, bevor wir ihr versprochen hatten, sie in den nächsten Tagen wieder zu besuchen.
Es waren nur wenige Schritte über die Straße zu unserem Haus, doch der Weg schien uns weit. Wir waren innerlich bestürzt und eine Zeit lang sprachlos. Die kleine Maria merkte von alldem nichts und äußerte unentwegt, wie schön es doch bei Penny sei und dass sie sehr bald wieder zu ihr in das Nachbarhaus wolle. Dies machte uns zusätzlich ratlos.
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