1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 »Schnappt ihn«, brüllte der Anführer da mehrheitlich aus Zugzwang.
Doch bis irgendeiner seiner Männer dem Pferd bedrohlich nahe kommen konnte, hatte der Kreuznarbige den glatzköpfigen Schreihals bereits unter seiner Achsel eingehakt. Während seine Sohlen folglich über den Boden fegten, verpasste ihm Sanguis mehrere Schläge ins Gesicht. Solange, bis das Pferd beide bis zum Baumstumpf getragen hatte.
»Den Strick«, schnaubte der Braunhaarige, worauf ihm der Barde gleich beide Seilenden in die Hand schwang.
Keinen Lidschlag später fand sich der stämmige Herausforderer mit dem Kopf in der Schlinge wieder. Mit nur wenigen Tritten des Pferdes, um dessen Sattelhorn der Reiter das lose Ende geworfen hatte, stand er nur mehr japsend auf den Zehenspitzen. Es war dieser Augenblick, da die Bewegungen eines jeden einfroren und man dem Treiben bloß noch wie angewurzelt beizuwohnen wagte.
»Sing‘, Vögelchen«, bedeutete Sanguis jenem Glatzkopf, der nun selbst schwitzend auf der Stelle tappte, um nicht in den Strick zu fallen. »Du kennst die nächste Strophe.«
Auf dessen ungeduldiges Knurren hin begann der Strangulierte zu röcheln.
»Aus dem Himmel kullern Tränen
am Tage jener Schicksalsschlacht,
weil Brüder sich dem Tode wähnen,
die ihr Hass zum Feind gemacht.«
Sanguis bleckte noch einmal die Zähne, während der Barde seinen Peiniger wie zur Vorführung umkreiste. Er massierte sich den Hals und rückte seine Weste zurecht. Als er irgendwann vor diesem zum Stehen kam, bemerkte Sanguis ein feistes Lächeln im Gesicht des Musikus.
»Das war nicht der Pl…-«, versuchte der rotgedunsene Glatzkopf noch mit ausgestreckter Hand zu sagen.
Ehe er den Satz jedoch mit Worten abschließen konnte, schlug der langhaarige Barde auch zur Überraschung des Kreuznarbigen auf den Pferdehintern. Indem das Tier erschrocken ausbrach, beendete es das eigentlich nur angedeutete Vorhaben mit einem unumkehrbar grässlichen Knacken. In die darauffolgende Stille hinein, erhob sich aus der Kehle des Barden plötzlich wieder die bekannte Melodie. Dieses Mal aber kratzig und im Angesicht des Gehängten geradezu gespensterhaft.
»Den furchtlos‘ Löwen schlug ein Mann,
den heute noch die Sage meist,
als einen der nicht sterben kann,
nur noch den Wolf der Wölfe heißt.«
Just mit Ende des Liedes stieben die versteinerten Marodeure davon. Kopflos und in alle Winde, weshalb man nicht verübeln konnte, dass sich mehr und mehr Krähen rings um den Galgenbaum zum Totenschmaus eingeladen fühlten. Unter ihren wachsamen und geduldigen Augenpaaren ließ auch Sanguis den Blick schweifen: Vom schwarzhaarigen Barden, über dessen zerstörte Laute zu dem am Strick friedlich Schlummernden.
»Welche Zahl kommt nach neunundzwanzig?«, fragte der Söldner aus dem Nichts.
Der Musikant schaute ihn perplex an.
»Dreißig«, antwortete er.
»Dreißig«, wiederholte Sanguis, damit er beim Anblick des Gehängten an die Neunundzwanzig anzuknüpfen vermochte. Um der vergewaltigten und ermordeten Frau in den Fliedersträuchern und allen achtundzwanzig vor ihr noch ihre jeweilige Genugtuung zu schenken, bevor er dem Pferd die Sporen geben und sich wie die Sonne im Abendrot in ganz anderen Erinnerungen verlieren konnte.
IV
– Feldschlacht bei Fleming, aD 1203 –
Aufwachen! Du musst aufwachen, schrie die innere Stimme des kleinen Jungen, der wie gestochen den Hang hinaufeilte. Panisch schaute er zurück und musste erkennen, dass ihm die Reiter noch immer dicht auf den Fersen waren. Schweißperlen rannen ihm über das blutbespritzte Gesicht. Die Nase lief. Sein Herz raste und pochte unangenehm gegen die gequetschte Lunge. Wach auf, Sanguis! Das ist alles nur ein Traum!
Als er sich zum wiederholten Male in die Wange kniff, übersah er die Leiche vor ihm und stürzte zu Boden. Sein Kopf krachte gegen den Helm eines Gefallenen. Die wackligen Knie schlitterten ungebremst über den ausgetrockneten Boden in eine klebrige Blutlache. Das Wiehern eines Pferdes dröhnte in seinen Ohren. Er spürte, wie das Tier durch seine Nüstern schnaubte, und sich winzige Wassertropfen in seinem Nacken absetzten. Er schrak auf. Warf den Blick erneut über seine Schulter.
»Mama«, wimmerte seine dünne Stimme.
Vom Schlachtenlärm übertönt, blieb sie ungehört. Der braunhaarige Junge spürte das Pulsieren der Beule am Kopf, ja die zähe Flüssigkeit, die austrat und durch sein struppiges Haar kroch. Über ihn beugte sich der gewaltige Schatten eines in Dunkelheit gehüllten Reiters. Kleine Schlitze weißen Augenlichts ruhten auf dem Knaben, der sich zitternd aufzurichten suchte. Die hereingebrochene Dämmerung ließ ein Schwert aufblitzen. Der Junge war sich sicher, dass es die Furcht war, die ihn zwischen den vielen Toten festnagelte. Doch was ihn dazu veranlasste, unter dem Pferd hindurch zu tauchen und dem tödlichen Hieb zu entkommen, das konnte er zum Zeitpunkt des Geschehens nicht feststellen. Stattdessen rannte er weiter. Er schlug Haken wie ein Hase, während er sich dem Rand des Waldes näherte. Bolzen zischten an ihm vorbei. Pfeile gruben sich vor ihm in den Boden. Einzelne, sich in Verzweiflung wehrende Kämpfer, ließ er genauso wie die vielen schreienden Verwundeten hinter sich.
Ehe er den rettenden Wald erreicht hatte, blickte er noch einmal zurück. Die, die ihn verfolgt hatten, stürzten sich nun unter gellendem Jubel auf die todgeweihten Zurückgebliebenen. Sanguis sah, wie Lanzen die Unglückseligen durchbohrten, die nicht schnell genug gerannt waren. Er sah wie ein Streitkolben den Schädel eines tapfereren Landsknechtes zerschmetterte. Und wie Schwerter die Leiber der wehrlosen Verwundeten durchstießen. Bei diesem Anblick drängten sich dem elf Winter zählenden Sanguis Cor salzig schmeckende Tränen auf.
Er hatte den Wald schon längst betreten, doch noch immer trugen ihn seine dürren, aufgeschürften Beine über das Wurzelwerk der unheimlich großen Tannenbäume. Das Klappern des schartigen, und zugleich für den Knaben viel zu schweren Schwertes verklang schlagartig, als ihn grobschlächtige Hände packten.
»Wo willst du denn hin?«, hörte der Junge den Riesen unter den drei Kerlen sagen, der seinem Lauf Einhalt geboten hatte.
Nun hielt er ihn an den spitz aufragenden Schultern vor sich fest. Sanguis erkannte, dass er ein Kettenhemd trug. Es war jungfräulich, von etwaigen Kampfspuren verschont geblieben.
»Wir sind geschlagen! Ihr müsst fliehen, fliehen müsst ihr! Sie schlagen jeden tot, den sie zu fassen kriegen«, keuchte der Knabe völlig außer Atem.
Aus angsterfüllten Augen blickte er sie an.
»So, so«, entgegnete der Zweite, der einen dicken Lederharnisch trug.
Zwar wies er Schnitte und Kerben in seiner Oberfläche auf, doch der blutbesprenkelte Junge störte sich an ihrer Sauberkeit. Sanguis spürte mit einem Mal, wie der Riese seinen Griff löste, den Helm absetzte und ihn unter den Arm klemmte. Sein kantiges, von dunklen Flecken verunstaltetes Gesicht beugte sich zu ihm herunter. Der Braunhaarige sah sich plötzlich mit unheimlich großen, schwarzen Augen konfrontiert.
»Soldaten fliehen nicht, Knirps«, betonte der Riese, »denn auf Fahnenflucht steht standrechtlich der Tod.«
Sanguis überkam ein kalter Schauer. Ihm schien, als loderten die Pupillen seines Gegenübers auf. Aus dem Augenwinkel erkannte er einen Dritten, der sich aus dem Hintergrund näherte.
»Sag‘, bist du geflohen, Rotznase?«, fragte der Schwarzäugige, dessen Gesicht von den Schatten nur noch unheimlicher wurde.
»Nein«, stotterte der Junge.
Dann erfasste ihn ein erschütternder Ruck, der ihn auf die Knie zwang.
»Du lügst«, brüllte ihn der Dritte mit einer ungewöhnlich hohen Stimme an.
Eine Ohrfeige presste dem Knaben den Kopf schmerzhaft zur Seite. Tränen bahnten sich ihren Weg nach unten. Eine Hand des Riesen tastete nach dem Schwertknauf.
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