Zugegeben, hätte der Untergrund nicht aus Leichen bestanden, es wäre schier unmöglich gewesen, den Reitern auf diese Entfernung auszuweichen. Den Toten sei Dank aber, waren die Pferde darauf nur zum Traben imstande. Dass sie damit ihren gefährlichen Schwung verloren, gab den tollkühnen Provokateuren Spielraum. Von der Art, die es in einem wachsamen Moment erlaubte, zuzuschlagen. Genau dann nämlich, als die Reiter auf ihrer Höhe waren. Der Riese für seinen Teil stieß dem seinerseits begegneten Pferd kurzerhand in die Flanke. Der Wolf auf der anderen Seite zerteilte die Fessel des Seinen. Im Ergebnis katapultierte es die betroffenen Junker lauthals in den Dreck oder schlicht in die zerquetschenden Arme des Hünen. Die jungen Adligen waren tot, bevor es den beiden verbleibenden Reitern, dem Fähnrich und dem Befehlshaber, dank formidabler Reitkunst gelingen konnte, die Söldner zu umkreisen.
Dann aber musste sich vor allem der Großgewachsene unverhofft mit Schlägen eindecken lassen. Sanguis dagegen, auf den der Fähnrich in einem Bogen zusteuerte, blieb noch eine Chance der drohenden Rachenahme des Berittenen zuvorzukommen. Für seine waghalsige Idee musste ihm nur eines der gestürzten Pferde ins Auge fallen. Zwischen zwei Lidschlägen darauf zuzustürmen, erledigte sein Drang von selbst. Und schon im nächsten Moment befand sich der Wolf im Sprung dorthin, wo er wohl oder übel scheppernde Bekanntschaft mit der Rüstung des Fähnrichs machte. Die beiden verkeilten sich noch in der Luft so sehr ineinander, dass sie sich augenblicks darauf im Schlamm wälzend wiederfanden. Während hier nur Fäuste flogen und Lippen platzten, hörte man von drüben schon das Fleisch schmatzen. Es verwunderte den Kreuznarbigen daher nicht, dass, gerade als er die Überhand zu gewinnen meinte, das Reittier des Befehlshabenden heranpolterte. Doch nicht nur, dass der Anführer auf ihn zu rauschte, er schmetterte den Kreuznarbigen schon im nächsten Augenblick mit einem Tritt des Steigbügels auf die Seite. Wo Sanguis den Fähnrich gerade noch in die Bewusstlosigkeit geprügelt hatte, lief er jetzt Gefahr zertrampelt zu werden.
Nachvollziehbar hektisch also wühlte er nach irgendeiner Waffe, derweil der Ritter bereits eine Kehrtwende für das Finale vollführte. In der Annahme, den kahlköpfigen Hünen durch seinen Schlaghagel bezwungen zu haben, bemerkte der Berittene indes nicht, dass sich der Großgewachsene außerhalb seines Sichtfelds wieder auf die Beine hievte. Weil Sanguis so tat, als stelle er sich der Begegnung, sprintete der Riese los. Und genau im richtigen Moment zermalmte er krachenden Schaftes das Pferdekreuz. Doch obwohl die Bestie kippte, der Reiter schwang sich noch rechtzeitig aus dem Sattel.
So kam es, dass mit einem Mal Funken ins graue Schlachtendämmern sprühten. Schwerter brandeten gegeneinander, es rasselte und klapperte. Klingentanz und Fechtkunst trafen zu einem exotischen Zweikampf zusammen. Auf engstem Raum beraubten sich Ritter und Söldner abwechselnd der Initiative. Was zunächst nicht enden wollte, verkürzten letztlich die aufgezehrten Kräfte des Gepanzerten. Mit beiden Händen an der Schneide haute Sanguis ihm in einem Moment der Unachtsamkeit die Parierstange um die Ohren. Der Helm trennte sich vom Kopf und der Anführer sank, gegen den Bauch seines Pferdes gelehnt, nieder. Aus einer Platzwunde an der Schläfe troff Blut. Aufgesogen vom fülligen Bart aber hinterließ der Schlag ein ansonsten heiles Gesicht. Was an Narben darin fehlte, war als Ausdruck seiner Kampferfahrung in Helm und Harnisch graviert. Selbst die Hirsche, die Armzeug und Brustplatte zierten, waren nicht davon verschont geblieben. Obgleich das imposante Schmiedewerk seine Lungenflügel quetschte, zeigte der Adlige keinen Schmerz. Stattdessen sah er seinen Bezwinger aus blauen Augen heraus an.
Der Kreuznarbige entgegnete ein Grinsen.
»Missgeburt«, keifte Alessia, als die Belagerer der Stadt auf dem Marktplatz Aufstellung nahmen.
Zähneknirschend setzte sie sich an die Spitze der Verteidiger und begegnete ihrem Widersacher, dem das Wort gegolten hatte: Prinz Hadrian, ihrem älteren Bruder.
»Hure«, schallte es von diesem zurück, der das Gebaren der Schwester in Harnisch und mit Schwert und Krone aufzukreuzen, belächelte. »Vaters Thron gehört mir.«
»Ein Scheißdreck gehört dir, Fettsack«, zischte die blonde Schönheit, »das hat das Volk zu entscheiden, nicht du.«
Ihre Worte aber provozierten Gelächter unter den verwegenen Gestalten, die sich im blauen Rauch der flammenden Vorstadt heranpirschten. Was sie, statt Waffenrock und Wimpel an der Seite des Prinzen einte, waren nur mehr die grauen Ascheflocken auf Rüstung und Haaren.
»Wir beugen uns keinem Tyrannen«, brüllte ein Bauer, worauf sich um ihn bunte Fahnen in die Sonnenstrahlen reckten.
»Aber einem Weibsbild«, spottete ein Geistlicher an Hadrians Seite, indem er das Symbol seines Glaubens in die Luft zeichnete.
Begleitet von zustimmendem Murren und finsteren Blicken unter seinen Männern, nickte der Prinz.
»Aus reiner Neugier, Schwester«, setzte er an, »was hat es dich gekostet, die schweinefickenden Bauern und debilen Adeligen dieses Landes ausnahmsweise einmal zusammen an einen Tisch zu kriegen?«
Ein greiser Ritter neben Alessia stemmte die Hände in die Hüften. Seine brüchige Stimme machte Anstalten sich zu erheben. Doch der Prinz überging sie.
»Deinen süßen Arsch? Oder doch nur deine weichen Lippen um ihre verschrumpelten Schwänze?«
Hadrians Gesichtsausdruck verzog sich zu einem breiten Feixen. Während seine Männer die Kontrahentin mit eindeutigen Gesten verhöhnten, blies der sprachlose Ritter vor Scham die Backen. Dann, als hätte er darauf gewartet von einem Wolkenschatten verdüstert zu werden, setzte der Prinz fort.
»Welcher Mann legt schon freiwillig seine Geschicke in die Hände einer Frau?«
»Derjenige, der keine Unterdrückung und Ungerechtigkeit duldet«, entgegnete einer zaghaft. Hadrian aber schüttelte den Kopf.
»Nein«, widersprach er, die Faust geballt, »derjenige, der diesen Tag nicht überleben wird.«
Während seine Drohung jenseits für Verunsicherung sorgte, schlug sie sich diesseits in euphorischem Kampfgeist nieder. Alessia auf der anderen Seite lächelte. Denn der Zustrom an feindlichen Kämpfern verebbte merklich. Darüber konnten auch die in Erwartung geschwungenen Waffen und lautstarken Schlachtrufe ihrer Gegner nicht hinwegtäuschen. Ob genau dieser Beobachtung blinzelte Alessia mit ihren haselnussbraunen Augen über die Schulter in die entmutigten Gesichter der Verteidiger.
»Warum so still?«, rief sie fragend. »Sollten wir uns nicht freuen, dass uns mein Bruder mit seinem Besuch ehrt?«
Hier und da hoben sich gesenkte Häupter. Vereinzelt tauschte man Blicke aus, wunderte sich über die irritierende Wortwahl.
»Ist es nicht das, was wir wollten? Wollten wir nicht dem Mann in die Augen sehen, der die Zukunft dieses Landes, unser aller Schicksal für die nächsten Jahrzehnte bestimmt?«, fuhr Alessia fort, ehe sie eine etwas dunklere Strähne aus Gesicht und Dekolleté pustete. »Wollten wir etwa hier und heute nicht dem Mann zu Füßen kriechen, der Bauern erschlägt, weil sie sich nicht tief genug bücken? Der Kinder und Frauen raubt, weil man den Kirchenzehnt nicht zahlen kann? Der Adlige hinrichtet, weil sie sich um des Friedens willen dem Krieg verweigern?«
In der vormaligen Stille begann es zu rumoren.
»Nein«, stiftete plötzlich jemand zu einem rollenden Echo an, das nach und nach auf die Gegenseite überschwappte.
»Oder wollten wir diesem Mann begegnen, um seinen Grausamkeiten, seinem zerstörerischen Treiben ein Ende zu bereiten?«
Auf die tosende Bejahung hin spuckten Bauern im Angesicht des Prinzen auf den Boden, gepanzerte Ritter klapperten Beifall. Alessia derweil ließ sich ein eingerolltes Banner reichen.
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