Danach fühlte ich mich erleichtert.
Ja, das war damals eine schwierige Zeit für alle in dieser Familie und für die meisten im Nachkriegsdeutschland. Es wurden die sichtbaren und unsichtbaren Wunden gesalbt und gepflastert. Wirkliche Heilung gibt es erst jetzt, im neuen Jahrtausend!
In unserer Familie wusste damals niemand genau, ob Maria jemals wieder würde gehen können. Sie lag in der Gipsschale, ganz tapfer! Sie hatte höllische Schmerzen, dachte an ihre Kinder und konnte es nicht aushalten, diesen Seelenschmerz, aber sie wollte wieder gesund werden, ihr Leben mit Gustav leben können und mit ihren Kindern.
Und Gustav? Gustav war natürlich auch unglücklich … Er hatte so viel durchgestanden, war heil davongekommen. Er hatte jetzt eine Familie und war doch allein! Er konnte Maria die Schmerzen nicht abnehmen und auch nicht die Ungewissheit darüber, ob sie jemals wieder würde gehen können. Er war traurig und betete um ihr aller Wohl, so wie die kleine Oma das besonders auch während des Krieges getan hatte und es weiterhin tat.
Und da waren nun auch noch die Frauen, die Gustav so gern hatten, es waren nicht nur Frauen, alle Menschen mochten ihn, wenn sie nicht der „Gegenenergie“ angehörten und neidisch auf ihn waren. Alle, die dem natürlichen Leben zugänglich waren, liebten Gustav. Er sah nicht nur sehr gut aus, sondern er war auch äußerst feinsinnig in seiner Art, überhaupt nicht autoritär, weil er das nicht nötig hatte, und sehr offen, gefühlsbetont und herzlich, was in seiner Männergeneration nicht häufig vorkam. Somit war er der Zeit voraus. Er war der Gentleman, der sich selbst und das Leben liebte. Wie sehr er den Frauen und deren Annäherungen widerstanden hatte, das weiß ich nicht, das weiß keiner so genau. Jedenfalls war er immer ein guter Vater gewesen und war sehr lieb zu Maria. Was er selbst in dieser Zeit durchgemacht hat, das hat er nie erzählt.
Es war die Zeit des Getrenntseins, es war irgendwann ein Jahr vorbei. Es muss Anfang 1954 gewesen sein. Auch für Lenchen war es eine schwierige Zeit gewesen: Sie fühlte sich benachteiligt und hörte so ungeschickte und kinderseelenfeindliche Worte von unseren Großeltern wie diese: „So, nun bist du nicht mehr die alleinige Prinzessin, du wirst jetzt nicht mehr so viele schöne Kleider haben wie bisher, die musst du nun mit deiner Schwester teilen!“
Und eines Tages konnten wir zurück zu unseren Eltern. Und wir hatten ein eigenes Zuhause! Für eine Zeit lang. Es gab einen Ort der Zugehörigkeit für eine Zeit, so wie vielleicht alles nur für eine bestimmte Zeit und nichts von Dauer ist.
Maria durfte nun das Krankenhaus verlassen und war mit Gustav zusammen in das neue Haus in Mel. gezogen. Das Wiedersehen war freudig, mit dem Beigeschmack des Verlustes, den alle ein Jahr lang hinnehmen und erdulden mussten, jeder so, wie er es konnte.
Maria war noch bettlägerig, aber die Chancen, dass sie wieder würde gehen können, standen gut.
Die kleine Oma war nun zu Besuch und half im Haushalt. Maria musste noch im Bett liegen, aber es ging ihr besser. Sie bekam ein festes Korsett und begann, das Gehen zu üben. Ich war in einem Kinderwagen festgeschnallt, damit ich nichts „Schlimmes“ anrichten konnte. Abends wollte ich nicht schlafen, dann habe ich den Wagen mit meinem Körper so bewegt, dass er an den Küchenschrank rollte, da habe ich dann eine Schublade ausgeräumt. Jedenfalls habe ich abends erst geschlafen, wenn meine Mutter sich mit viel Umständlichkeiten aus dem Bett bemüht und über meinen Kinderwagen gebeugt hatte. Übrigens hatte ich fast nie geweint oder geschrien!
Eines Tages konnte sie wieder gehen, und wir waren eine richtige Familie!
Und die kleine Oma konnte wieder nach Hause fahren, in ihr damaliges zu Hause in Nes. bei Onkel Ernst.
Darüber waren alle wirklich froh und glücklich, so war oder so schien es. Es war die Zeit des Nachholens. Dabei galt es wirklich, alles nachzuholen, auch wenn es in Wirklichkeit gar nicht möglich ist, irgendetwas nachzuholen.
Jedenfalls war es damals wichtig, sich neu einzurichten, sich gut zu kleiden, gut zu essen und zu trinken und alles Gewesene möglichst zu vergessen. Es war die Zeit der äußerlichen Freuden. Heute gibt es Menschen, die nach der inneren Freude suchen und nach innen gehen und sogar viel Geld für z. B. Heilfasten und Schweigen ausgeben, damals ging es vor allem darum, die äußeren Lebensumstände zu bewältigen.
Gustav arbeitete immer noch bei der Ölfirma Wintershall und Maria war zu Hause.
Es war ein großes Grundstück, auf dem unser damaliges Haus gebaut worden war, und es wurden Obstbäume und Sträucher angepflanzt. Und dann hatten wir Hühner. Maria und Gustav wollten irgendwann einmal eine Hühnerfarm eröffnen. Nun waren es zunächst einmal viele Hühner, die im Garten herumliefen, ein paar Enten und Gänse. Aus heutiger Sicht handelte es sich um artgerechte Tierhaltung.
Und Maria wurde gesünder, sie konnte wunderbar gehen und sie wollte vollständig gesund sein. Sie hatte häufig Schmerzen und konnte ihren rechten Arm nicht mehr ganz gerade machen, das ist bis zum heutigen Tage so geblieben, aber es ging ihr immer besser, und sie wollte nie wieder krank sein oder an dieses eine oder überhaupt ein Krankenhaus erinnert werden.
Und ich sollte eines Tages wohl „behütet“ werden, indem Gustav und Maria einen Laufstall für mich gekauft hatten. Es war ein Gitter, das relativ weitläufig im Wohnzimmer um mich herumgestellt worden war. Und ich wurde mit meinem Teddy da hineingesetzt und sollte dort spielen. Ich fühlte mich derart beengt, eingesperrt und ausgesetzt, dass ich, anstatt zu spielen, anfing zu schreien und zu weinen, und zwar mit so einer Heftigkeit, dass Gustav und Maria mich dort sofort herausholten und das Laufgitter abbauten und nie wieder aufstellten. Was Maria und Gustav so erschüttert hatte, war, dass ich ja sonst nicht geschrien oder geweint hatte. Es ist bis zum heutigen Tage so geblieben, dass ich mich nicht eingeengt, nicht eingesperrt und nicht unfrei fühlen mag – und das auf allen Ebenen, besonders auch nicht in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Ich wuchs heran und lernte, mithilfe eines großen Balles zu laufen. Dann begann ich zu sprechen und sagte zu mir selbst: „Sali“ statt „Elisa“, „Klingsire“ statt „Rasierklinge“, „Kuschlade“ statt „Schublade“ usw. Und dann sagte ich zu Maria „Mammi“ und zu ihren Brüsten „Füchse“ und zu Gustav „Papi“. Ich habe ihn nur einmal nackt gesehen. Wir hatten kein richtiges Badezimmer. Alle wuschen sich in der Küche in einer Schüssel, so auch Gustav. Und ich saß in einem Schaukelpferd mit Sitz, hatte die Augen zu und schaute Gustav zwischendurch an.
Und eines Tages konnte ich „Ich“ sagen statt „Sali“. Von Lenchen und den Erwachsenen wurde ich weiterhin „Sali“ genannt. Ich sah mich bewusst im Spiegel und fühlte ein Ich.
Wahrscheinlich war das Fühlen dieses Ichs damals bis heute nicht ausgeprägt genug, da ich durch die frühkindliche Trennung von meiner Mutter nicht die Geborgenheit, nicht die Stärke der Vertrautheit und Verbundenheit erfahren konnte. Also war es zwangsläufig auch nicht möglich für mich, eine Trennung zu vollziehen, die ein kräftiges Ich benötigt. Mein Ich war und ist bis zum heutigen Tage durchlässig mit der Welt verbunden. Nach Albert Einstein und der Quantentheorie macht genau das das wahrhaftige Sein und Werden des Menschen aus, wenn die Trennung zwischen Ich und Du aufgehoben ist. Also das machte mich damals bereits aus und hat sich bis heute nicht wirklich verändert. Für meine Umgebung war diese Verhaltensweise angenehm und hilfreich, für mich selbst war diese Nicht-Ich-Werdung lebenslang sehr anstrengend. Meine Mitmenschen zeigten alle ein ausgeprägtes Ich und konnten sich im Gegensatz zu mir gut gegen alles andere abgrenzen, was ich aber erst viele, viele Jahre später, als ich krank geworden bin, herausgefunden habe.
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