Und jetzt wissen alle Bescheid. Wie soll ich denn damit weiterleben? Und was mich am meisten wurmt: wenn ich jetzt Schluss mache, wird Edith erst recht allen brühwarm erzählen, dass Pastor Jensen meine große, heimliche Liebe war und an meinem Grab werden sich alle die Mäuler zerreißen, mitleidig lächeln oder dreckig lachen und mich verachten. Dabei habe ich alles richtig gemacht und im Gegenzug hat das Leben mich nie entschädigt. Edith hatte eine erfüllte Partnerschaft, für mich hat sich nie jemand interessiert. Wenn ich schon gehe, dann nehme ich sie mit.
Was haben wir denn da? Ediths schöne rote Deko-Schleifen? Mein Gott, kein Gemeindefest, kein Mitarbeitertreffen, keine Goldkonfirmation wo sie einem nicht ihre unübertroffenen Edelbaumwollschleifen aus dem Luxusdekorationsgeschäft aufdrängt, damit auch jeder sofort weiß: Die vorliegende Dekoration wird Ihnen präsentiert von Edith Winter, der Leiterin des Abendkreises und Schirmherrin des Gemeindefrühstücks. Warte mal, auf der Damast-Decke lag doch eine ganz lange. Wenn ich die auf die Brüstung lege und darauf einen großen Stapel Gesangbücher und dann daran ziehe, dann fallen die Gesangbücher auf mich herab und die Schleife gleich mit und dann wird jeder sofort denken, dass Edith etwas mit meinem Tod zu tun hat. –
Lydia nahm die Schleife mit auf die Empore. Sie nahm einen großen Stapel Gesangbücher aus dem Regal und legte ihn auf den Rand des Geländers. Sie legte ein Ende der Schleife über das Holz und hob dann den Stapel darauf. Sie schob ihn möglichst weit an den Rand, so dass er gerade noch stehen konnte. Dann ging sie wieder hinunter. Die rote Schleife hing vor ihr wie ein Galgenstrick.
- Das war es dann wohl. Zeit, Abschied zu nehmen. Vielleicht wird wenigstens Pastor Jensen um mich weinen. Vielleicht gibt es ja doch Seelenwanderung und wir treffen uns im nächsten Leben wieder und werden da glücklich. Wenn ich nur Edith nicht wiedertreffe, von der habe ich endgültig genug. -
Sie stellte sich direkt unter die Schleife. Sie zog einmal kräftig daran. Ein kurzer Schmerz, dann wurde es Nacht.
„Jetzt soll ich also Stroh zu Gold spinnen!“, fluchte Berit und fuhr sich mit den Fingern durch die streichholzkurzen Haare. Der Tagesbetrieb im Jugendzentrum war mehr als auslastend, sie schob jetzt schon 120 Mehrstunden vor sich her und hatte genug zu tun mit Öffnungszeiten von 14.00 – 20.00 Uhr, Verwaltungstätigkeiten, Dienstbesprechungen und Einkäufen. Jetzt sollte also ab 13.00 Uhr täglich ein Mittagstisch für die „bedürftigen“ Kinder der angrenzenden Haupt- und Realschule angeboten werden, weil ja sonst niemand etwas unternehme...I n Wirklichkeit war dies für den Superintendenten eine willkommene Gelegenheit, sich in der Öffentlichkeit als pragmatischer und effektiver Wohltäter zu präsentieren. Die Arbeit durften diejenigen machen, deren Namen nicht genannt wurden, aber so war es ja immer.
Täglicher Arbeitsantritt 12.45 Uhr. Feierabend gegen 20.15 Uhr. Ganz nebenbei bemerkte Berit beim Blick auf ihr Zeitkonto, dass die elektronische Zeiterfassung ihr automatisch eine halbe Stunde Pause abgezogen hatte. Sie hatte aber keine Pause machen können in dem Gewusel. „Verdammt!“, dachte sie. „Das lass ich mir nicht gefallen, obwohl ich wirklich keine Lust habe, mit Rumpelstilzchen zu telefonieren!“
Die elektronische Zeiterfassung war der größte Schwachsinn, den die kreiskirchliche Verwaltung sich hatte einfallen lassen. Das Programm hatte ein Vermögen gekostet, musste weiterhin personal- und finanzaufwändig betreut werden und funktionierte nicht. Das Einloggen dauerte mehrere Minuten und ständig entstanden Fehlbuchungen. Entweder stimmte etwas mit dem Programm nicht oder die Menschen, die das Programm betreuten, machten etwas falsch. An manchen Tagen streikte der zentrale Server und niemand konnte sich einloggen. Es war ein entsetzliches Ärgernis und dabei so überflüssig wie ein Furunkel. Eine Excel-Tabelle hätte es auch getan.
Berit rief bei der Bereichsleitung an. „Evangelischer Kirchenkreis Minden, Bereichsleitung Kinder, Jugend und Friedhof, Stihl, was kann ich für Sie tun?“
„Ja, guten Tag Herr Stihl, hier spricht Berit Würselmeyer. Mir ist bei meinem Zeiterfassungskalender aufgefallen, dass mir eine Pause abgezogen wurde, die ich nicht gemacht habe.“
„Da haben Sie sich wohl mehr als sechs Stunden eingeloggt.“, antwortete die Bereichsleitung stoisch.“
„Ja selbstverständlich. Ich bin ja auch seit neuestem täglich von 12.45 Uhr bis 20.15 Uhr in der Einrichtung. Seit ich den Mittagstisch anbieten muss, geht das ja nicht anders.“
„Aber Sie machen doch sicher mal eine Pause.“
„Wann denn?“
„Irgendwann werden sie doch mal verschnaufen, mit ein paar Jugendlichen nett quatschen und Tee trinken und dabei können Sie Ihr Butterbrot essen. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit einem fehlenden Pausenraum. Sie sind in Ihrem Job dermaßen privilegiert, da müssen sie wegen einer solchen Nebensächlichkeit keine Welle machen.“
Das war ja wieder typisch. Berit hätte die Mitarbeitendenvertretung einschalten können, aber die rührten sich nicht. „Aus Minden, sollst du verschwinden.“, murmelte die Sozialarbeiterin, denn sie hatte den Eindruck, dass sich in dieser sterbenden Stadt außer ihr niemand mehr bei irgendetwas richtig Mühe gab. Eine Woche später erreichte sie fogende Mail von Herrn Stihl:
Hallo Frau Würselmeier,
nach der Kändigung von Frau Krebs brauhen wir eine neue vertrietung in der kommunalen Arbeitsgruppe für Mädchenarbeit. Die tagen fvierzehntägig Donnerstags um 9.30 Uhr in der Videbullenstraße 18. Nächste Woche ist es wieder so weir. Überhnemen Sie bitee diese Aufgabe.
Mfg, Stihl
Es war unfassbar. Nicht nur dass diese offizielle Mail, die immerhin eine Dienstanweisung darstellte, vor Flüchtigkeits- und Rechtschreibfehlern überlief, sie wurde einfach in Kenntnis gesetzt, statt im Gesamtteam zu erörtern, wer diese Aufgabe sinnvollerweise übernehmen könnte. Aber Berit hatte keine Kraft mehr, um sich zu wehren. Sie würde auch dieses Kreuz auf sich nehmen und irgendwann einfach vier Wochen zu Hause bleiben, dann könnten sie sie alle mal.
Eigentlich wollte Berit am Wochenende nicht s von der Arbeit wissen, doch dann scrollte sie dennoch durch die Webseite des Kirchenkreises, um nachzusehen, ob schon ein Bericht über den neuen Mittagstisch hochgeladen worden war. Bisher gab es nur eine kurze Notiz, aber sie stellte fest, dass Ihr Nachame genau wie in Stihls Mail falsch geschrieben war und ihr Vorname statt Berit mit Britta angegeben war. Sie schickte Rumpelstilzchen eine Nachricht mit der Bitte, dies schleunigst ändern zu lassen.
Als sie in der folgenden Woche am Freitag Morgen ihr Zeitkonto kontrollierte, bemerkte sie, dass ihr Antrag auf Arbeitszeit außer Haus nicht genehmigt worden war. „Geht's noch?!“, rief sie. „Erst gibt er mir den Auftrag persönlich und dann soll das nicht als Arbeitszeit angerechnet werden? Ich glaube mein Schwein pfeift! Ich knöpfe mir die Ratte Montag morgen persönlich vor!“
Bevor sie am Montag das Kreiskirchenamt aufsuchte, ging sie ins Büro, um zu kontrollieren, ob der Antrag schließlich doch genehmigt worden war. Das war er nicht, allerdings war eine Rechnung eingetroffen, eine Rechnung über 80,- € für zwei Änderungen im Eintrag der kreiskirchlichen Webseite. Das war unfassbar, dass der Kirchenkreis Minden nicht wie alle anderen das kostenlose Webseiten-System der Landeskirche nutzte, sondern mit der Begründung eines gefälligeren und benutzerfreundlicheren Auftritts ein Privatunternehmen beauftragt hatte. Als ihr Blick auf das Firmenlogo fiel, stockte ihr der Atem: RHS – Rüter und Hoffmann-Stihl. So häufig gab es diesen Namen nicht. Sie kontrollierte die Einträge im örtlichen Telefonbuch: Stihl, Hartmut und Hoffmann-Stihl Kirsten. Jetzt hatte sie ihn an den Eiern! Rumpelstilzchen hatte seiner Ehefrau die Webseitenbetreung zugeschanzt und den versammelten Schnarchnasen in Synode und Verwaltung war natürlich nichts aufgefallen oder sie waren bereit diese korrupte Grenzüberschreitung still zu dulden.
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