Sanguis, wie der Kreuznarbige eigentlich hieß, machte deren Bedrücktheit lachen. Mit einem tiefen Atemzug ergab er sich dem beißenden Odem, der in Gestalt saurer Schweißdämpfe und verrottendem Leder den Wind vergiftete. Statt sich an den hängengelassenen Köpfen zu stören, labte er sich an der Angst, die in schlotternden Zähnen um sich schlug. Denn die gegenwärtige Verzweiflung erst war es, die seine Unerbittlichkeit hervorhob; für Aufsehen sorgte, indem sie die unheilvollen Narben inszenierte und ihm zu seinem Gefallen einen mystischen Schleier anheftete.
Darüber konnte Sanguis nur schmunzeln. Er kratzte sich über die Bartstoppeln am Hals, bis ihn seine Narbe über den Kiefer zu den Haaren führte. Vom Regen zu nassen Strähnen gebunden, ließen sie sich sorgsam zur Seite streichen. Mit den anderswo zum Abstieg gezwungenen Tropfen löste sich der zuweilen dampfende Schleier von Sanguis‘ Blick. Dabei mischte sich für ihn zum ersten Mal ein solch bemerkenswert weißer Klecks in das glasige, aus Licht und Bewegung bestehende Spiel seiner Augen, dass der Kreuznarbige blinzelte und die Lider kniff. Als er darin das unbefleckte und gegen das Herbstlicht gleißende Hirschenbanner erkannte, ging sein Lächeln in einem tückischen Grinsen auf. Wie aus dem Nichts heraus setzte sich der Braunhaarige noch vor den Hünen an die Spitze der Gruppe. Er scherte aus und ließ sich solange von der Menge treiben, bis er dem ausgemachten Panier aus dem ersten Glied der Schlachtordnung gegenüberstand.
Während sich sein Gefolge noch einen Weg zu ihm bahnen musste, begutachtete Sanguis seine linke Schulter, die von buntem Stoff gesäumt war. In ausgefransten Streifen herunterhängend, machte dieser das stählerne Armzeug für eine Handlänge verschwinden. Obwohl die Gespinste träge im Wind züngelten, ließen sich unter Blutkrusten und Dreck filigrane Bordüren und Muster erkennen. Was im ersten Moment nach bloßen Lumpen aussah, entpuppte sich als ein Fetzenbündel, das aus dutzenden Standarten und Fahnen gemacht, will heißen mit brachialer Gewalt angeeignet, worden war. In nahezu allen Farben und bestickt mit den unterschiedlichsten herrschaftlichen Insignien, schmückten sie Sanguis‘ Schulter; allerdings mit Ausnahme eines so reinen Weiß, wie es in den feindlichen Reihen voller Anmaßung, voller Dreistigkeit in Gestalt des Hirsches wogte; wie es seinen Stolz vor- und seine Hand verführte, in den Eisenhandschuh zu schlüpfen und sich zur Faust zu ballen.
Inzwischen waren seine Mitstreiter an seine Seite gerückt.
»Fertigmachen«, befahl er ihnen in herrischem Ton.
Von einem lautlosen Nicken quittiert, stahl sich ein kesses Feixen in die düsteren Gesichter seines Gefolges. Ein flammender Abglanz blitzte unter den wüsten Helmen auf und ächtete die zur Verstohlenheit verdammten Augenpaare. Eingeläutet vom Klappern ihres Rüstzeugs schepperte Sanguis seinen Panzerhandschuh gegen die links an einen Harnisch aus beschlagenem Leder genietete Brustplatte. Der stählerne Donner des Widerhalls besänftigte ihn, weswegen er sogleich auf die gegerbte Hälfte übergriff. Darin war eine nach unten geneigte Dolchscheide eingearbeitet. Das zugehörige Klingenheft wurde durch Riemen am bloßen Herausfallen gehindert. Packte der Braunhaarige zielsicher das Klingenheft, würde sich bei einem übermäßigen Ruck die raffinierte Befestigung an der Parierstange lösen und die Klinge war frei. Viel lieber als sich dessen zu versichern, lockerte Sanguis das dämmerfarbene Tuch, das um seinen Unterarm geschlungen war, und verknotete dieses um seine Stirn. Damit konnte er sich dem Wolfsfell widmen, das seine rechte Schulter samt Nacken und Rücken bedeckte. Er zupfte das geliebte Grau in Form, versicherte sich der Bewegungsfreiheit seines Schlagarmes und zurrte einzelne Schnürungen fest. Beinahe bedächtig strich er noch die schwarzgetupften Härchen glatt, ehe er die Gürtel zurechtrückte, die sich an seiner Hüfte kreuzten: Erst den Einen, den zwei Taschen mit Räucherwerk und Keramik beschwerten. Dann den Anderen, an dem sein Schwert baumelte. Weil selbiges den Boden beinahe streifte, hatte es so manch trotziges Blümchen auf seinem Weg hierher erdrückt. Erst als die Klinge in diesem Moment kreischend aus der Scheide fahren durfte, war das vergessen. Mitunter sprengten auch die Waffen des Gefolges die Ketten ihrer Zähmung und täuschten über jedwedes schlechte Gewissen hinweg. Dafür war und blieb der eine Schrei der Dominanteste inmitten des krächzenden Gesangs. Nicht allein deshalb führte Sanguis die Klinge vor sein Antlitz, sondern auch um sein perlendes Abbild im Spiegel zu betrachten und zufrieden zu grinsen.
Just jetzt, als der aufgeweichte Boden von den ersten Pfeilen beharkt aufspritzte, bedurfte es keiner Worte mehr. Knurrend und indem er seine spitzen Eckzähne bleckte, verschmähte Sanguis die nur wenige Schritte vor ihm niedergehenden Geschosse. Auf sein Handzeichen hin wurde ihm ein hölzerner Rundschild gereicht; und kaum hatten sich die Lederschlaufen um sein Handgelenk gewunden, deutete die Spitze seines Anderthalbhänders den Weg geradewegs über die freie Pläne zu dem weiß flirrenden Wappentier. Mit seinen dunklen Augen auf selbigen Berittenen versteift, der jenes Panier in die Schlacht trug, brach der Braunhaarige jäh aus der Formation aus, hernach ihm seine Gefährten ungehemmt und unter erhobenen Schilden hinterherstürzten; nicht wie man vermuten würde mit Krawall, sondern so lautlos, als würden sie von Geisterhand durch den aufgewühlten Matsch getrieben. Scheint’s von den heiseren Krähen dazu ermutigt, stieben die Kämpfer schon bald sprintend auseinander. Soweit, bis ihr loser Verbund den Geschossen kein einladendes Ziel mehr bot und sie, wie ein im Blutdurst begriffenes Rudel Wölfe, durch den Regen wetzten.
Sanguis indes schaute nicht zurück. Im Vertrauen auf das ihm nachsetzende Hecheln hastete er durch den singenden Beschuss. Dabei ähnelten Schrittfolge und Sprünge, welche er unternahm, einem leichtfüßigen Tanz; einer sich von Pfütze zu Pfütze strickenden Kür, durch welche der Kreuznarbige dem todbringenden Säuseln enteilte. Erst als ein unsägliches Getöse über die Walstatt vor der belagerten Stadt schwappte, ging das Zischen in seinen betäubten Ohren unter.
Dafür traten, völlig unvermittelt, Gesänge und Schlachtrufe ein wutschäumendes Brausen los. Trommelschlag und Hetze erschütterten nicht mehr nur den Grund. Nein, sie drohten die Erde zu zerreißen. Nicht allein deshalb stieß da eine Unzahl von Krähen über Sanguis hinweg, so aufgebracht, als wähnten sie sich dem Tode nahe. Ihnen dräuten die gleißenden Schwingen, die sich im Rücken des Braunhaarigen zum Aufstieg gebärdeten. Denn endlich plusterte der schwarzgesäumte Adler sein goldgesticktes Federkleid. Voller Erhabenheit bohrte er seinen Schnabel in die Luft. Vom Trieb des Wolfes an seine eigene Natur erinnert, beanspruchte er Teilhabe an der Jagd. Unter seine wie zum Schutz ausgebreiteten Flügel – den Schattenwurf des Banners – drängten sich nunmehr auch diejenigen, die noch vor Lidschlägen ihren Untergang geargwöhnt hatten. Sie bemühten sich um Schulterschluss, während sich die Angst vor dem Kreuznarbigen in beispielhafte Bewunderung, ihr zager Schritt in mannhaftes Hasten umkehrte. In der schirmenden Silhouette eins mit ihrem Wappentier zogen die Streiter ihre Waffen und ließen erschallen, was man für den gewaltigen Schrei eines Greifvogels hätte halten können.
Obgleich die gestiftete Euphorie Sanguis beflügeln musste, verfluchte er das Spektakel. Denn es war dieser rasende Lärm, der ihn der taktgebenden Melodie seines Tanzes beraubte. Er kniff die Augen zusammen und schon beim nächsten Atemzug fand er sich dazu genötigt, den Rundschild nach oben zu reißen. Keinen Moment darauf nämlich pochte die erste Pfeilspitze im Holz.
Als sich Sanguis gezwungen sah, den Kopf einzuziehen, mochten es nicht einmal mehr zwei Steinwürfe sein, die den Söldner von der feindlichen Schlachtordnung trennten. Binnen kurzem aber durchtobte die Wucht weiterer Treffer seinen Arm. Erst verliehen drei Pfeile dem Schild gefiederte Borsten, dann löcherte ein Armbrustbolzen die nachgebende Schutzwaffe. Zu seinem Glück verfing sich Letzterer in den Lederschlaufen des Handgriffs und erschöpfte sich wie ein im Netz zappelnder Fisch. Mit jedem weiter unternommenen Schritt jedoch besserte sich die heikle Situation: Aus der zunehmenden Nähe des Braunhaarigen verstärkte sich das Abkommen, durch welches die Geschosse immer höher über seinen Kopf geschleudert wurden. Auch sausten die Pfeile mittlerweile aus einem derart ungünstigen Winkel heran, dass sie nur mehr die schmaleren Seiten des Braunhaarigen zum Ziel hatten. Darum konnte der Kreuznarbige den bespickten Schild unbekümmert in die Höhe strecken. Während das Bloßstellen der erfolglosen Schützen auf der einen Seite mürrische Drohgebärden provozierte, wiegelte es die Gegenseite zu rauschendem Jubel auf. Kaum aber hatten es Sanguis‘ Getreue erblickt, verdichteten sich die nach Durchqueren des geschossbestrichenen Raumes hinfällig gewordene Auflockerung. Obschon der Zusammenstoß mit dem Feind in nur wenigen Schritten drohte, preschten die Söldner an die Seite ihres Anführers. In Windeseile fügten sie sich zu einem Keil, in welchem jene von verhängten Brustpanzern und dicken Schilden geschirmten Kämpfer die erste Reihe schmiedeten. In einer Zweiten sammelte sich die andere Hälfte und stachelte zu einem letzten Spurt an.
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