Als sie Richard, Damians loyalsten und ältesten Freund, zum ersten Mal begegnet war, hatte Damian sie küssen wollen, wurde durch Richards unerwartetes Auftauchen jedoch davon abgehalten. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch flatterten lebhaft umher, als sie an die starke Spannung dachte, die zwischen Damian und ihr in dem Augenblick aufgetreten war.
„Was ist los?“, fragte sie ihn und musste sich räuspern, um die erregte Heiserkeit aus ihrer Stimme zu verbannen. Beruhigend strich er ihr über die Wange.
„Ich meinte, etwas gehört zu haben.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vermutlich war es nur der Wind, der durch die Blätter fuhr.“ Er lächelte wieder, doch Sydney sah, dass es seine Augen nicht erreichte. Angst befiel sie. „Mach’ dir keine Sorgen“, versuchte er sie zu beruhigen, doch sein Blick glitt immer wieder zurück zu den Bäumen. „Wir sollten weiterreiten.“ Sie traten zurück zu Schara’k und nervös blickte Sydney sich um. War es wirklich bloß der Wind?
Sie wusste, Damian war ein fähiger, kampferprobter Krieger. Sie hatte seit sie ihn kannte noch nicht erlebt, dass sein Gefühl ihn je getrogen hätte. Er stand neben ihr und hatte den Blick noch immer auf die umliegenden Bäume gerichtet, als sie sich anspannte, um auf das Pferd zu steigen. Schara’k schnaubte unruhig, seine Ohren drehten sich nervös, als Sydney es hörte. Ihr blieb keine Zeit mehr. Ein Ruck ging durch ihren Körper und raubte ihr den Atem, als sie zu Boden gezerrt wurde. Die Welt um sie herum verschwamm zu einem einzigen Chaos.
Es waren Männer, mehrere Männer, erkannte sie.
Damian hielt bereits seinen Dolch gezückt – das Schwert hing unbeachtet in der Scheide am Sattel – und streckte seinen Angreifern die Klinge entgegen. Sydney zählte insgesamt sechs, eine ganze Bande also. Drei von ihnen, deren Kleidung und Aussehen sie bestenfalls als Landstreicher klassifizierte, hatten Damian bereits eingekesselt, als man sie vom Pferd zurückgezogen hatte.
„Wen ham’wa denn hier?“, zischte der Mann zu ihrer Linken. Sydney sah, wie Damian herumwirbelte, um sie zu beschützen, doch noch ehe er etwas unternehmen konnte, packten ihn die Männer von hinten, entwanden ihm den Dolch und hielten ihn zurück.
„Lasst sie los!“, forderte er mit einem tiefen, bedrohlichen Knurren, das Sydney die Nackenhaare aufstellte. Der Sprecher der Bande, ein grobschlächtiger Kerl mit kaum Haaren auf dem runden Schädel, grinste breit und entblößte dabei schwarze Stummel, die wohl einmal seine Zähne gewesen waren.
„Aber, aber“, mahnte er. „Ihr bekommt sie ja zurück, keine Bange!“ Sein Grinsen vertiefte sich, Furcht schnürte Sydney die Kehle zu. Der Fremde trat auf sie zu und griff nach einer Strähne ihres Haares.
„Ah, welch liebreizender Duft“, schwärmte er und warf Damian einen gehässigen Blick zu. Die Männer um sie herum lachten und leckten sich gierig über die Lippen. Sydney meinte fast, sie spüren zu können, ihre Blicke, die ihren Körper abtasteten wie die widerlichen Fühler eines Insekts. In den Augen ihrer Angreifer schimmerte unverhohlene Erregung und Sydney starrte sie angewidert an. Zugleich stieß Damian ein beängstigendes Knurren aus und donnerte seinen Schädel gegen den zu seiner Rechten. Es krachte und der Mann heulte auf vor Schmerz. Er lockerte seinen Griff, während der Sprecher der Bande unlängst an seiner Hose nestelte. Sein stinkender Atem – eine Mischung aus Alkohol und üblem Mundgeruch – stieg Sydney unerträglich in die Nase.
Sie würgte, als der Mann ihr einen Schlag ins Gesicht versetzte. Ihre linke Gesichtshälfte brannte, sie schmeckte Blut und der Schmerz benebelte kurz ihre Sinne; sie hatte sich auf die Zunge gebissen.
„Haltet sie gut fest, Jungs!“, ermahnte der Kerl seine Kumpane, die erwartungsfroh kicherten und Sydney herumdrehten, sodass ihre Kehrseite dem Anführer zugewandt war.
Wie verrückt zog und zerrte Sydney an ihren Armen, trat um sich, versuchte, sich loszureißen, doch der feste Griff der schmutzigen Klauen bohrte sich in ihre zarte Haut. Als man sie auf die Knie niederdrückte, stieß sie ein Schluchzen aus.
„Damian!“, rief sie in ihrer Hilflosigkeit, provozierte damit jedoch nur eine neuerliche Lachsalve der Angreifer.
„Ruf nur so viel zu willst, Kleine, mich stört das nicht“, sagte der Sprecher. Sydney spürte, wie der Mann ihre Knie auseinanderdrängte, sich dazwischenschob und sich an ihrem Rock zu schaffen machte. Heulend wand sie sich, als sich seine Hände auf die Rundung ihres Gesäßes legten. Er war zu stark für sie!
Obwohl Sydney sich hin und her warf, kämpfte wie eine Löwin, um dem grausamen Übergriff zu entgehen, waren die Männer zu stark für sie. Wieder einmal verfluchte sie die Schwäche ihrer Weiblichkeit.
Plötzlich löste sich der unangenehme Druck auf ihrer Haut. Sie hob den Kopf, Strähnen ihres Haares durchkreuzten ihr Blickfeld, und sie sah, wie Damian ihren Angreifer mit einem gezielten Faustschlag niederstreckte. Der Griff um ihre Arme löste sich mit einem Mal und erschöpft ließ sie sie sinken. Nur am Rande bemerkte sie die wilde Flucht der Männer.
Der Anführer der Bande hielt sich die Hand vor die Nase und starrte entsetzt das hinauslaufende Blut an. Er hob die Hände in die Höhe und Damian entgegen. Dieser packte ihn ungehalten am Kragen, zerrte ihn auf die Füße und knurrte: „Du wirst nie wieder jemanden anrühren, weder die Auserwählte, noch sonst wen.“
Der Blick des Mannes flackerte kurz bei der Erwähnung der Auserwählten, dann jedoch nickte er mit weit aufgerissenen Augen. Damian löste seinen Griff. Er hatte zwischenzeitlich seinen Dolch wieder an sich genommen und zückte nun die Klinge. Sydney hielt den Atem an, nicht fähig den Blick abzuwenden. Eine rasche Bewegung des Armes, das kurze Aufblitzen der Klinge, und der Mann taumelte zurück. Ein letztes Gurgeln entfloh seiner Kehle und er sackte zu Boden. Ungläubig glitten seine Hände an den Hals, aus dem nun das Blut sprudelte.
Noch immer konnte Sydney den Blick nicht abwenden. Sie starrte ihn an, beobachtete, wie das helle Rot seinen Hals tränkte, ehe es im Erdboden versickerte. Sie hörte nicht, was Damian sagte.
Er trat neben sie, kniete sich hin und zog sie sanft an sich, zwang sie, den Blick vom Grauen abzuwenden. Sie atmete seinen Geruch ein, spürte seinen Herzschlag an ihrem Ohr, hörte ihn, und holte zitternd Luft. Erst jetzt hörte sie, was er sagte.
„Schscht…“, flüsterte er an ihrem Scheitel. „Bist du unversehrt?“, wollte er wissen.
War sie es? Sydney wusste es nicht, dennoch nickte sie schwach. Sie zitterte nun am ganzen Leib. Ihr war kalt. Das Bild des Mannes, dessen Leben einfach so aus dem unnatürlichen Spalt in seiner Kehle heraus sickerte, brannte sich in ihr Gedächtnis. Damian hatte ihn umgebracht.
Damian, gottverdammt!
Eine Erinnerung blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Etwas, das sie bislang erfolgreich verdrängt hatte. Corin, der mit einem aufgebrachten Mann zuerst diskutierte und dann zuließ, dass sein Kumpan Pete dem Mann einen tödlichen Hieb mit dem Schwert verpasste. Das Blut hatte die Erde unter ihm ebenso getränkt wie das Blut dieses Mannes sie jetzt tränkte.
Sydney hörte ihren eigenen Herzschlag in ihren Schläfen pochen, blickte kurz zu Damian auf. Sein Gesicht lag im Schatten und sie zuckte zusammen. Der Zug um seine Mundwinkel… der gerade Rücken seiner Nase… Etwas in ihrem Innern wollte ihn von sich stoßen, wollte nicht länger in den Armen eines Mannes liegen, der mit einer einzigen, fließenden Bewegung ein Leben auszulöschen vermochte. Die Ähnlichkeit mit seinem Halbbruder Corin war mit einem Mal so deutlich, dass ihr der Schrei in der Kehle stecken blieb. Entsetzt starrte sie ihn an, spürte vage, wie sich seine Hände um ihre Arme schlossen. Ihr Herz raste, Schweiß brach ihr aus.
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