Mit durchgedrücktem Rücken und angriffslustiger Miene betrat Berit Rumpelstilzchens Büro.
„Guten Morgen Herr Stihl!“, begrüßte sie ihn übertrieben fröhlich. „Wir haben da ein Problem. Sie haben mir schriftlich einen Arbeitsauftrag außerhalb der Einrichtung erteilt, ich bin dem nachgekommen und dann haben Sie meinem Antrag auf Erfassung der dadurch entstandenen Dienstzeit nicht genehmigt. Können Sie mir das erklären?“
„Ach, da bin ich wahrscheinlich noch nicht zu gekommen.“, erwiderte der drahtige kleine Mann mit der großen Nase und dem schmallippigen, breiten Mund.
„Der Antrag wurde storniert!“, erklärte Berit wütend.
„Dann haben Sie sich wohl verklickt.“
„Wenn sich hier jemand verklickt hat, dann waren Sie das wohl, Herr Stihl. Wenn Sie also so gut wären, für Donnerstag Vormittag die Dienstzeit von 09.15 Uhr bis 11.45 Uhr nachzutragen.“
„Aber die Sitzung beginnt doch immer erst um 09.30 Uhr.“
Berits Augen sprühten Funken, als sie konterte: „Jetzt kommen Sie mir nicht so! Ich muss ja schließlich auch noch dort hin, das ist ein Dienstweg. Das müssen Sie mir schon zugestehen.“
„Also Sie vergreifen sich hier ganz deutlich im Ton, junge Frau!“, erwiderte Rumpelstilzchen, „Und ich muss Ihnen gar nichts zugestehen. Stellen Sie den Antrag noch einmal, wenn Sie das Protokoll vorliegen haben, damit ich kontrollieren kann, ob Sie überhaupt anwesend waren.“
Berit atmete tief durch, schwieg einen Moment lang bedeutungsvoll, bevor sie betont ruhig das Thema wechselte: „Soll ich vielleicht mal einen Brief an die Synode schreiben, wer hier die überteuerte Webseite betreut?“
„Was soll das denn jetzt?“
„Ich glaube nicht, dass es unproblematisch ist, wenn ein Mitarbeiter des Kirchenkreises einen lukrativen Auftrag seiner Ehefrau zuschanzt, vermutlich ist es den Synodalen noch gar nicht aufgefallen.“
„Blödsinn.“, fauchte Stihl, „Das hat alles seine Ordnung.“
„Und wie sich erst die Lokalpresse dafür interessieren wird.“, fuhr Berit unbeirrt und mit einem süffisanten Lächeln fort.
„Jetzt ist es aber genug!“
Hartmut Stihl sprang von seinem Stuhl auf und kam mit rot angelaufenem Gesicht auf Berit zu.
„Ich glaube, ich wende mich einfach direkt an den Sup.“, sagte Berit ruhig und wandte sich zum Gehen. Darum sah sie nicht, wie Stihl nach dem großen Locher griff, statt dessen spürte sie einen dumpfen Schmerz, dann nichts mehr.
Fassungslos hielt Stihl den Locher in der Hand, die Gedanken in seinem Kopf schlugen Purzelbäume. Was hatte er getan? Auch wenn sie ihn jetzt nicht mehr verraten konnte, vielleicht hatte sie bereits jemanden eingeweiht und dann würde ihm niemand glauben, dass er nicht in Tötungsabsicht gehandelt hatte. Die Tür ging auf. Tanja Heitbrink kam immer einfach herein, ohne anzuklopfen, eine Unart, die er ihr einfach nicht abgewöhnen konnte. „Was ist denn hier passiert?“, rief sie entsetzt. Stihl blieb stumm. Was sollte er auch antworten. Frau Heitbrink verfiel augenblicklich in Aktionismus: „Haben Sie schon einen Rettungswagen gerufen?“
Stihl schüttelte stumm mit dem Kopf. Wozu auch. Da war ja nichts mehr zu retten. Tanja Heitbrink griff zum Telefon. „Wir brauchen einen Krankenwagen im Kreiskirchenamt, gleich neben der Martinikirche. Wir haben hier eine bewusstlose Person, offensichtlich gestürzt, sie hat eine blutende Wunde am Kopf.“ Sie beantwortete noch ein paar Fragen, dann legte sie auf und bettete die Verletzte in der stabilen Seitenlage, nachdem sie ihre Atmung überprüft hatte.
„Was tun Sie da?“, fragte Stihl verwirrt?
„Ich leiste erste Hilfe.“, erwiderte Heitbrink ruhig.
„Wozu dass denn? Sie ist doch tot.“
„Nein, sie atmet noch. Sagen Sie mal, wie ist das überhaupt passiert?“
„Sie ist plötzlich auf mich losgegangen. Da habe ich das erstbeste genommen, was gerade herumstand, das war der Locher und mit dem habe ich ihr eins übergezogen. Sie ist also noch am Leben?“
„Ja. Offensichtlich. Aber warum ist sie auf sie losgegangen?“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Sie war offenbar verwirrt oder desorientiert. Sie war völlig außer sich, wegen irgendeines angeblichen Fehlers in der Zeiterfassung, aber ich schätze das war nur ein Vorwand. Sie muss sich in irgendeinem Wahn befunden haben und mich für ihren Erzfeind gehalten haben, so wie sie auf mich zustürmte. Ich habe einfach nur in Notwehr gehandelt, ich fühlte mich bedroht, ich habe nicht über die Folgen nachgedacht.“
Diese Version erzählte Stihl auch der Polizei, die ihn bat, die Stadt bis auf Weiteres nicht zu verlassen, man müsse die Aussage der Verletzten abwarten, die ja sicher in der nächsten Zeit wieder zu Bewusstsein käme.
Berit kam auch wieder zu Bewusstsein. Bereits am nächsten Tag. Allerdings konnte sie sich an nichts erinnern. Amnesie lautete die Diagnose, ob vorübergehend oder endgültig konnte niemand sagen.
Zurück in den vertrauten vier Wänden begann das Leben, sich wieder normal anzufühlen. Wenn nur dieses Loch in ihrer Erinnerung nicht gewesen wäre. Sicher, Stihl war ein großes Arschloch vor dem Herrn, sie hatten ihn nicht ohne Grund „Rumpelstilzchen“ getauft, aber warum behauptete er, sie sei auf ihn losgegangen? Hatte sie das wirklich getan? Und welchen Grund hätte sie gehabt? Oder wenn er sich das nur als Ausrede ausgedacht hatte, welchen Grund könnte Stihl haben, sie aus dem Weg räumen zu wollen? Was hatte sie an jenem Vormittag in seinem Büro gewollt?
Das Loch blieb vorerst. Bald war Berit von ihren Verletzungen vollständig genesen und wurde in den Arbeitsprozess wieder eingegliedert. Nach der ersten Woche, in der sie endlich ganz normal gearbeitet hatte, kam es zu einem schon häufig erlebten Ärgernis: Ein Antrag auf nachträgliche Genehmigung außerhäusiger Arbeitsleistungen wurde vom System automatisch storniert. Sie musste den Antrag wiederholen. Eine Erinnerung blitzte plötzlich auf: Ärger mit der Zeiterfassung – Antrag nicht genehmigt – Stihl auf die Füße treten. Dann war da wieder nur das Loch.
Drei Tage später hatte sie etwas im Kreiskirchenamt zu erledigen. Beim Blick in den Flur, der zu Stihls Büro führte, tauchten Bilder des besagten Vormittages in ihr auf: Sie in einer verbalen Auseinandersetzung mit Stihl, Zeiterfassung und etwas, das sie gegen ihn in der Hand hatte. Aber was war das gewesen? Sie kam nicht drauf.
Erst 10 Tage später, als André erwähnte, dass auf der Webseite des Kirchenkreises jede Menge Fehlinformationen ständen, zog sich plötzlich ein Kribbeln vom Hinterkopf durch den Rücken bis in die Fingerspitzen. Natürlich, es hatte etwas mit dem Internetauftritt zu tun. Als sie wieder im Büro saß, öffnete sie die Seite. Es wimmelte von falschen Angaben, aber irgendetwas hatte sich verändert. Das Design war vollkommen anders als vor ihrem Krankenhausaufenthalt. Hatte der Kirchenkreis den Betreiber gewechselt? Natürlich, jetzt erinnerte sie sich wieder. Die Seite wurde von Rumpelstilzchens Frau betreut, sie scrollte und klickte sich zum Impressum und siehe da, die Firma war eine andere. Sie machte sich auf die Suche und stellte fest, dass Logo und Firmennamen sich verändert hatten. Nach akribischer Recherche gelangte sie an eine Telefonnummer. Sie rief dort an und nach wenigen Augenblicken meldete sich eine Frau: „Webdesign Blueprint, Stihl. Was kann ich für Sie tun?“
„Oh, Entschuldigung, da habe ich mich wohl verwählt.“, erwiderte Berit und legte auf. Entweder hatte Stihls Frau ihrer Firma nur einen neuen Namen verpasst oder offiziell an eine Scheinfirma verkauft, deren offizielle Eigentümerin ihre Partnerin bzw. ihr Partner war.
Am nächsten Morgen rief Berit die Lokalredaktion der örtlichen Tageszeitung an und erklärte ihnen, über welch publikumswirksamen Skandal sie berichten könnten. Doch der Lokalredakteur winkte ab. „Für die kleinen Kabbeleien, die Sie sich in ihrem Tendenzbetrieb liefern, interessiert sich niemand mehr. Ihnen ist offenbar nicht bewusst, dass die gesellschaftliche Relevanz der Kirche mittlerweile gegen Null tendiert.“
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