Plötzlich zuckte Damians Kopf hoch. Seine Hand fuhr zum Griff seines Dolches, als sich ihnen ein Lastwagen unter lautem Getöse näherte. Schara’k tänzelte unruhig unter ihr.
„Damian…“, sprach sie ihn an und Damian wandte sich zu ihr um. Er sah die aufsteigende Panik seines Pferdes und griff nach dem Halfter.
„Ruhig…ganz ruhig…“, sprach er ihm gut zu. Der Lastwagen donnerte vorbei und Damian zuckte unwillkürlich zusammen. Sydney kicherte leise. „Es ist nur ein Lastwagen“, erklärte sie ihm. „Ein Transportmittel. Mehr nicht.“ Sie stieg aus dem Sattel und ging voran.
„Kommst du?“, fragte sie ihn nach einigen Metern und ihre grünen Augen funkelten amüsiert im strahlenden Sonnenschein.
Damian kratzte sich verlegen am Kopf. „Ich schätze, deine Welt ist fremder, als ich es erwartet habe“, murmelte er und trat neben sie. Schara’k schnaubte hinter ihnen zustimmend.
„Ist deine Welt immer so laut?“, fragte er.
„Du wirst dich daran gewöhnen“, erwiderte Sydney lächelnd. „Das Haus ist bereits da vorne.“ Sie deutete auf ein zweistöckiges Gebäude, das getrennt von den Nachbarhäusern stand.
Damian nickte, musterte zugleich jedoch misstrauisch den hoch aufragenden Mast einer Straßenlaterne. Die wenigen Menschen, die ihnen begegneten, warfen ihnen neugierige Blicke zu, und Sydney konnte sie verstehen. Wie oft lief einem schon ein Paar, das gekleidet war, als wäre es einem Theaterstück entsprungen, und das zum anderen ein Pferd mit sich führte, über den Weg?
Das Haus ihrer Familie sah dagegen aus wie eh und je. Die weiße Fassade leuchtete makellos im Licht und Vorfreude, gepaart mit Aufregung, bemächtigte sich Sydney. Sie räusperte sich unentwegt, ihre Handflächen fühlten sich unangenehm feucht an und, ja, ihre Beine zitterten sogar! So nervös hatte sie sich nicht einmal bei ihrem Bewerbungsgespräch für die Einschreibung an der Universität gefühlt.
Die drei Treppenstufen zur Veranda knarrten leise, als sie zur Tür trat. Damian blieb auf dem kurzen, gepflasterten Weg vor ihrem Haus neben Schara’k stehen. Dieser schien mittlerweile gänzlich unbeeindruckt von dieser Welt und reckte bereits den Hals, um ein Grasbüschel, das unter dem Zaun wuchs, zu erreichen.
Ein Gefühl der Beklommenheit erfasste Sydney, je länger sie hier auf der schmalen Veranda stand. Plötzliche Unsicherheit hinderte sie daran, die Hand zu heben, um zu klingeln. Wie würde man sie erwarten? Angst, dass ihr Vater sie womöglich fortschicken könnte, weil sie so vollkommen unerwartet verschwunden war und nun erst wieder auftauchte, erfasste sie. Sie stand noch immer unschlüssig vor der weiß lackierten Tür, als diese geöffnet wurde.
Verblüfft starrte sie ihren Vater an. Er hatte nicht mit ihr gerechnet. Jede Farbe wich aus seinem Gesicht und seine Augen weiteten sich bei ihrem Anblick, bevor sie tränenfeucht schimmerten.
„Hi, Dad“, begrüßte sie ihn zögernd.
„Sydney!“, rief er und schloss kurzerhand seine Arme um sie. Seine Stimme klang heiser, rau und von der Kraft seiner Emotionen erstickt. Und ganz plötzlich waren jeder Zweifel, jede Angst und jede Sorge wie weggewischt. Sydney erwiderte seine Umarmung und Tränen der Freude traten ihr in die Augen. „Ich hab’ dich vermisst“, flüsterte sie und drückte ihn noch fester an sich.
Es dauerte einen langen Augenblick, ehe sie sich voneinander lösten, ganz so, als hätten sie Sorge, den anderen erneut aus den Augen zu verlieren.
Paul Abernathys Blick glitt an ihrer Gestalt entlang, registrierte mit einem Stirnrunzeln ihre Kleidung und sah schließlich an ihr vorbei zu Damian. Sein Stirnrunzeln vertiefte sich.
„Gehört der Kerl da zu dir?“, fragte er und Sydney hörte den Marinegeneral heraus. Ein wenig wand sie sich unter dem stählernen Grau seiner Augen. Sie und Damian hatten sich noch nicht geeinigt, was sie ihm erzählen wollten. Jede Erklärung klang völlig abstrus.
„Kann Damian sein Pferd kurz hinters Haus bringen?“, fragte sie stattdessen leise.
Erneut blickte ihr Vater zu Damian rüber, musterte erst ihn, dann das Pferd, ehe er knapp nickte.
„Danke.“
Sydney trat zu Damian und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Sie spürte deutlich, wie der überraschte, verblüffte und ergriffene Blick ihres Vaters ihnen folgte.
Als sie zurückkamen, stand die Haustür einladend offen. Sie traten ein. Paul hatte ihren kurzen Moment der Abwesenheit genutzt und die Wucht der Emotionen niedergekämpft, die ihn wie ein Schlag erwischt hatten. Äußerlich gelassen – einzig ein vages Zittern seiner Hände verriet ihn – kam er ihnen aus der Küche entgegen, in jeder Hand ein Glas Wasser.
„Kommt herein und setzt euch!“, forderte er sie beide auf. Sydney entging der Blick nicht, mit dem ihr Vater Damians Gestalt maß, dessen Körpergröße den kompletten Türrahmen ausfüllte. „Vielleicht möchtest du mir dabei auch erklären, wer dieser Mann ist?“, sprach ihr Vater weiter.
„Sir, wenn Ihr erlaubt!“ Damian wandte sich Paul zu und neigte respektvoll den Kopf. „Mein Name ist Damian Ramsey“, begann er. „Ich bin baldiger Herrscher des Volkes der Bakram und Eure Tochter ist meine Frau.“
Sydneys Wangen röteten sich – sie spürte die Wärme bereits ihren Hals hinaufkriechen – und lächelte ihren Vater verkrampft an. Es gefiel ihr absolut nicht, dass Damian ihren Erklärungen derart vorweggriff. Das Wasser in den Gläsern schwappte gefährlich, als sich das Zittern von Pauls Händen verstärkte.
Sydney schob sich an Damian vorbei und nahm sie ihrem Vater vorsichtig ab. Ohne ihm in die Augen zu sehen, flüsterte sie: „Ich glaube, es ist besser, du setzt dich erst einmal.“
Wie sollte sie die Situation erklären? Wo sollte sie beginnen? Wo konnte sie beginnen?
„Wovon redet er, Sydney?“, krächzte Paul und verharrte an Ort und Stelle. „Was soll das heißen, du bist seine Frau?“
Sie fühlte sich ohne Zweifel der Panik nahe; so hatte sie sich das Ganze nicht vorgestellt. Sie wollte ihren Vater nicht unnötig aufregen. Sie wollte ihm die ganze Geschichte, so verrückt sie sich auch anhören mochte, schonend beibringen. Sie wollte sein Verständnis, nicht schockiertes Entsetzen.
„Wo bist du gewesen?“, verlangte Paul von seiner Tochter zu wissen und Sydney erkannte sehr wohl den strengen Ton ihres Vaters, wenn sie ihn hörte. Der stille Vorwurf, der seiner Stimme mitschwang, verunsicherte sie. Jetzt war sie diejenige, deren Hände unkontrolliert zu zittern begannen. Die Gewissheit, dass ihr Vater die Geschichte wohl kaum glauben würde, übermannte sie, als Damian neben sie trat. Sie sah zu ihm auf und ließ sich von ihm ins nächstgelegene Zimmer, fort aus dem Eingangsbereich und hinein ins Wohnzimmer, begleiten. „Du wirst mir kaum glauben…“, begann sie und nahm auf der Kante des Sofas Platz.
Sie erzählte ihrem Vater, was geschehen war. Erzählte, wie Damian sie entführte, was Paul mit einem entsetzten und durchaus feindseligen Blick auf Damian quittierte. Sie erzählte von der eher zufälligen Entdeckung des Portals und von der Prophezeiung, erklärte, wie es zur Hochzeit gekommen war und wie Jack sie schließlich gefunden hatte. Auch Corin und Diana, sowie die magische Wirkung der Halskette ihrer Mutter, die sie in größter Not geschützt und somit das Leben gerettet hatte, erwähnte sie.
Nichts ließ sie aus, keine Begebenheit blieb unerwähnt, einzig und allein ihre Gefühle gegenüber Damian verschwieg sie. Sie verstummte und griff nach dem Wasser. Ihre Kehle war vollkommen trocken und es dämmerte bereits. Unsicher sah sie ihren Vater an. Dieser hatte sich zwischenzeitlich nun doch in den Sessel sinken lassen und fuhr sich erschöpft durchs Gesicht. Dann hob sich sein Mundwinkel. Er grinste unsicher und seine grauen Augen fixierten sie.
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