Sie wird noch unterstützt durch ein Hilferuf aus Konstantinopel, wo sich Kaiser Alexius I. (1048 – 1118) von den Seldschuken derart bedrängt fühlt, dass er um den Bestand seines Reichs und des christlichen Abendlandes fürchtet. Wahre Gräuelgeschichten berichtet er dem Papst und vergisst nicht zu erwähnen, dass nicht nur Land als Beute lockt, sondern auch die „Weiber des Orients“, die unvergleichlich schöner seien als die des Abendlandes. Das verfehlt seine Wirkung nicht, zumal der Papst noch seine eigene Propagandamaschine anwirft und zur „Hilfe für die christlichen Brüder im Osten und zur Befreiung Jerusalems“ aufruft. Urban II. erteilt allen christlichen Krieger Ablass für vergangene und zukünftige Sünden und den garantierten Einzug ins Paradies. Derart angestachelt fällt der Aufruf zum Krieg gegen die „Heiden“ in Palästina auf ein überwältigendes Echo. Auf der Synode von Clermont ruft Papst Urban II. am 27. November 1095 mit ziemlich unappetitlichen Worten, die uns vom Chronisten Robert der Mönch (1055 – 1122) überliefert sind, zum Kreuzzug auf:
„Sie beschneiden die Christen und das Blut der Beschneidung gießen sie auf den Altar oder in die Taufbecken. Es gefällt ihnen, andere zu töten, indem sie ihnen die Bäuche aufschneiden, ein Ende der Därme herausziehen und an einen Pfahl binden. Unter Hieben jagen sie sie um den Pfahl, bis die Eingeweide hervordringen und sie tot auf den Boden fallen. Ihr solltet von dem Umstand berührt sein, dass das Heilige Grab unseres Erlösers in der Hand des unreinen Volkes ist, das die heiligen Stätten schamlos und gotteslästerlich mit seinem Schmutz besudelt.“
Mit diesem apokalyptischen Szenario gelingt es ihm, die Ritter Europas über alle Grenzen und Streitigkeiten hinweg hinter der Fahne mit dem christlichen Kreuz zu vereinigen. Tatsache ist, dass die muslimischen Herrscher im Nahen Osten in den christlichen Pilgern eine lohnende Einnahmequelle erblickt und die heiligen Stätten nur gegen die Zahlung einer Art Eintrittsgeld zugänglich gemacht haben. Für die frommen Pilgerscharen, die ihre Knie auf der heiligen Erde des Ölbergs oder Golgathas beugen wollen, ist das natürlich unerträglich. Alljährlich sammelt sich eine christliche Reisegesellschaft in Rom an den Gräbern der Apostel, setzt von Pisa oder Genua nach Konstantinopel über und macht sich von dort zu Fuß ins Land der Verheißung auf. Nach dieser beschwerlichen Reise lockt das Heilige Land und viele heiligen Stätten, an denen Buße getan wird. Ist genügend Buße getan und feierliches Gelübde für einen zukünftig besseren Lebenswandel abgelegt, folgt ein Bad in den Wellen des Jordan. Nachdem die Sünden der Vergangenheit auf diese Weise entsorgt sind, machen sich die Geläuterten auf ihre Heimreise. Zu Hause angekommen, berichten sie von den Schikanen, denen sie ausgesetzt gewesen sind, von geschändeten Christusstatuen, denen Ohren und Nasen fehlen, so dass sie einen erbärmlichen Eindruck machen. All das stachelt die christlichen Ritter auf, sie schwören Rache und versammeln sich hinter dem Papst in Rom, der nun in der Funktion eines christlichen Heerführers auftritt.
Vor allem französische Ritter folgen dem Kriegsruf von Urban II., in Deutschland ist die Kriegsbegeisterung nicht so ausgeprägt. Dafür zeigt sich in deutschen Landen zum ersten und nicht zum letzten Mal eine zum Blutrausch gesteigerte Judenfeindschaft. Vermutlich im Sog der bevorstehenden „Schlacht gegen die Heiden“ wenden sich Fanatiker gegen die anderen „Ungläubigen“ und richteten 1096 Massaker an, die eine böse Ahnung von dem verbreiten, was noch kommen sollte. In den „sächsischen Annalen“ findet sich der Bericht eines unbekannten Schreibers:
„In Mainz erschlugen sie neunhundert Juden und verschonten dabei weder Frauen noch Kinder. Bischof dieser Stadt war dazumal Rothard, in dessen Schutz sich die Juden mit ihren Schätzen geflüchtet hatten; doch vermochten weder Bischof noch seine Ritter, die eben in beträchtlicher Zahl zugegen waren, die Juden zu verteidigen und den Jerusalempilgern zu entreißen. (…) Nachdem der Bischofshof, in dem Juden Schutz gesucht hatten, und sogar die Gemächer des Bischofs erstürmt worden waren, wurden alle Juden, die man daselbst fand, ermordet. Diese Niedermetzelung der Juden fand am Dienstag vor dem Pfingstsonntag statt; es bot einen kläglichen Anblick, als man die großen und zahlreichen Haufen der Erschlagenen mit Wagen vor die Stadt hinausfuhr. Auf gleiche Weise wurden die Juden zu Köln, Worms und in anderen Städten Frankreichs und Deutschlands ermordet. Nur wenige kamen davon, die in ihrer Not ihre Zuflucht zur Taufe nahmen.“
Aus fünf Richtungen machen sich 1096 die Züge der Ritter mit dem Kreuz auf der Rüstung auf den Weg nach Jerusalem. Es sind 330.000 Ritter voller Begeisterung, die mit der Aussicht auf lohnende Beute im Land der Verheißung unterwegs sind. Die Zahl der Opfer dieses ersten von insgesamt sieben Kreuzzügen wird mit 290.000 angegeben. Die Marschroute führt die Krieger Christi zuerst nach Konstantinopel, wo die Schwierigkeiten schon beginnen, denn Kaiser Alexius will seine Stellung in Kleinasien schützen und verlangt von den Kreuzfahrern das Versprechen, alle eroberten Gebiete ihm als Lehnsherren zu übereignen. Nach langem Verhandeln willigen Fürst Raymond von Toulouse (1041 – 1105) und Herzog Gottfried von Bouillon (1060 – 1100) ein und die Reise geht weiter. Aber das Unternehmen droht an weiterem Ungemach zu scheitern, denn die abendländischen Ritter befinden sich in unbekanntem Gebiet und sind auf Hilfe und Ehrlichkeit ihrer griechischen Führer angewiesen. Ohne sie würden die christlichen Heerscharen ihr Ziel vermutlich nie erreichen und in jeden Hinterhalt der türkischen Seldschuken laufen, die sich ihnen überall in den Weg stellen.
Zu den unablässigen Angriffen der Türken kommen noch sengende Sonne, Hunger und Durst, sodass manch einer der frommen Ritter seinen Entschluss spätestens in den Weiten der kleinasiatischen Tiefebene bereut. 1096 ist das Kreuzfahrerheer aufgebrochen, bis Anfang Juli 1098 werden Nicäa und Antiochia erobert. Über Beirut geht es weiter nach Jaffa und Haifa. Zwischenzeitlich hat Gottfried von Bouillon Edessa eingenommen und den ersten der so genannten Kreuzfahrer-Staaten gegründet – die Grafschaft Edessa, die sich zu beiden Seiten des Euphrat ausbreitet. Drei Jahre nach ihrem Abmarsch erreichen die Kreuzfahrer schließlich Jerusalem. Was sie dort anrichten, spottet jeder Beschreibung, denn sie verhalten sich keineswegs besser als die, gegen die zu kämpfen sie vorgeben.
Im Juni 1099 beginnt der letzte Teil der Schlacht des inzwischen auf 21.000 Ritter zusammen geschrumpften Kreuzfahrer-Heeres um Jerusalem. Mit Rammböcken und Wurfmaschinen machen sie sich an ihr Zerstörungswerk, das von einem fürchterlichen Gemetzel begleitet wird. Mit dem Ruf „Gott will es!“ auf den Lippen entern sie Jerusalem und richten ein bestialisches Blutbad unter den Bewohnern jener Stadt an, in der seit Jahrhunderten Menschen unterschiedlichen Glaubens friedlich zusammenleben. Mit gleichem Eifer vergewaltigen und rauben die christlichen Krieger, sodass nur wenige Menschen in Jerusalem mit dem Leben davonkommen. Dieses Massaker stilisieren die Gotteskrieger zur „Reinigung“ der Stadt von den Ungläubigen. Aber ihre „Säuberungsaktion“ stellt die Gräuel der vorangegangenen Belagerung der heiligen Stadt bei weitem in den Schatten. Nach dem Morden halten die christlichen Eroberer eine Dankprozession ab und waten dabei durch das Blut von Juden, Moslems und Christen, die sich ihrer unbändigen Gewalt nicht haben zur Wehr setzen können. Die Totenstille der Stadt wird nur von den Schritten der Sieger durch das Blut und die geschändeten Leiber der Opfer unterbrochen. Dieser Tag kostet rund 70.000 Menschen das Leben.
Kreuzfahrerstaaten
An der Belagerung Jerusalems ist Gottfried von Bouillon an führender Stelle beteiligt. Das scheint ihn prädestiniert zu haben, im Anschluss an das Massaker zum „Vogt des heiligen Grabes“ ernannt zu werden. Er ist der erste christliche Herrscher Jerusalems, aber an seiner Regentschaft klebt das Blut tausender unschuldiger Opfer des ersten Kreuzzuges. Als Folge der christlichen Eroberungen im Nahen Osten bilden sich neben der Grafschaft Edessa weitere so genannte Kreuzfahrer-Staaten: Klein-Armenien, das Fürstentum Antiochia, die Grafschaft Tripolis und das Königreich Jerusalem. Das alles geschieht auf Wunsch und mit dem Segen der römischen Kirche, die vor Beginn des Kreuzzuges zugesichert hat, dass das den „Ungläubigen“ entrissene Land von den Kreuzfahrern in Besitz genommen werden darf. Um das Königreich Jerusalem und die anderen Kreuzfahrer-Staaten aber liegen mächtige arabische Staaten, die auf das Treiben der Kreuzfahrer und ihre Hinterlassenschaft mit Wut und Empörung reagieren: Das Emirat von Damaskus, das Kalifat von Kairo, das Reich der Yubiden und das der Zengiden.
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