»Woher willst du das wissen, Blindfisch?«, spottete ausgerechnet der Schiffsjunge, der sich durch die Seeleute zu schlängeln versuchte.
Sein Gelächter verkam abrupt zu einem Quieken, als ihm einer der Erwachsenen in die Magengrube boxte.
»Schnauze, Lümmel«, fauchte dieser. »Der Blinde hat recht.«
»Bei den Winden.«
»Der ganze Landstrich scheint zu brennen«, kommentierte ein rauer Geselle, der Feuer zu erkennen glaubte.
Einige Matrosen nickten da schon, andere verdrehten die Augen und wieder anderen klappte die Kinnlade herunter. Noch ehe sich unter der Meute Scheißhausparolen breitmachen konnten, näherten sich klackende Stiefeltritte.
»Weg mit euch, ihr Hunde! Offizier an Deck«, schwang sich Henrich, dem das Geräusch nicht entgangen war, mit seiner tiefen Stimme auf.
Kein Wunder also stieb die Mannschaft Hals über Kopf auseinander. Der Blinde seinerseits dachte nicht daran, wieder unter Deck zu verschwinden. Stattdessen wartete er, bis der Angekündigte vor ihm stand und er sich sicher sein konnte, dass ihn die unerfahrenen, blauen Augen anblickten. Wie sonst auch, wenn der alte Seebär dem jungen Kapitän der Westwind die Meinung zu geigen hatte. Dann schenkten ihm die weichen Züge des Offiziers nämlich einmal mehr jenes vorfreudige Lächeln, das dem Blinden selbst hinter dem Schleier seiner Behinderung nicht verborgen blieb.
»Kap‘tän«, grüßte der Grauhaarige, indem er Haltung annahm.
»Henrich«, würdigte der junge Mann.
Dass er seinen Schiffskoch dabei beim Namen nannte, war ein Privileg, das sich Henrich trotz oder gerade wegen seines losen Mundwerks erstritten hatte. Gegen die Reling gelehnt, ließ der Kapitän seinen prüfenden Blick über den Horizont schweifen, ohne jedoch auf den Tumult der Mannschaft von eben zu sprechen zu kommen. Wohl aber, um den ersten Maat vom Steuer heranzuwinken. Er sollte Meldung machen.
»Wenn der Wind so bleibt, dann sind wir in drei, vielleicht vier Glasen dort«, rapportierte der Seemann zwar zur Zufriedenheit des Kapitäns, nicht aber zu der des Blinden.
Denn dieser schluckte.
»Dort?«, fragte Henrich noch vorsichtig, während er sich schon mehr nervös als nachdenklich durch den Bart strich.
»In Förde«, entgegnete der Maat auf eine für den Blinden unverständlich naive Weise. Denn die explizit genannte Hafenstadt ließ keine Zweifel offen, welchen Kontinent sie anliefen: Calranien.
Hätte der Berichtende gewusst, was dieser mitschwingende Name in Henrich auslöste, er hätte die Nonchalance wahrscheinlich vermieden. Schließlich begannen die Knie des Alten so heftig zu beben, dass der Maat selbst ihn stützen musste. Was Henrich für Außenstehende unsichtbar glaubte, die mit jedem Wimpernschlag vor seinem Auge auftauchenden Bilder, stülpte sich in einem ekelerregenden Pulsieren der Pupillen nach außen. So fürchterlich waren die Bilder, die er längst verdrängt und von denen er gehofft hatte, dass sie ihn nie wieder heimsuchen würden. Doch wider Erwarten traten sie ans fahle Tageslicht, derweil die grässlichen Narben auf seinem Körper zu jucken anfingen. Eine marternde Pein schoss ihm durch die Adern. Sein Atem wurde schwer und winzige Schweißperlen waren dabei über seine Stirn zu kreuchen.
»Kap’tän, mit Verlaub«, stockte Henrich, »wir dürfen dort nicht anlegen.«
Maat und Offizier blickten den Alten ratlos an. Dessen Hände zitterten und in seiner Stimme lag Angst.
»Hört Ihr? Lasst die Westwind nicht an diesem Ort vor Anker gehen«, tönte es wie zur Warnung von seinen blassen Lippen.
Fragend tauschten die beiden Männer Blicke aus. Der Maat zuckte letztlich mit den Schultern.
»Ist dir nicht gut, Schiffskoch?«, sorgte sich der Offizier, während er seine Hand auf Henrichs Schlüsselbein legte.
Die dabei geschauten Augäpfel schienen den jungen Kapitän auf eine gespenstische Weise zu durchdringen.
»Riecht Ihr es denn nicht? Den Rauch? Das Blut? Den Tod?«, fragte der Alte flüsternd, als wollte er nicht riskieren, von der Crew gehört zu werden.
Die Bilder in seinem Kopf waren just so lebendig wie schon seit Jahren nicht mehr.
»In ganz Calranien herrscht Krieg, Kap‘tän. Schon seit über zehn Wintern.«
»Und seit bestimmt über zehn Wintern fährst du auf diesem Schiff zur See«, versuchte der Blauäugige den Blinden zu beruhigen. »Du weißt besser als jeder andere, dass kein Krieg die Westwind jemals daran gehindert hat, irgendwo anzulegen.«
Henrich wirkte nicht nur gequält, sondern plötzlich auch wütend.
»Ihr hört mir nicht zu«, zürnte Henrich so laut, dass die Mannschaft es letzten Endes doch hören musste. »Ich spreche nicht von irgendeinem Krieg. Ich spreche von hundert Kriegen, die diesen Kontinent zerreißen.«
»Und wenn schon, warum sollte uns das betreffen?«, erwiderte der Kapitän.
Henrich geriet daraufhin dermaßen außer sich, dass er sein Gegenüber an der Wange packte. So, als müsste er ihm inständig die Leviten lesen.
»Ihr habt nicht gesehen, was ich gesehen habe«, verhieß der Blinde, bevor er sein Verhängnis aufzuzählen begann. »Ich habe erlebt, wie Kinder jene Galgenbäume schmückten, unter denen sie tags zuvor noch gespielt haben. Ich habe erlebt, wie junge Mütter ihre Neugeborenen auf die Straße warfen, in der Hoffnung, dass Fuhrwerke und Soldaten deren winzige Schädel zerquetschten. Ich habe erlebt, wie Fremdländer, wie Ihr einer seid, entweder aufgespießt und zu lebendigen Wegweisern erkoren oder aber enthauptet wurden, um die maroden Straßenpflaster zu kitten.«
Es herrschte Stille, bis Henrich es auf den Punkt brachte.
»Calranien ist ein Todesurteil«, sagte er so voller Nachdruck, dass dies abseits ihrer Gesprächsrunde nicht unbemerkt blieb.
Doch auch wenn sich beim Kapitän angesichts der Worte und der darüber tuschelnden Mannschaft Unbehagen ausbreitete, änderte das grundsätzlich nichts an seiner Entscheidung. Denn er hatte es jemandem versprochen.
»Wir setzen nur unseren Passagier ab und verschwinden wieder«, vermittelte der von seinem Pflichtgefühl eingenommene Offizier.
Da reckte der Blinde den Kopf.
»Welchen Passagier?«, horchte er, nicht ohne Aufregung nach. »Welcher verfluchte Hund nennt diesen Flecken Elend seine Heimat?«
Spitz auf Knopf drehte ihn der Maat nach backbord – dorthin, wo jener in seinen blassen Augen gottverlassene Kerl auf Kisten und Tauen saß, der ihr aller Leben aufs Spiel setzte.
Scheiße, dachte Sanguis. Dabei kommentierte er weniger seine brennende Heimat am Horizont als vielmehr den Bannerfetzen, der sich um seine Finger wand. Er hätte weiß sein sollen. Doch entgegen seiner Erinnerung, oder mochten es Erwartungen sein, war er blutrot. Dummes Ding, schimpfte er insgeheim auf Prinzessin Alessia. Ihretwegen blieb das dicke Lumpenbündel an der Schulterpartie des Braunhaarigen ein düsteres Zeugnis von Grausamkeit. Und ein Omen, das ihn bald schon einholen würde.
»Lebensmüde oder bescheuert?«, warf ihm plötzlich jemand an den Kopf.
Sanguis, der sich zuerst umsehen musste, blickte auf einen Mann, dessen narbenträchtiger Arm zum Festland zeigte.
» Und «, entgegnete der Braunhaarige.
»Was?«
»Lebensmüde und bescheuert.«
Die Brauen des Alten zuckten, während das Sonnenlicht seine Augen und Tätowierungen erblassen ließ. Zumindest solange, bis ihn das schlackernde Segel in Schatten hüllte.
»Was glaubt so ein Witzbold wie Ihr in Calranien zu finden?«, zischte er.
Dabei würgte der Grauhaarige den Hals seiner Schnapsbuddel so krampfartig, dass Sanguis die dahintersteckende Nervosität nicht entging. Doch er machte keine Anstalten zu antworten. Nicht, weil er keine Antwort wusste. Sondern, weil er sie nicht wahrhaben wollte. Nicht wahrhaben konnte. Obwohl sie ihn schon so weit in Richtung Heimat gezerrt hatte.
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