Jan war von der Rettungsaktion im Weltall verschwitzt und sein Anzug klebte an seinem Körper. Er beschloss, sich zu duschen. Dazu stieg er in die enge Duschkabine, die von außen aussah wie ein Schrank. Seine Kleidung einschließlich der Schuhe stopfte er in die trichterförmige Öffnung des Regenerators, der an einer Seitenwand in der Duschkabine angebracht war. Die Dusche besaß eine Absaugung für das Wasser, sodass sie auch bei Schwerelosigkeit hätte benutzt werden können. Nun aber floss es aufgrund der künstlichen Schwerkraft von allein in den Abfluss. Nachdem Jan mit dem Duschen fertig war, lag seine Bekleidung sauber und frisch im Ausgabefach des Regenerators.
Als Jan die Dusche verließ, stellte er fest, dass das Raumschiff den Mond fast erreicht hatte.
„Wir werden in einer engen Bahn tief über die Mondoberfläche fliegen“, verkündete Lewis. „Daher sind wir sehr schnell und haben nicht viel Zeit zum Beobachten. Passt also gut auf, damit uns nichts entgeht.“
Die Seite des Mondes, auf der die Station lag, war von ihnen abgewandt, sodass sie sie nicht sehen konnten. Die Anziehungskraft des Mondes zwang das Raumfahrzeug, ihn in geringem Abstand mit hoher Geschwindigkeit zu umrunden. In wenigen Minuten würde die Station in Sichtweite kommen. Die sechs Kinder schauten erwartungsvoll aus den Fenstern der Kabine.
Endlich erspähten sie die Mondstation oder genauer das, was von ihr übrig geblieben war. Ihnen bot sich ein verheerendes Bild der Zerstörung. Überall lagen verbogene Metallteile und gesplittertes Glas herum. Der Boden war umgewühlt und mit unzähligen Kratern übersät. Die großen Streben der Raumschiffhalle ragten daraus wie die Finger eines gigantischen Skelettes empor. Kleinere Bruchstücke waren in der gesamten Umgebung verstreut. Jan fand die Stelle, an der sich die Wohnung von Tante Martha und Onkel Wilhelm befunden hatte. Nichts mehr davon war übrig geblieben. Die Kinder konnten nicht einen einzigen Bereich der Station entdecken, der von dem Meteoroidenschauer verschont worden war. Alles war zerstört. Nirgendwo war ein Anzeichen menschlichen Lebens zu finden.
Die Flugbahn des Schiffes führte sie weiter zu den Minen, die außerhalb der Mondstation lagen. Dort wurde mit einer riesigen Maschine das Erz abgebaut. Sie war fast so groß wie eine kleine Stadt. Viele Menschen arbeiteten in ihr. Die Kinder waren entsetzt, als sie die Abbaumaschine erblickten. Sie lag zerborsten vor ihnen wie ein ausgeweidetes Tier. Ihre Trümmer waren über ein weites Gebiet verteilt. Nichts mehr war von ihrer ursprünglichen Gestalt und Größe zu erahnen. Wie dürre Halme waren die massiven Ausleger abgeknickt und verdreht.
„Wir müssen landen und ihnen helfen“, schrie Chira.
„So wie das aussieht, kann dort unten keiner mehr leben“, entgegnete Lewis mit einer unnatürlichen Sachlichkeit.
„Schnell, meine Eltern sind da draußen irgendwo. Wir müssen zu ihnen“, forderte Yumiko aufgeregt.
„Tut mir leid, aber ich muss Lewis recht geben. Niemand kann so eine schreckliche Katastrophe überlebt haben“, sprach Xenia bedrückt.
„Zumindest müssen wir es versuchen. Lasst uns nachsehen, ob nicht doch jemand das Unglück überstanden hat“, verlangte Dimitri energisch.
„Wo soll denn noch jemand sein? Es ist alles zerstört. In der Station kann keiner mehr am Leben sein“, versuchte Lewis ihm zu erklären.
„Vielleicht sind sie verschüttet und liegen unter Trümmern begraben. Wir sind doch auch davongekommen“, sagte Jan.
„Ohne Luft kann aber kein Mensch existieren. Die Außenhaut der Station ist völlig zerfetzt. Nirgendwo kann dort noch jemand atmen“, erwiderte Lewis.
„Wir können ohnehin nicht landen. Schaut euch die Mondoberfläche an. Die ist vollständig verwüstet und von Kratern überzogen. Auf diesem unebenen Untergrund kann kein Raumfahrzeug sicher aufsetzen. Wenn wir es versuchen, bringen wir uns in große Gefahr. Falls wir es doch schaffen sollten, dass Raumschiff heil zu landen, werden wir von der zerfurchten Oberfläche nie wieder starten können. Außerdem bräuchten wir Raumanzüge, um in die Station zu gehen, da dort keine Luft mehr ist. Wir haben nur zwei davon“, gab Xenia zu bedenken.
„Was sollen wir sonst machen?“, fragte Dimitri weinerlich.
Keiner gab ihm darauf eine Antwort. Allen war inzwischen klar geworden, dass sie nichts mehr für die Menschen auf dem Mond tun konnten.
Lewis programmierte in den Steuerrechner einen höheren Orbit ein, in dem der kleine Personentransporter in gleichmäßigem Abstand um den Mond kreiste. Die Kinder standen an den Fenstern und schauten traurig auf seine Oberfläche hinunter. Alle schwiegen. Keiner von ihnen sagte etwas. Sie konnten nicht fassen, was geschehen war. Chira weinte laut los und Yumiko schluchzte leise. Dimitri verbarg sein Gesicht in den Händen und über Lewis Wangen rannen dicke Tränen. Xenia stand mit bleichem Ausdruck wie versteinert da.
Äußerlich zeigte Jan keine Gefühlsregung. In seinem Innersten war er aber aufgewühlt. Er dachte an seine Tante, seinen Onkel und seine Cousine. Auch wenn er Tante Martha und Mechthild nicht mochte, so hatten sie dieses Ende nicht verdient. Jan machte sich Vorwürfe, dass er sie gehasst hatte. Er vermisste den gutmütigen Onkel Wilhelm, der ihm immer helfen wollte und dessen Hilfe Jan zurückgewiesen hatte. Jan schämte sich. Er würde alles dafür tun, damit sie weiterleben konnten. Aber es gab nichts, mit dem er die drei vor ihrem Schicksal hätte bewahren können.
Jan konnte den Anblick nicht vergessen, wie Frau Dubois an der Startrampe stand und ihren Schülern nachwinkte, als sie ihr eigenes Leben gab, um die Kinder zu retten. Sein Gewissen quälte ihn, da er sie ablehnte, obwohl sie sich um ihn bemühte. Jan grübelte. Was war mit Piet? Ihn gab es nun nicht mehr. Jans einziger Freund, den er auf der Mondstation gehabt hatte, lag begraben unter den Trümmern. Immerhin musste sich Piet keine Sorgen mehr machen, welche Strafe ihn für das Schmuggeln der verbotenen Spiele erwartete. Das war aber kein Trost für Jan. So einsam und mutlos wie jetzt hatte er sich noch nie zuvor gefühlt.
Zu der unermesslich großen Trauer der Kinder mischte sich ein anderes Gefühl, das Gefühl, allein auf sich gestellt zu sein. Weit und breit gab es außer ihnen keine anderen Menschen, die ihnen hätten helfen oder sie hätten trösten können. Schmerzlich wurde ihnen bewusst, dass sie ohne Hilfe hoffnungslos verloren waren, verschollen in den unendlichen Tiefen des Weltalls wie ein Staubkorn im Sand der Wüste oder eine Träne in den Wassermassen des Ozeans. Sechs Kinder in einem winzigen Raumschiff mitten im Universum weit entfernt von jeglicher menschlichen Zivilisation fühlten sich mutterseelenallein und von allen verlassen.
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