All das war im Äußeren nicht wirklich sichtbar. Es schien, als ob im Äußeren eine Ordnung geschaffen würde, die im Inneren der Gemüter eine Leere, eine Hohlheit hinterließ. Das alles wurde gern betäubt, um die innere Leere und das, was tief dahinter an Gefühlen tobte, aushalten zu können.
Ja, damals setzten sich Maria und Gustav in angetrunkenem Zustand auf Gustavs Motorrad und fuhren mit einem langen Strickapparat auf dem Gepäckträger direkt in den Graben. Ihnen passierte nichts. Es gab in der Zeit nur wenige Autos. Das Motorrad, das verbeult war, mussten sie noch kilometerweit schieben.
Zu Silvester buk Maria immer Berliner, noch bis zu der Zeit, als sie bereits weit jenseits der 80 war. Auch dort in Mel. gab es „Rummelpottläufer“, Kinder, die an die Tür klopften und sangen, und Maria packte dann Berliner in ihre Taschen. Es war damals etwas Besonderes, Berliner zu essen, denn Essen und Trinken überhaupt spielten eine große Rolle in jener Zeit. Neben den familiären Festen, bei denen es gut zu essen und zu trinken gab, wurden auch Trinkfeste mit Freunden gefeiert. Hierfür wurde von Gustav und Maria eigens Schnaps selbst gebrannt. Und einmal war ein guter Freund zu Besuch, der „probierte“ mit Maria und Gustav den Schnaps bis zum Morgengrauen, und da das Gesöff so gut schmeckte, holte jener noch eine Flasche aus der Speisekammer und schenkte sich noch ein Glas ein, schüttelte sich dann und sagte: „Ist der aber stark!“ Gustav und Maria stellten dann fest, dass er die Essigflasche genommen und diese für die Schnapsflasche gehalten hatte. Sie lachten vor Schadenfreude und aus reiner Lebenslust heraus. Jedenfalls ging es sehr fröhlich und erdhaft zu.
Ich schreibe hier über das Essen und Trinken und die damalige Fröhlichkeit und jetzt? Jetzt ist das Gegen -die-Zeit -Anschreiben nicht mehr möglich: Gustav ist gestorben! Ich beschreibe, wie mein Leben angefangen hat, und Gustavs ist nun zu Ende, jedenfalls für dieses Zeitkontinuum.
Gustav ist nicht verhungert, so wie ich angenommen hatte, Wir hätten sein Nicht-Essen- wollen verhindern können, hatte ich gedacht. Er ist nicht verhungert, das weiß ich jetzt, oder auch nicht, wer weiß schon Bescheid über etwas so Komplexes wie das Leben und Sterben und den Tod. Ich bin jetzt mit Danno in einer Kurklinik zum Fasten. Die Beerdigung ist jetzt drei Tage her. Ich war ein paar Tage vor Gustavs Tod noch bei ihm gewesen. Er war sehr schwach. Ich wusste irgendwie, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sehe – so, wie er sich in diesem Leben gezeigt hatte. Er hat mich sofort erkannt. Er freute sich so sehr. Seine Seele war schon dabei, sich zu verabschieden. Ich fragte ihn, ob er Schmerzen habe. Er sagte: „Nein!“ Er war sehr schwach und atmete schwer und tief. Er sprach ganz langsam.
Ich sagte ihm, dass ich ihn sehr, sehr liebe, und er antwortete langsam und schwach und dennoch sehr klar: „Ich lieb dich auch so sehr.“ Weiterhin gab ich ihm zu verstehen, dass er der beste Vater der Welt sei. Dann fragte er mich schwach atmend, langsam und dennoch sehr bestimmt: „Worauf führst du das zurück?“ Ich antwortete: „Du warst und bist der liebevollste, großartigste, großzügigste und gütigste Vater, den ich mir vorstellen kann und auch für Lenchen. Und Mutti liebt dich auch so sehr.“ Gustav antwortete sehr tapfer und schwer atmend: „Ich lieb euch alle auch so sehr! Ich lieb euch alle auch so sehr!“
Ich nahm seine Hand, sowie ich es immer tat, wenn ich ihn besuchte und dann legte ich eine Hand auf seine Brust auf Lungenhöhe, weil er so schwer atmete. Er war sehr dünn, seine Arme waren so dünn, als würden sie durchbrechen und seine Hand war warm und stark, wie sie mir seit meiner Kindheit vertraut war. Dann nahm Gustav sehr langsam und vorsichtig meine Hand, die auf der Brust lag, und führte sie an sein Gesicht, mit sehr viel Sorgfalt und Zärtlichkeit. Ich sagte ihm, dass wir uns alle wiedersehen werden, und ich saß noch einige Zeit bei ihm, dann verabschiedete ich mich von ihm und er winkte noch – und ich winkte zurück und wusste irgendwie in diesem Moment um den Abschied für immer, jedenfalls für dieses Leben.
Als ich die Tür hinter mir zumachte, war ich sehr traurig. Dann ging ich hoch zu Maria, die ihr Zimmer direkt über Gustavs hat. Ihr ging es schlecht, sie konnte sich Gustavs Zustand nicht ansehen und die Angst vor dem Verlust nicht aushalten. Ihre schwere Depression ließ ihre frühere Stärke, mit dem Leben umzugehen und es zu meistern, schwinden. Sie war jetzt tatsächlich nicht stark genug für die Konfrontation mit Gustavs nahendem Tod. Sie betete und las christliche Texte, weinte viel und war und ist trotzdem nicht in ihrer Mitte. Das ist zu harmlos ausgedrückt. Sie ist heimatlos, ratlos, rastlos und verzweifelt. Ich gab ihr eine Metamorphosen -Reflexzonenmassage, und es ging ihr dann etwas besser. Trotzdem wollte sie nicht mit hinuntergehen, weil sie es nicht konnte. Sie wäre wohl total zusammengebrochen. Nach zwei Stunden verabschiedete ich mich von ihr, und ich fühlte mich traurig, dennoch wusste ich, dass es richtig war, gekommen zu sein. Es war Dienstagnachmittag und eigentlich hatte ich viel zu tun, aber was gab es Wichtigeres als diesen Besuch!
Wie oft hatte ich gedacht, es wäre das letzte Mal. Das war seit neun Monaten so, und ich war immer sehr traurig, wenn ich Gustav und Maria besucht hatte und wieder wegfuhr. Diesmal war es anders. Ich war zwar sehr unglücklich, aber ich war irgendwie auch ruhig. Am nächsten Tag hatte ich eine Unruhe in mir, und ich telefonierte mit Lenchen und sagte, dass ich nicht wollte, dass unser Vater verhungerte. Es musste doch eine andere Möglichkeit geben! Aber wir hatten keine! Und ich betete für ihn, jeden Abend und auch tagsüber. Lenchen besuchte Gustav am folgenden Mittwoch und Maria war am Freitag bei ihm, nicht allein, sondern mit einer jungen Frau vom Hospiz, die Gustav und sie wenige Wochen zuvor begleitet hatte. An jenem Freitag war ich unruhig, hatte viel zu tun und musste an Gustav denken, und ich wollte am nächsten Tag zu ihm fahren und mich auch um Maria kümmern. Am Freitagabend sagte Danno zu mir: „Die Seele deines Vaters ist dabei, sich abzulösen vom Körper, du musst dich morgen nur um ihn kümmern, nicht um deine Mutter, nur um deinen Vater, der ist jetzt der einzig Wichtige!“ Diese Worte beruhigten mich und ich fühlte, wie nah mein Vater mir war, und Danno erzählte mir von Rudolf Steiners Auffassung vom Leben nach dem Tod.
Dann klingelte das Telefon und Lenchen war am Apparat und teilte mir mit, dass Gustav vor einer Stunde gestorben sei. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, ich war sprachlos. Diesen Augenblick hatte ich, so glaube ich, am meisten gefürchtet in meinem Leben, den Tod Gustavs. Dennoch war ich ganz ruhig. Danno war sehr einfühlsam, wir waren beide traurig und gleichzeitig fühlten wir uns sehr verbunden mit Gustav. Ich erzählte Danno von einem Foto, das ich aus meinem Fotoalbum heraussuchte. Es zeigt Gustav mit mir, als ich knapp drei Jahre alt war. Es stammt aus jener Zeit in Mel., die ich gerade begonnen habe, zu beschreiben. Auf dem Foto sieht man Gustav in der Hocke. Er befindet sich also mit mir in Augenhöhe, er hält meine Hand und strahlt mich an. So habe ich ihn mein Leben lang empfunden. Auf Augenhöhe, nicht autoritär, sondern weit im Fühlen und Denken, großzügig, warmherzig und liebevoll. Dieses Foto trage ich seit dem in meinem Portemonnaie.
Lenchen hat noch einmal nachts angerufen und mir mitgeteilt, dass Gustav sehr friedlich aussähe und er wohl sanft eingeschlafen sei. Er ist allein gestorben, ganz tapfer, er ist ganz allein von dieser Welt gegangen!
Am nächsten Morgen sind Danno und ich in das Seniorenheim gefahren und haben Abschied genommen. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben einen Toten gesehen. Ich war sehr gefasst. Danno hatte mir noch einmal bestätigt, was für ein heiliger Moment das ist, wenn eine Seele den Körper verlässt. Ich verspürte eine tiefe Ruhe und ich fühlte die kalten Hände von Gustav, und ich empfand ganz klar, dass Gustav nicht mehr in diesem Körper war. Es war nicht Gustav, es war sein altes, vertrautes Kleid, das er nun abgelegt hatte. Ich konnte nun wahrhaftig das nachempfinden, was uns das Christentum und die alten Weisen wie die alten Philosophen gelehrt hatten.
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