1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 Der Kreuznarbige ritt nach Südwesten: entgegen aller Warnungen und Ratschläge genau dorthin, wo die jüngsten Kämpfe gewütet haben mussten. Und wo er seine Schwester vor Jahren zuletzt gesehen hatte. Die Kapuze, die er seit Verlassen des Schiffes tief ins Gesicht gezogen hatte, schützte ihn statt vor lästigen Blicken nur mehr vor der blendenden Abendsonne. Sie, in deren herbstlich-blattlosem Schatten der Söldner den Waldweg entlangritt, war sein einziger Zeuge gewesen. Bis jetzt. Denn unmittelbar vor der nächsten Biegung hörte er Stimmen.
»Sing‘«, befahl jemand.
»Ja, Krähe. Sing‘ uns das Lied von Gotenburg.«
Es folgte mannigfaltiges Raunen, demnach sich ein gutes Dutzend Leute in der Nähe befinden musste. Eilends verdeckte Sanguis die aus der Schlafrolle lugenden Enden seines Schwertes. Noch während er die Konturen seiner Rüstung zu verschleiern suchte, brachte ein merkwürdig helles Brummen die Luft zum Schwingen. Was in losgelösten Tönen begann, entwickelte sich flugs zu einem metallischen Schnurren.
»Eine Laute?«, fragte sich Sanguis.
Dann schon wob sich eine männliche Stimme klangvoll und harmonisch in das, was tatsächlich Saitenschlag war, ein.
»Dem Löwen auf die Wallstatt folgten,
um das Banner dicht geschart,
Ritter, Recken, purpur-golden,
tugendhaft und eisenhart.«
Mit Ausklingen der Strophe erblickte Sanguis den Sänger, der mit Instrument in Händen und schwarzer Strähne im Gesicht auf einem Baumstumpf stand. Aus seiner Weste quoll ein aufgeknöpftes Hemd, während die Hose von bunten Flicken blinkte. An seinem fleckigen Gürtel hingen ein Hut und ein hölzerner Löffel. Um einen seiner Stiefel schlang sich ein ausgefranstes Band, an dem einige winzige Glöckchen hingen. In seinen eigentlich weichen Zügen, die im Takt des Liedes wippten, furchten Falten kleine Schattenrisse. Zusammen mit dem gepflegten Bart schätzte ihn der Söldner für gleichaltrig. Wie alt auch immer das genau sein mochte.
»Fein, fein«, würdigte derjenige, der dem Musikanten am nächsten stand und damit in Sanguis‘ Sichtfeld rückte.
Dieser rieb sich gerade über die vom Dämmerschein befleckte Glatze, bevor sich seine Arme vor dem Kettenhemd verschränkten.
»Spiel weiter, nur weiter, Vögelchen«, sagte er nickend.
Dem Schwarzhaarigen schlug Gelächter entgegen; Spott von gut zwei Handvoll Männern, die dem Spektakel im Hintergrund beiwohnten. Mit Hohn in ihren Blicken. Und einer gespannten Armbrust, die unruhig auf den Sänger zielte.
»Auf der Weide, wie zum Trotze,
stellte sich gar sehr verwegen,
auf Rock und Fahn‘ ein großer Ochse
mit Hörnern ihm entgegen.
Warn Hunderte, warn Tausende,
kampferprobt und unbesiegt,
warn Väter, Söhne, Liebende
dort aneinander angeschmiegt.«
»Schön, schön«, kommentierte der Glatzköpfige, kurz bevor man den Neuankömmling bemerkte.
Mit einer seichten Handbewegung begegnete Sanguis dem Anführer, der seinen Blick – nicht ohne offensichtliche Erleichterung des Musikanten – über die Schulter warf. Gleichzeitig lenkte er das Pferd an den äußersten Rand des Weges, womit er zu verstehen gab, ohne Anteilnahme am Geschehen vorbeireiten zu wollen. Nach eingängigem Mustern auf der einen und verängstigtem Hoffen auf der anderen Seite wedelte der haarlose Bulle mit der Hand. Ohne ein Murren blieben Aufmerksamkeit und Armbrustbolzen auf den drangsalierten Schwarzhaarigen gerichtet. Sanguis lächelte.
»Sing‘ weiter, gleich die nächsten beiden Strophen«, befahl der Anführer und von angstklammen Fingern geschlagen, surrten die Saiten den nächsten Akkord.
»Mit Säbel, Schwert und Spieß in Händen
stürmten sie dem Winde gleich,
um den Landesstreit zu enden,
übers Feld ins Totenreich.
Weshalb sie diese Qualen litten,
indem sie kämpften wild und rau,
wofür sie hier mit Eifer stritten,
wusste keiner so genau.«
»Bravo«, schnitt der Bulle klatschend die zur Fortführung schwingenden Takte ab. »Und jetzt halt‘ die Schnauze. Den Rest will niemand hören.«
Auf sein Nicken hin entfuhr der Armbrust ihr eigentümliches Schnalzen. Schlagartig war jedweder Ton getilgt, als der Bolzen durch springende Saiten in die Rückwand der Laute, aber nicht darüber hinaus schoss. Dann füllte Gelächter über den zusammengezuckten Barden die Stille.
»Knüpft ihn auf«, befahl der Anführer, als hätte er von vornherein mit der Unversehrtheit des Musikanten gerechnet.
Sanguis sah den Barden schlucken. Als der just um einen Ast geworfene Strick vor dessen Kopf zu pendeln begann, plumpste das Instrument zu Boden. Der Musikus fuhr zurück, machte die Glöckchen an seinem Fuß makaber klingeln. Dann zerrte ihn jemand an seinem Hals und drückte ihn durch jene Schlaufe, die bald festgezogen war. Während er so seiner von dannen ziehenden Hoffnung hinterherblickte, den ganzen Körper schon steif für den bevorstehenden Tritt vom Baumstumpf, drehte sich Sanguis ein letztes Mal um.
»Noch ein letztes Wort, bevor wir dir den Hals umdrehen, Vögelchen?«
»Wolf«, stotterte er.
»Hm?«
»Ein Wolf«, ächzte der Barde, die bebende Hand auf den Reiter gerichtet.
Und tatsächlich: Bis der Söldner bemerkte, dass seine Kapuze durch die Kopfbewegung verrückt war, hatte man die bloße Narbe entdeckt. Mit einem Mal gebührte ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit.
»Du bist zu spät«, brüllte der Glatzköpfige hernach. Er öffnete die Arme und stiefelte dem Kapuzenträger rasselnd hinterher.
»Zu spät für was?«
»Den Krieg, du Arschloch. Wir sind so gut wie tot.«
Sanguis schüttelte den Kopf.
»Ich sehe genug Halunken, die mir etwas anderes verraten.«
Der Haarlose machte Anstalten etwas zu erwidern. Doch der Weiterreitende kam ihm zuvor.
»Außerdem wüsste ich nicht, dass wir beim „Du“ wären.«
Stirnrunzelnd blickten die Gefolgsleute zu ihrem Anführer. Statt zu antworten, leckte er sich über die untere Lippe.
»Helft mir«, krächzte der Barde, der unversehens einen Ellbogen zu spüren bekam. Soweit gekrümmt, wie es der Strick noch zuließ, keuchte er um Erbarmen.
»Er wird dir nicht helfen«, zischte der Stämmige, »so wie er Calranien nicht geholfen hat.«
Sanguis rümpfte die Nase. Ungesehen spannte er die Zügel.
»Wie viele Winter ist Gotenburg her? Jene Schlacht, von der unser Herr Barde hier gesäuselt hat?«
»Fünf«, meinte einer der Männer zu wissen.
»Ach was«, widersprach ein anderer, »sechs.«
»Neun«, fauchte der Kreuznarbige, den Blick über seine Schulter werfend. Der Glatzkopf nickte.
»Und neun Winter sind es, die Ihr uns den Rücken gekehrt habt. Seither schmoren wir in der Ungerechtigkeit, die Ihr einst in Gotenburg bekämpft habt.«
Plötzlich brachte der Söldner das Pferd zum Stehen. Die Armbrust im Rücken machte seinen Bauch kribbeln.
»Muss ich Euch erinnern?«, erhitzte sich der Ankläger. »Wie Ihr den König an diesem Tag gegen das Unrecht seines missratenen Sohnes verteidigt habt?«
Sanguis atmete tief ein. Seine Hände verkrampften.
»Da habt Ihr mich falsch verstanden«, begann er zurückzuweisen. »Ich kämpfte in Gotenburg des Goldes wegen. Für keinen totgeglaubten Herrscher. Gegen keinen unreifen Prinzen. Nur für meinen zugegeben prallen Geldbeutel.«
Die Worte begleitete ein dunkles Blitzen, wo man unter der Vermummung die Augen des Söldners vermutete. Die Anwesenden rangen, ob der Enthüllung nach Luft. Verbitterung äußerte sich in knirschenden Zähnen und finsteren Mienen. Einzig der Anführer wagte seiner Enttäuschung Ausdruck zu verleihen.
»Ihr wart mal ein Held, eine Legende. Heute aber seid Ihr ein Haufen Scheiße«, schimpfte er, indem er auf den Boden spuckte.
Das genügte, um dem Söldner eine Reaktion abzutrotzen. Und was für eine: Mit dem ersten Wiehern des Pferdes nämlich zwang Sanguis das Pferd nicht zur Wende, sondern gleich zum Antritt. Gegen den aufbäumenden Widerrist des Tieres gepresst, musste der abgeschossene Armbrustbolzen zwangsläufig so dicht an dessen Haaren vorbeisausen, dass es dem Kreuznarbigen die Kapuze vom Kopf riss. Derweil das Pferd lostrampelte, nutzte der Barde die um sich greifende Überraschung, um seinem Aufpasser mit der Ferse in die Weichteile zu treten.
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