„Du willst mir allen Ernstes erzählen, das sei die Wahrheit?“ Er lachte nervös und Sydney las die Verwirrung in seinen Augen. „Und Sie“, sprach er Damian an. „Glauben Sie das etwa auch?“
Ruhig erwiderte Damian seinen Blick, kein Muskel regte sich. „Ich kann verstehen, dass es Euch schwerfallen mag, dieser Erzählung Glauben zu schenken“, sagte er und Paul schnaubte kurz. „Wäre sie meine Tochter, so würde ich es vermutlich als Störung ihres Geistes ansehen.“
Sydney beobachtete unverwandt ihren Vater, der vollkommen regungslos zuhörte. Damian fuhr fort: „Tatsache ist jedoch, diese Frau ist meine Frau. Sie trat in mein Leben, weil es ihre Bestimmung ist – ganz gleich, was Ihr oder sonst irgendjemand glauben mag, Sir.“
Paul schwieg. Er betrachtete Damian mit einer Eindringlichkeit, die Sydney nervös werden ließ und die sie sonst nur aus seiner Zeit als General kannte.
„Warum habe ich dich nicht schon früher zu Gesicht bekommen? Warum erst jetzt? Nach einem Monat?“, fragte er sie und Sydney gab zu, die Frage war berechtigt. Warum war sie nicht vorher gekommen? Was sollte und was konnte sie zu ihrer Verteidigung vorbringen?
„Na ja…“, begann sie träge.
„Ich fürchte, dafür bin ich verantwortlich“, fiel Damian ihr ins Wort. „Ihr habt die Geschichte der Prophezeiung gehört, Sir. Eure Tochter ist dazu bestimmt an meiner Seite, in meiner Welt, das Kind zu gebären. Das Schicksal meiner Welt hängt einzig und allein von ihr ab.“ Er zögerte kurz. „Ich konnte nicht zulassen, dass sie geht.“
Paul schwieg einen Moment. Dann seufzte er, schüttelte den Kopf und sagte: „Ich bin mir absolut nicht sicher, ob ich euch zwei richtig verstanden habe.“ Seine Züge waren gezeichnet von Verwirrung, Unglaube und völliger Erschöpfung. Nichtsdestotrotz blickten seine Augen unnachgiebig, als er fortfuhr: „Jetzt, da du wieder zu Hause bist“ – Sein Blick schweifte zu Sydney, musterte erneut ihre Kleidung – „ist dir hoffentlich klar, dass ich als dein Vater nicht zulassen kann, dass du mit diesem Fremden einfach wieder verschwindest.“
Sydney öffnete den Mund, wollte wiedersprechen, doch Paul hob die Hand und bat sie, ihn ausreden zu lassen. „Du bist meine Tochter, Sydney. Mein einziges Kind, Himmelherrgott! Du kannst nicht erwarten, dass ich dir die Geschichte abkaufe! Sieh dich doch nur an!“ Er erhob sich und wies aufgebracht auf ihr Äußeres.
Unwillkürlich sah Sydney an sich hinab. Sie trug noch immer das Kleid, das sie angezogen hatte, als sie die Burg verlassen hatten. Es war ein grober Stoff, dunkelgrün, fast braun, und Flecken, vermutlich Erdspritzer, zierten seinen Saum. Ihr ockerfarbenes Mieder war nicht sehr fest geschnürt und gab den Blick auf ihr Dekolleté frei. Sie schluckte und griff sich augenblicklich ans locker geflochtene Haar. Wie mochte sie auf ihren Vater bloß wirken?
„Ich weiß nicht, was ihr zwei mit dieser verrückten Geschichte bezweckt“, setzte Paul das Gespräch fort. „Du weißt was ich meine, Sydney. Ihr seht beide aus als kommt ihr gerade von einem dieser verfluchten Mittelaltermärkte! Es gibt keine komischen Löcher in Zeit und Raum! Das ist unmöglich!“, ereiferte er sich und tigerte im Zimmer auf und ab.
Sydney beobachtete ihn stumm. Er schüttelte erneut den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Gelegentlich traf ein misstrauischer Blick das Paar auf dem Sofa.
„Das ist alles etwas viel…“, meldete sich Sydney einen Augenblick später zu Wort. „Vielleicht sollten wir dir Gelegenheit geben, über alles nachzudenken, es zu verarbeiten.“
Paul schnaubte, erwiderte jedoch nichts.
„Falls es dir Recht ist, bleiben wir eine Weile.“ Sie sagte es nicht als Frage, dennoch wartete sie geduldig auf die Erwiderung ihres Vaters. Dieser warf ihr einen strengen Blick zu. „Natürlich bleibt ihr“, brummte er und wischte sich erneut durch das Gesicht.
Damian erhob sich. Er streckte Paul seine Hand entgegen und sagte: „Ich danke für Eure Gastfreundschaft, Sir.“
Ihr Vater ergriff die Hand und erwiderte: „Ich bin mir nicht sicher, welche Rolle Sie hier einnehmen. Da meine Tochter aber unversehrt ist und ihr beide vertraut miteinander zu sein scheint, schätze ich, ich kann Ihnen vorerst trauen.“ Er neigte sich näher Damian zu und warnte ihn: „Liebe macht bekanntlich blind. Wenn ich je herausbekomme, dass Sie ein falsches Spiel mit meiner Tochter spielen, dann Gnade Ihnen Gott!“
Obwohl die Drohung lächerlich schien angesichts des körperlichen Unterschiedes zwischen den beiden Männern, nickte Damian ernst und Paul ließ seine Hand los. „Sie dürfen mich Paul nennen.“
An Sydney gewandt, meinte er lächelnd: „Du weißt ja, wo dein Zimmer ist.“
Die Haustür schloss sich etwas später leise hinter ihrem Vater, als er sich auf den Weg machte, um die Vermisstenanzeige bei der Polizei zurückzuziehen.
Sydney blickte sich im Wohnzimmer um. Nichts schien sich seit ihrer Abwesenheit verändert zu haben. Dasselbe Foto wie immer, ihr Abschlussfoto, hing über dem Kamin – gleich neben einem Foto, auf dem sie als Baby breit grinsend ihre Pausbäckchen betonte.
Damian folgte ihrem Blick. „Was ist das? Wie heißt der Künstler?“, fragte er und trat näher heran. Etwas verlegen folgte Sydney ihm. Er hatte sich bisher recht gut im Griff gehabt, stellte sie fest. Seit sie das Haus erreicht hatten, verhielt er sich, als gäbe es nichts Besonderes zu entdecken, und dabei musste ihm nahezu alles vollkommen fremdartig erscheinen.
„Die Bilder hat mein Vater gemacht“, erklärte sie.
„Wo bezieht er die feinen Pinsel her, um solch eine feine, detailgetreue Zeichnung anzufertigen?“
Sydney schmunzelte. Dann erklärte sie es ihm. „Diese Bilder werden nicht gemalt. In meiner Welt gibt es eine Technologie – Kameras –, die es ermöglicht, einen Moment für immer auf Papier zu bannen.“
Staunend berührte er die Fotografien mit seinen Fingerspitzen. „Erstaunlich!“ Er betrachtete sie erneut. „Bist du das?“
„Ja, ziemlich peinlich, nicht wahr?“
„Ganz und gar nicht. Du warst ein hübsches Kind“, meinte er augenzwinkernd und Sydney grinste etwas säuerlich. „Das andere Bild von dir beweist, dass du bereits damals viel zu hübsch für diese Welt warst“, fügte er hinzu und schlang den Arm um sie. „Sag, mein Herz, wie viele Herzen hast du auf deiner Reise zu mir gebrochen?“
Er zwinkerte schalkhaft, doch Sydney sah die Ernsthaftigkeit dahinter aufblitzen. Damian musterte sie und Sydney fühlte sich mit einem Mal unwohl in seiner Umarmung. Sie schüttelte seinen Arm ab und trat einen Schritt zur Seite. „Was spielt das schon für eine Rolle?“, entgegnete sie ihm ausweichend. „Ich bin jetzt hier bei dir, oder etwa nicht?“
Sie dachte an ihre Hochzeitsnacht und betrachtete Damian genauer. Ging es ihm darum, fragte sie sich? Dachte auch er daran, dass sie nicht jungfräulich zu ihm kam?
Plötzlich klopfte es an der Tür und Sydney zuckte zusammen. Leise seufzte sie und schob sich an Damians mächtiger Gestalt vorbei.
„Sydney?“
Überraschung lag in der Stimme, die unverkennbar männlich war, und als Sydney ihrem Mann einen Blick zuwarf, konnte sie erkennen, dass er seine Stirn beunruhigt runzelte.
„Oliver“, begrüßte sie den Ankömmling verblüfft. „Was tust du denn hier?“
„Ich wollte zu deinem Vater. Ich wollte ihn fragen, ob es schon etwas Neues zu deinem Verbleib gibt.“ Er musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle. „Offensichtlich bist du wieder zurückgekehrt.“
Verlegten strich sich Sydney eine Haarsträhne hinter das Ohr und lächelte schwach. Sie war sich nur allzu bewusst, dass Damian direkt hinter ihr stand und Oliver bedrohlich musterte – sie musste sich nicht erst umdrehen, um sich dessen gewiss zu sein. Die schiere Hitze, die ihr gegen den Rücken schlug, sprach Bände.
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