Und dann ertappe ich mich doch, dass ich meinen Blick im Raum schweifen lasse – ein Gleichgültigkeits-Programm-Bug, der manchmal auftritt und der mich nun, wie kann es auch anders sein, auf einen Starrer aufmerksam macht.
Der gemeine Starrer, der üblicherweise in öffentlichen Gebäuden oder Verkehrsmitteln zu finden ist, wird als Stegreifkünstler klassifiziert, der das Aufsetzen von spontanen Stielaugen durch jahrelange Perfektion zur Kunst erhoben hat.
Man vermutet eine Verwandtschaft mit dem grauen Star. Und sein auserwähltes Opfer bin ich. Ich starre wie hypnotisiert zurück und versuche, das Wer-zuerst-wegsieht-Spielchen zu spielen. Ich schaffe das, ich bin stark, ich … aaahhhh … Scheiße, ich bin doch zu schwach und schon ergebe ich mich mit gesengtem Blick ehrfürchtig dem Gewinner dieses Psychospielchens.
Der Augenblick seines Triumphes dauert nicht lange an, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und der Starrer seinen Blick von mir löst. Das kommt davon, wenn Neugierde über schlechte Angewohnheiten siegt. Herein kommen drei Polizisten in Uniform – hm Uniformen sind echt sexy – die einen Verhafteten reinbringen.
Stopp. Ich dachte, das hier wäre der Warteraum für Opfer. Hallo, ihr seid im falschen Raum! Doch sie sind anscheinend anderer Meinung, denn sie blicken schon suchend umher.
Nein, die suchen jetzt nicht wirklich nach einem Sitzplatz. Anscheinend sind sie schon fündig geworden, denn ein Polizist deutet in meine Richtung. Ja klar, denn da ist ein freier Platz neben mir. Das ist ja meine Pufferatmosphäre, die meinen Sicherheitsabstand zu den Männchen im Raum aufrechterhalten soll.
Und schon nehmen sie Fahrt mit Kurs Südwest auf und aus dem einst sicheren Gewässer wird nun raue See.
Mir offenbart sich das ganze Ausmaß dessen, was da auf mich zukommt.
Der in Handschellen Gekettete ist ein Muskelprotz mit tätowierten Ober- und Unterarmen, die mich an den Film „ From dusk till dawn “ erinnern. Er trägt ein schwarzes Unterhemd, das keine Phantasie offen lässt – da ist wirklich alles da – das ganze Paket.
Für seine bullige Statur ist er erstaunlich jung und oben drein ziemlich respekteinflößend. Sein Gesicht weist eine perfekte Symmetrie auf, die sofort die Skizze des vitruvianischen Menschen vor meinem geistigen Auge aufpoppen lässt. Jetzt beginne ich, Leonardo da Vincis Werk zu verstehen.
Er hat graue Augen und sein Haar ist millimeterkurz geschnitten, was seine, für den Haarschnitt ideale, Kopfform noch betont.
Gefühle von Angst und Ekstase münden in einer Hormonausschüttung und irgendwie ist es plötzlich so heiß hier drin. Vielleicht sinds auch die Wechseljahre – nein das wär zu früh – definitiv.
Ich frage mich, ob er überhaupt einen Speer braucht oder ob sich das Mammut bei seinem Anblick freiwillig tot stellt. Stopp … unglaublich, was so zentral konzentriertes, wohlgeformtes Eiweiß in mir auslöst, obwohl doch jeder weiß, dass so Spinatmatrosen eine Bohne in der Birne und ein Würstchen in der Hose haben.
Wenn ich so in die Runde blicke, erkenne ich in den Gesichtern den Muckibude-ich-komme-Blick und ich zweifle kurz, ob ich hier vielleicht im falschen Raum bin.
Nun wirft sein Körper schon einen großen Schatten auf mich. Wieso möchte ich am liebsten gerade loskreischen und das Weite suchen? Hilfesuchend blicke ich in die Gesichter der Polizisten mit der impliziten Bitte, mich nicht mit Vin Diesel allein zu lassen.
Wieder einmal erkenne ich schmerzlich, dass ich ignoriert werde – haben die sich etwa mit dem Arzt von vorhin abgesprochen?
Sie setzen den Knacki direkt neben mich, verlassen den Raum und überlassen mich meinem Schicksal. Da sag ich noch mal Dankeschön Exekutive.
Unsere Körper berühren sich kurz – ist ja auch kein Wunder – der ist auch breit wie ein Schrank. Ich rutsche auf meinem Stuhl bis raus zur Kante, bis die Balance des Mein-Bereich-dein-Bereich-Verhältnisses wiederhergestellt ist.
Dass meine rechte Arschbacke nun frei hängt, ist mir in dem Moment so was von scheißegal. Bloß keine Panik. Flache Atmung setzt ein und leichter Schwindel überkommt mich erneut. Atme, atme … nur noch 20 Nummern. Und wenn ich glaubte, es kann nicht schlimmer kommen, so sehe ich nun wieder direkt in die Augen meines persönlichen Starrers – ach, auch noch da.
Anscheinend hat er Phase zwei erreicht, denn nun grinst er mich mit einem Noch-drei-Zähne-sind-heil-Lächeln, das jeden Zahnarzt in die Flucht geschlagen hätte, an und formt aus den überhängenden Lappen, die nun spitz zusammengeführt werden, einen Kuss.
Brechreiz überkommt mich und ich atme stoßartig aus. Dünste ich heute Moschus aus oder steht auf meiner Stirn „ Bitte mach mich blöd an oder ignorier mich einfach “ geschrieben?
Angewidert wende ich meinen Blick ab und treffe direkt ins Schwarze – eigentlich ins Graue – denn ich vergaß kurz, dass Vin Diesel ja auch noch da ist.
Hm, hat der schöne große Augen. Einwandfrei, ich habe die Wahl zwischen grauem Star oder Herkules. Ich bin nur noch unschlüssig, wer mir die Haare mehr zu Berge stehen lässt.
Für einen kurzen Augenblick und bevor ich einen sicheren, leeren Blick aus dem Fenster werfe, hatte ich das Gefühl, einen urinstinktiv verborgenen Du-gehörst-mir-Blick bei Vin zu erhaschen. Was mir gerade noch zusätzlich die Gänsehaut aufzieht und was ich sogleich als Halluzination abtue.
Meine kurze Ablenkung wurde schamlos ausgenutzt. Grauer Star hat Phase drei erreicht und pirscht sich im Schutz des Grases der Savanne an.
Er hat doch echt die Nerven, zu mir rüberzukommen und sofort setzt das In-Not-Programm ein. Nein, ich werde nicht flüchten, sondern kämpfen, das bin ich all den Opfern seiner schamlosen Glotzattacken schuldig.
Okay, ich hab trotzdem Schiss, denn er sieht siegessicher aus und schüchtert mich mit seiner ausgebeulten Jeans ein, die sicher nur ein unförmiger, großer Schlüsselbund ist – ganz sicher. Wie war das noch mal? Wenn man ganz fest daran glaubt, wird es wahr… oder?
„Hallo Puppe, ich will dir was zeigen.“ Mit diesem pulitzerpreisverdächtigen Satz, mit dem er bestimmt die Herzen jedes niederen Weibchens im Sturm erobert hätte, greift er sich zielsicher an seinen Schlüsselbund und ist gerade dabei, ans Licht zu befördern, was lieber verborgen geblieben wäre. Gleichzeitig überschreitet er die Grenze meiner Komfortzone und greift nach meinem Arm.
Ein Ruf vollgepackt mit Ekel und purem Entsetzen, der aus mir dringt, erhellt die heiligen Hallen des Warteraums. Ich schließe die Augen, um mich vor der drohenden Erblindung und dem Immunsystemsonderhochlauf zu schützen.
Das Notprogramm geht in den Fluchtmodus, doch anscheinend entpuppt sich wieder ein Bug, denn Schockstarre tritt ein.
Eine gefühlte Ewigkeit später wird mir klar, dass meine Mechanorezeptoren keine Berührung erfasst haben – die Luft scheint rein zu sein.
Ich öffne meine Augen und blicke in ein vollkommen ungläubig erstarrtes Starrer-Gesicht. Auch die Blicke der anderen Männchen im Raum sind von Angst erfüllt.
Niemand bewegt sich und für einen kurzen Moment glaube ich, ich hätte die Zeit angehalten. Im nächsten Moment würde ich für diese Gabe meinen letzten Schokomuffin geben, denn der Grund dafür, dass alle dreinschauen als hätten sie gerade eine Begegnung der dritten Art, bin natürlich ich, die wie ein Klammeraffe an Vin Diesel hängt.
Interessant, bei einem Angriff flüchtet sich das Weibchen zum stärksten Männchen – irgendwie logisch und anscheinend eine instinktive Reaktion. Wow, seine Muskeln sind echt hart und er riecht ziemlich gut (Start Urfilm). Okay, schuldig im Sinne der Anklage, die Gesamtsituation macht aus mir gerade einen Zombie.
Was mach ich hier eigentlich? Ich fasle und dabei bin ich noch nicht aus der Gefahrenzone.
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