Berit war fassungslos. Hielten die sich für die Süddeutsche? Oder für die FAZ? Sie berichteten über jeden Karnickelzüchterverein und das hier war ihnen zu langweilig? Sie ging weitere 24 Stunden mit dieser Erfahrung schwanger, bis sie schließlich eine Mail an das politische Magazin „Desktop“ schrieb, die einmal im Monat einschlägige Berichte im Fernsehen ablieferten, wenn auch nicht gerade zur besten Sendezeit. Wenige Tage darauf erhielt sie einen Anruf, beantwortete viele Fragen und bekam die Auskunft, man werde sich darum kümmern. Doch dann ließen auch diese Menschen nichts mehr von sich hören.
Berit hatte noch Resturlaub, der dringend genommen werden wollte. Sie musste unbedingt raus aus diesem Sumpf und buchte einen Last-Minute-Flug in die Karibik. So etwas hatte sie noch nie getan, sie fand es überflüssig, dekadent und ökologisch wenig vertretbar. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben war ihr das alles egal. Einmal im Leben, fand sie, hat man auch das Recht, etwas moralisch Verwerfliches zu tun, weil man es braucht. Zwei Wochen Sonne, Wellen, weißer Sand und Cocktails bei Sonnenuntergang erinnerten sie an die Frau, die sie einmal gewesen war, bevor sie in ihrem Job immer mehr zu einer verbitterten Meckerziege degeneriert war. Als sie zurückkehrte, sah sie aus, wie ein vollkommen neuer Mensch.
Doch es nützte nichts. Sie musste zurück in die Arbeitswelt. Als sie am Montag Morgen beim Frühstück die Zeitung aufschlug, las sie folgende Pressenotiz:
Mitarbeiter wegen Korruptionsvorwurf entlassen
Weil ein Verwaltungsangestellter in leitender Funktion im Kirchenkreis Minden die völlig überteuerte Webseitenbetreuung seiner Ehefrau zuschanzte, ist er fristlos entlassen worden. Das Ehepaar hatte noch versucht, den Handel zu vertuschen. Nachdem eine Fachkraft, die nicht genannt werden wollte, den Angestellten darauf hingewiesen hatte, dass hier ein Rechtsbruch vorliege, hatten die Ehefrau und deren Miteigentümer die Firma offiziell an einen anderen Eigentümer verkauft. Mit neuem Namen und Logo machten sie so weiter wie bisher. Das Magazin „Desktop“ deckte den Skandal auf und zwang damit den Kirchenkreis dem Mitarbeiter die Kündigung auszusprechen. Der Superintendent des Kirchenkreises, Pfarrer Henning Volkening zeigte sich betroffen und erklärte, der Zusammenhang sei ihm nicht aufgefallen.“
„Verlogene Ratte.“, zischte Berit. „Dich lasse ich auch noch über die Klinge springen.Gepriesen sei die Suchmaschine.“
Voller Vorfreude ließ sie den Rechner hochfahren. Irgendeine Ungereimtheit würde sich schon finden lassen. Wer Rumpelstilzchen besiegt hatte, wurde auch mit Saruman fertig.
Aufforderung zur Fanfiction
Liebe Leserinnen und Leser. Mit dem folgenden Text liegt eine gekürzte Fassung eines Kapitels aus meinem Roman „Brauseflocken – totes Kind, liebes Kind“ vor. Lasst Eurer Phantasie freien Lauf. Eine der beschriebenen Personen wird 33 Jahre später zum Mörder / zur Mörderin. Fragt Euch wer, wen er oder sie tötet, wie er oder sie das tut und was ihn oder sie dazu treibt. Und dann schreibt eine Fortsetzung unter der Überschrift: Mai 2016. Auch wenn Ihr das Buch schon gelesen habt, braucht Ihr ja nicht das Ende verraten, sondern könnt Euch eine eigene Story ausdenken. Ich freue mich auf hoffentlich viele Versionen. Falls Ihr nicht wünscht, dass Euer Text später unter Eurem Blogger-Namen in einem E-book erscheint, solltet Ihr das ausdrücklich vermerken; ansonsten gehe ich davon aus, dass Ihr einverstanden seid. - Eure Cristina Fabry
Und jetzt Vorhang auf für den 1. Aufzug!
Januar 1983
Der Januar 1983 war so schmuddelig, als sei noch November. Die Feuchtigkeit war mehr als unangenehm, drang sie doch durch jede Faser, aber die milden Temperaturen und die weitestgehende Windstille machten den Pilotversuch der Evangelischen Jugend Holzhausen II-Nordhemmern, die ausrangierten Weihnachtsbäume einzusammeln und zu den zentralen Sammelplätzen zu schaffen, auf jeden Fall möglich. Samstags trafen sich zwölf junge Leute am Holzhauser Gemeindehaus, wo Pastor Becker schon auf dem tuckernden Traktor wartete. Die Stimmung war ausgezeichnet; alle waren warm eingepackt und voller Tatendrang.
Die Jugendlichen kletterten auf den Hänger und setzten sich auf die Ladefläche. Ein paar besonders Verwegene – darunter auch Petra – blieben einfach stehen und hielten die Balance wie auf einem Surfbrett.
Es wurde viel gelacht, und Rainer beschwerte sich, dass es nicht einmal einen anständigen Schnaps zum Aufwärmen gab. Das war allerdings auch einer der Augenblicke, in denen Iris sich fragte, ob der bis zur Besinnungslosigkeit praktizierte Alkoholkonsum jetzt etwa auch von der kirchlichen Jugendarbeit Besitz ergriff. Sie war die Einzige, die an diesem Vormittag überhaupt keine gute Laune verbreitete. Mit Cornelia und Petra hatte sie zwar mittlerweile wieder Frieden geschlossen, dafür litt sie nach wie vor unter dem demonstrativen Gegiggel, das Nicole mit Rainer und Markus veranstaltete. Außerdem gingen ihr Lydias um Niveau bemühten Witze auf die Nerven, die tatsächlich weder besonders geistreich noch ansatzweise lustig waren.
Nach mehreren Stunden ging es im Turbotempo zurück zum Holzhauser Gemeindehaus, wo Pastor Becker ganz pragmatisch Teams einteilte, um den Imbiss vorzubereiten. Innerhalb kürzester Zeit saßen die Jugendlichen mit dem Pfarrer am gedeckten Tisch und schlugen sich den Bauch mit Industrie-Nahrung voll.
„Guckt mal.“, sagte Pastor Becker. „Wie beim letzten Abendmahl, ein Hirte, zwölf Jünger.“
„Ist das nicht 'n bisschen anmaßend, sich mit Jesus zu vergleichen?“, fragte Lydia mit der gebotenen Herablassung.
„Aber nein, liebe Lydia“, erklärte der Pfarrer im gönnerhaften Tonfall einer liebenswerten, einfältigen Kindergartentante, „wir sollen unser Verhalten täglich mit Jesus vergleichen und so prüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.“
„Aber ist das Abendmahl nicht ein Sakrament, über das man keine Witze machen darf?“
„Da hast du natürlich Recht, aber wenn du etwas konzentrierter zugehört hättest, wäre dir sicherlich aufgefallen, dass ich lediglich die Übereinstimmung in der Anzahl der Speisenden und der Rollenverteilung am Tisch festgestellt habe. Als Gemeindepfarrer habe ich die Aufgabe, euch wie Schafe auf den richtigen Weg zu leiten, so wie Jesus das mit seinen Jüngern gemacht hat. Ich sehe das keineswegs als Witz. Und nun guten Appetit und danke euch allen, dass ihr so fleißig mit zugepackt habt.“
Damit hatte er Lydia erfolgreich ausgeknockt, aber es war nur eine Frage der Zeit, wann sie sich zur nächsten nervenaufreibenden Rebellion erheben würde.
Nicole war selig an diesem Tag. Auf dem Wagen hatte sie mit Markus und Rainer Hand in Hand gearbeitet, und sie hatten die ganze Zeit Witze gerissen. Jetzt saß sie erschöpft, aber zufrieden und durchgewärmt vom heißen Kaffee an der Längsseite der Tafel, Markus zu ihrer Linken, Rainer zu ihrer Rechten. Während des Disputs zwischen Pastor Becker und Lydia Meyer hatten sie sich gegenseitig angerempelt und verschmitzte Blicke zugeworfen.
„Willst du noch 'ne Wurst, Nicole?“, fragte Markus in einem Anflug von Galanterie.
„Ein Würstchen würde schon reichen.“, antwortete sie keck und streckte Markus ihren Teller hin.
„Noch etwas Ketchup?“, fragte Rainer, und prompt schenkte sie auch ihm ihr jüngst einstudiertes Marilyn-Monroe-Lächeln. Sie fühlte sich stark, unwiderstehlich und unbesiegbar, und zumindest an diesem Tag gelang es ihr, die beiden Jungen an ihrer Seite mit ihrer Persönlichkeit zu begeistern.
Cornelia und Petra hatten sich die Pole-Position gesichert, von der aus sie alles lückenlos überwachen konnten: sie teilten sich ein Kopfende, blickten direkt in die Gesichter von Pastor Becker und Mario Rathert aus Holzhausen. Zu ihrer Rechten konnten sie Nicoles Stereo-Flirt und Lydias Repertoire an stetig wechselnden Schmoll-Mienen beobachten; zu ihrer Linken saßen Imke Hüttemann, Jörg Rohlfing und Birgit Heitkamp aus der alten Grundschulklasse, sowie Iris und Angela. Pastor Becker war pausenlos damit beschäftigt, Angela mit Würstchen und Kartoffelsalat, sowie Senf und Kaffee zu versorgen, das war wohl der Anlass gewesen, aus dem Markus und Rainer sich so ritterlich um Nicole bemüht hatten, sie hatten den Pfarrer parodiert. Aufgefallen war das aber nur Petra und Cornelia.
Читать дальше