Barbra fängt sich als Erste, hebt mich über ihre Schulter und befördert mich aus der Kammer des Schreckens. Im rettenden Schützengraben greife ich nach meinem BlackBerry und wähle den Notruf.
„Hallo Joe, hier ist Charlie von der 13, Codewort Bisamratte.“ Joe ist unser Hausmeister und bester Mann des Spinnentiervernichtungs-Spezialkommandos.
Völlig außer Atem lasse ich mich mit dem Kopf auf den Bauch von Louis fallen, der auf dem Boden an der Couch lehnt. Gerade wird mir klar, dass wir eine Selbsthilfegruppe gründen sollten – die anonymen Arachnophoben.
Wir haben Glück, dass sich unsere Toilette in einem extra Raum befindet, denn Joe wird vorm Morgengrauen nicht eintreffen.
„Wie sehen denn deine Knie aus?“, fragt mich Barbra.
Ich wuchte mich hoch und falle im selben Augenblick stöhnend zu Boden.
„Aahh … mein Knöchel“, winsle ich mit schmerzverzerrter Miene.
„Warte, ich verarzte dich. Ich hab schließlich nicht umsonst alle Emergency Room Staffeln gesehen“, stellt Louis angeberisch fest. Ich rolle mit den Augen, weil er immer so tut, als hätte er ein Examen, nur weil er ein notorischer Ärzteserienfanatiker ist.
„Das mit dem Augenrollen habe ich genau gesehen“, ermahnt er mich. „Ich kann alles behandeln. Nenne mir den Notfall und ich sage dir die passende medizinische Versorgung.“
„Ähm … Brustvergrößerung“, knalle ich ihm als Stichwort hin.
„Das ist kein Notfall.“
„Doch, bei mir schon.“
„Charlize, wann wirst du endlich aufhören, dich auf deine Brüste zu reduzieren?“
„Wenn Männer aufhören es zu tun.“
„Komm, lass mal sehen. Der ist aber stark angeschwollen. Ich schätze, das sollte sich ein Arzt ansehen.“ Aha, was ist aus dem „ Ich kann alles heilen “ geworden?
„Quatsch – ein bisschen Eis drauf und das wars“, beschwichtige ich.
„Also, ich erinnere mich an Staffel 2. Da hatte jemand das Gleiche. Dann haben sie ihm einen riesigen Eiterbatzen rausgeschnitten und er hatte voll die Blutvergiftung.“ Okay, jetzt hab ich Angst. Ob das auf einer wahren Begebenheit beruht?
„Du solltest nicht so viel fernsehen, das weicht dir das Gehirn auf“, rate ich ihm.
„Komm zieh dich an, ich bring dich ins Krankenhaus.“
Phobie Nr. 1 kündigt sich bereits wieder an und Abwehrhaltung tritt ein.
„Ich denk ja gar nicht daran“, motze ich.
„Oh doch, ich muss dich vor dir selbst schützen. Du hast die Wahl, entweder auf die leichte oder die harte Tour.“ Wow, er meint es ernst, aber ich lasse mich nicht einschüchtern.
„Dazu musst du mich erst mal aus dieser Wohnung bekommen“, stelle ich fest.
„Okay, dann auf die harte Tour.“ Ehe ich reagieren kann, hebt er mich wieder über seine Schulter und geht in Richtung Wohnungstüre. Er kann doch nicht … nein … ich hab doch nur ein Handtuch an.
„Aaaaahhhh … Stopp“, schreie ich, was ihn innehalten lässt.
„Lass mich sofort runter!“, verlange ich.
„Zieh dir was an oder ich laufe so mit dir rüber zum Krankenhaus. Widerstand ist zwecklos.“
„Schon gut, ich ergebe mich.“ Verdammter Trekkie.
Mit den Worten: „Na siehst du, geht doch“, trägt er mich in mein Zimmer und ich werfe mich in meine Klamotten.
Mir fällt auf, dass dieser, durch den Ausfall eines wichtigen Gelenkes, statisch unbestimmte Zustand sich ziemlich einschränkend auf meine automatisierten Bewegungsabläufe auswirkt und jedes Mal wenn ich versuche aufzutreten, zieht Schmerz durch meinen Körper.
Als ich fertig bin, hebt mich Louis in seine Arme, befördert mich aus der Wohnung und schon befinden wir uns auf den Weg ins Lazarett, das nur wenige Querstraßen von unserer Wohnung entfernt liegt.
Eigentlich genieße ich diesen kurzen Moment auf Händen getragen zu werden, wäre da nicht unser gruseliges Ziel. Ein Ort, an dem Leichen im Keller verwesen und Mumien durch die Gänge spuken.
Bei dem Gedanken schmiege ich mich fester an Louis und er meint: „Keine Angst, ich bleib die ganze Zeit da und halte Händchen.“ Das ist nun die Spitze der Eiskugel und krönender Abschluss für diesen verfluchten Tag.
Auf dem markierten Parkplatz direkt vor dem Geisterhaus steht ein Fuhrpark bestückt mit überteuerten Ärzte-Karossen Spalier. Elende Spießer.
Mir fällt ein Auto auf, das mit rotem Graffitilack beschmiert ist. Darauf sind deutlich die Zeichen: „ Die Antwort lautet: Der Mensch, du Arschloch! “ zu erkennen. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich der Anblick nicht amüsiert.
Das Tor zur Unterwelt geht auf und es lässt sich hektisches Treiben ausmachen. Mein Puls ist auf 200 und ich kralle mich in die Schulter meines Packesels.
Schwebend entdecke ich den vollgestopften Warteraum, in dem das Grauen lauert. Vom kopflosen Reiter bis zum Zombie, dem ein Auge raushängt, ist alles dabei, was das moderne Gruselkabinett so hergibt.
Ich spüre bereits Anzeichen einer nahenden Ohnmacht, als Louis wie ein Wilder „Hilfe, ein Notfall, sie ist bewusstlos“ brüllt und ich ihn fragend anglotze.
„Was starrst du mich so an, mach die Augen zu. So kommen wir früher dran. Hast du das Wartezimmer gesehen?“, flüstert er fordernd. Ich habe den akuten Drang, ihn mit meinen Armen, die um seinen Hals geschwungen sind, zu strangulieren.
„Warten Sie, ich nehme sie“, höre ich eine besorgte, männliche Stimme sagen und schon werde ich in fremde Hände übergeben.
Ich zwinge mich, diese Maskerade aufrecht zu erhalten und kneife die Augen zusammen, als ich auf einen weichen Untergrund gelegt werde.
Mein Puls wird gefühlt. Daraufhin höre ich die männliche Stimme „Ich bin gleich zurück“ sagen. Mann, wo hat Louis mich da bloß reingeritten.
Als ich „Die Luft ist rein“ vernehme, reiße ich die Augen auf.
Mit einem „Ich hätte so richtig Lust, dich jetzt bewusstlos zu schlagen“ mache ich meinem Ärger Luft, doch Louis scheint keines meiner Worte mitgekriegt zu haben.
Bei ihm läuft gerade der Urfilm ab und als ich in die Richtung seines Schlafzimmerblickes schaue, weiß ich auch warum. Da läuft gerade der Bubble Tea Verkäufer in weißem Mantel den Gang hinunter und wirft Louis einen Ausdruck der Wiedererkennung zu.
Als Louis zu sabbern beginnt, boxe ich ihm an die Schulter. Mit einem „Los, geh schon“ hole ich ihn aus der Szene, wo er gerade in der Höhle steht und auf den Horizont blickt. Vollkommen verdattert sieht er mich an.
„Nein, das geht nicht. Ich lass dich hier nicht allein zurück. Zum Schluss sedieren sie dich und amputieren dir fälschlicherweise einen Zeh.“ Kreidebleich schlucke ich bei dem abartigen Gedanken, reiße mich aber im nächsten Moment wieder zusammen.
„Louis Hardy, ich sagte, du sollst abhauen. Los, schnapp ihn dir.“ Er zögert kurz, erhebt sich nach kurzer Überlegung doch mit dankendem Gesichtsausdruck.
Als er weg ist, fällt mir ein, dass ich ja noch in einer Rolle der heutigen Episode von Scary Movie stecke und falle erneut in eine gespielte Ohnmacht.
Sanft werde ich nach einigen Minuten hochgehoben und stelle fest, erneut in den Fangarmen eines Kittelträgers gefangen zu sein.
Als ich wieder auf eine Bahre gelegt werde, habe ich keine Lust mehr auf diese Soap-Opera und öffne langsam die Augen.
Geschockt fahre ich hoch. Das ist jetzt nicht wahr. Mein Gegenüber entpuppt sich gerade als der rothaarige Dr. Frankenstein. Er ist mindestens so überrascht wie ich.
Ein „Sind wir uns schon einmal begegnet?“ weckt in mir den Wunsch, im Boden zu versinken. Mir bleibt heute echt nichts erspart. Ja, es war ja so klar, dass unsere Begegnung im Polizeirevier schon den Weg in dein Vergessenszentrum eingeschlagen hat.
„Wenn, dann nur flüchtig“, entgegne ich gelangweilt. Wie wahr und WAS für eine Flucht das nach meinem Statement war.
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