Weitere Nachbarn, die unmittelbar neben unserem Grundstück wohnten, ein Mann mit dickem Bauch und seine Frau, interessierten sich ebenfalls für unser Bauvorhaben. Zumeist mit ernster Miene verfolgten sie unsere Tätigkeiten von ihrem Garten aus. Zu unserer Überraschung gab es aber auch, zumindest ab und an, ein nettes Wort über den Gartenzaun. Ansonsten verliefen die Beobachtungen dieser Nachbarn noch ruhig.
Unsere allgemeine Reaktion auf alle Nachbarn, wenn wir sie zu Gesicht bekamen, war ein kurzer Gruß, ein Nicken oder eine Handbewegung, um Freundlichkeit zu demonstrieren.
Letzten Endes hatten wir mit uns, der Grundstücksberäumung und den Vorbereitungen zum Hausbau zu tun, sodass weitere Gedanken oder Beobachtungen in Sachen Nachbarschaft in den Hintergrund rückten.
Das Jahr hatte mittlerweile gewechselt, das neue Jahr 1995 sollte das Jahr der Jahre werden. Der Keller musste gebaut und das Haus aufgestellt werden sowie der Einzug der Familie samt dem erwarteten Baby vonstattengehen. Außerdem stand für mich die Diplomarbeit an, und die Firma musste weitergeführt werden. Eine Menge Arbeit kündigte sich also an.
Im März war das Grundstück endlich geräumt, alle Anstrengungen hatten sich gelohnt. Gemeinsam mit den Doppelhauspartnern und vielen Helfern hatten wir die Arbeit geschafft, alle waren froh und natürlich auch ein wenig stolz.
Neben den aufregenden Neuerungen auf der Baustelle gab es eine noch größere Aufregung: die Schwangerschaft von Stephanie, die leider nicht komplikationslos verlief. Stephanie musste sich schonen, viel liegen und durfte auf keinen Fall schwer heben oder schwere Dinge tragen. Wir hofften, dass Stephanies Schwangerschaft bis zum Geburtstermin Anfang Juni noch einen guten Verlauf nehmen würde.
Beim nächsten Besuch unseres Baugrundstückes im April fiel mir auf, dass der Kinderwagen vom Dach des seltsamen Nachbarn verschwunden war. Dieser Nachbar M., ein Herr mit Schnauzbart, mit lichten und zumeist ungekämmten Haaren, etwa 50 Jahre alt, zeigte sich aber immer wieder. Dabei warf er mir merkwürdig beobachtende Blicke zu, belud Tag für Tag sein Auto und entlud es dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder. Der Grund hierfür sollte mir später noch klar werden.
Im April 1995 wurde die Baugrube ausgehoben, womit sich prompt ein handfestes Problem einstellte. In der Baugrube stand plötzlich Schichtenwasser. Damit hatte niemand gerechnet. Der uns begleitende und gutdotierte Bauingenieur zuckte mit den Schultern und meinte, in dieser Gegend habe es noch nie Probleme mit Grund- oder Schichtenwasser gegeben.
Die Kellerbaufirma musste umdisponieren, das drückende Wasser erforderte eine sogenannte schwarze Wanne. Die Kosten für den Hausbau stiegen deutlich an. Nach Fertigstellung der Wanne im Mai wurde schließlich mit dem Kellerbau begonnen, denn üblicherweise wird der Keller in die schützende Wanne gebaut. Von Tag zu Tag wuchsen die Wände empor. Mit Freude beobachteten wir den Fortschritt am Bau.
Auch Stephanie Bauch wuchs immer schneller an. Trotzdem besuchten wir gemeinsam die Baustelle, denn Stephanie wollte das Geschehen ebenfalls miterleben.
Bei einem Besuch unserer Baustelle stand nur wenige Minuten nach unserem Eintreffen wieder der Nachbar von gegenüber auf der Straße. Herr M. tat so, als suche er etwas in seinem Pkw, der gegenüber unserem Grundstück auf der Straße abgestellt war. Wir grüßten ihn mit einem kurzen „Hallo“, blieben weiter vor unserem Rohbaukeller stehen und sprachen miteinander. Obwohl wir den Nachbarn nicht sahen, da wir ihm den Rücken zudrehten, fühlten wir uns beobachtet. Ein kurzer Blick nach hinten verriet, dass Herr M. tatsächlich noch immer dort stand und uns beobachtete. Offenbar wollte er nicht nur Blickkontakt aufnehmen, sondern erwartete mehr. Mit diesem Gefühl im Bauch gingen wir auf ihn zu und fragten ihn, ob alles in Ordnung sei. Er antwortete knurrig, dass alles stimmen würde. Dann drehte er den Spieß geschwind um und fragte, wie es uns mit dem Bauen erginge. Für uns war dies zu jener Zeit eine alltägliche Frage, die wir schnell beantworteten. Dabei machten wir auch deutlich, dass durch den Wassereinbruch in die Baugrube ein Mehraufwand entstanden war, der uns zeitlich und finanziell zurückwarf. Außerdem machten wir Andeutungen, dass wir aus Kostengründen auch Eigenleistungen in Form der Elektrifizierung und der Durchführung von Wärmedämmmaßnahmen im Keller erbringen mussten.
Der Nachbar M. knurrte wieder und sagte anschließend, dass er das mit dem Bauen alles ganz anders gemacht hätte. Er gab an, bereits Dutzende von Kellern gebaut zu haben und nicht nur über das entsprechende Wissen zu verfügen, sondern auch sehr kostengünstig einen Keller herstellen zu können. Diese Aussage erstaunte uns und wir fragten ihn, ob er eine Baufirma besäße, die solche Arbeiten erledigen könne. Der Nachbar verneinte und behauptete, er mache das alles neben seinem Hauptberuf. Wir fragten ihn daraufhin, was er eigentlich hauptberuflich täte. Zögernd erwiderte er, dass er Feuerwehrmann sei und im Übrigen seine Nebentätigkeiten preiswert ausführe.
Mit dieser Äußerung wurde uns klar, warum der Nachbar ein überaus teures Auto fuhr, das er gern voller Stolz direkt vor seinem Haus abstellte und das wöchentlich eine Handwäsche erhielt.
Klar wurde uns nun auch, worum es dem beobachtenden Nachbarn von gegenüber eigentlich ging: Er versuchte, mit seinen eigentümlichen Kontaktversuchen auf sich aufmerksam zu machen, um seine Dienstleistung anzubieten.
Im Gespräch machten wir Herrn M. noch deutlich, dass der Kellerbauvertrag seit langer Zeit unterschrieben sei und es für den arbeitssuchenden Nachbarn bei uns nichts zu tun gäbe.
Daraufhin setzte er einen grimmigen Blick auf, der verriet, dass das Gespräch aus seiner Sicht nicht wie gewünscht verlief, dann ging er rasch auf sein Grundstück und verschwand im Haus.
Meine Frau und ich sahen uns schulterzuckend an und waren der Meinung, dass sich zum einen ein unterschriebener Kellerbauvertrag in der Tat nicht ohne schwerwiegenden Grund aufkündigen ließe und zum anderen der merkwürdige Nachbar nicht erwarten könne, dass wir unsere Bauplanung wegen ihm änderten.
Offenbar sah dieser Nachbar das etwas anders, denn er beobachtete uns von nun an mit bösen Blicken aus der Ferne und winkte uns nur kurz zurück, wenn wir ihn von Weitem grüßten. Auch seine Frau, eine korpulente Dame mit sächsischem Dialekt und stechend grünen Augen, beäugte uns von nun an.
Der Keller wuchs in der Zwischenzeit bis zu seiner vollständigen Höhe und ich überprüfte eines Nachmittags die Arbeiten. Dabei fiel mir auf, dass die Mauerfugen sehr ungleichmäßig waren.
In diesem Moment fuhr wieder dieser rätselhafte Nachbar vor, hielt und beobachtete mich aus seinem Pkw heraus. Ich nutzte die Gelegenheit, ging auf ihn zu und grüßte ihn freundlich. Er grüßte kurz zurück. Ich fragte ihn, ob er die Freundlichkeit besäße, mich in den Kellerneubau zu begleiten, um nach dessen Qualität zu sehen.
Der Nachbar mit dem zuvor behaupteten perfekten handwerklichen Geschick zierte sich plötzlich und brabbelte zunächst einige Minuten vor sich hin, er könne dazu nun gar nichts sagen.
Schließlich gab er meinem Bitten nach und ging mit mir gemeinsam auf die Baustelle in unseren Keller. Ich forderte ihn immer wieder freundlich auf, mir doch zu zeigen, welche Fehler er mit seinem Sachverstand sofort feststellen könne. Nach anfänglicher Zurückhaltung wies er auf eine ganze Reihe unregelmäßiger Mauerfugen und falsch übereinandergeschichtete Kalksandsteine hin. Anschließend betonte der inzwischen zugängliche Herr M., dass auf den meisten Baustellen keine Fachleute mehr anzutreffen seien, sondern vielmehr ungelernte Kräfte, die keine fachmännische Arbeit erbringen könnten. Aus diesem Grund werde falsch gearbeitet und eine miserable Qualität bei den Maurerarbeiten geleistet. Ich stimmte ihn zu, denn seine Aussage schien realistisch. Dann bedankte ich mich für die Mitteilung seiner Sicht der Dinge. Der Nachbar nahm die Situation zum Anlass, noch einmal auf seine Fähigkeiten beim Hausbau hinzuweisen, indem er betonte, dass bereits alle Nachbarn seine Dienstleistungen in Anspruch genommen hätten, da er jeden Wunsch im Haus oder im Garten erfüllen könne. Ich machte Herrn M. gegenüber die Andeutung, dass er von uns künftig bedacht werde, und dankte ihm nochmals.
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