Wie jetzt, war er auch damals ziellos durch den Palast gestreift, als Fraya plötzlich vor ihm gestanden hatte. Ihr Kleid war staubig und sie war sichtlich erschöpft. Aus ihren sonst so sorgfältig geflochtenen Zöpfen hatten sich ein paar Strähnen gelöst und hingen ihr unordentlich ins Gesicht. Nur ihre Augen hatten vor Freude gestrahlt, als sie ihn ansah. „Wo kommst du denn auf einmal her?“, hatte er sie reichlich verwirrt gefragt. „Na, aus Doritan!“, hatte sie genauso verwirrt geantwortet. „Thore, was ist denn los mit dir? Hast du das etwa schon vergessen?“ Besorgt hatte sie Thore an die heiße Stirn gegriffen. Da war es Thore gewesen, als wäre er aus einem beklemmenden Traum erwacht. Frayas Berührung hatte ihn von dem Zauber befreit, unter dem er die ganze Zeit über gestanden hatte. Im nächsten Augenblick stand er vor Frayas Bett, in dem die Frau gelegen hatte, die er in den letzten zwei Monaten für Fraya gehalten hatte. „Wer bist du?“, hatte er sie wütend angefahren. Erschrocken war die Frau aus dem Schlaf hochgefahren und hatte ihn angsterfüllt aus ihren grünen Augen angesehen. Es war Rixane, eine Magierin aus Estosia. Ihr rotgoldenes Haar hing ihr wild um ihre nackten Schultern und bedeckte nur sparsam ihre schön geformten Brüste. „Was hat das zu bedeuten? Was macht diese Hure in meinem Bett?“ Fraya war Thore gefolgt und stand in der Tür zu ihrem Schlafgemach. Vor Zorn klang ihre Stimme gepresst und war doch so scharf wie ein Dolch aus Ainarstahl. Rixane hatte sich wieder gefangen. „Hure?“, hatte sie spöttisch erwidert. Sie hatte sich ein Gewand aus feinstem Leinen übergeworfen, durch den ihr wohlgeformter schlanker Körper hindurch schimmerte. „Thore, sag deiner Gemahlin, dass ich deine Nebenfrau bin. Die Frau, die dir nach zweitausend Jahren endlich wieder einen Sohn schenken wird.“ Lächelnd hatte sie sich über ihren Bauch gestrichen. „Niemals! Nie wirst du meine Nebenfrau! Und dieses Balg, nimm es mit dir! Es ist nicht mein Sohn! Verlasse Amesia und kehre nie wieder hierher zurück!“ Nur mit Mühe war es Thore gelungen, nicht zu brüllen. Das gerade erwachende Oskan sollte nichts von dem üblen Betrug erfahren, auf den ihr Herrscher hereingefallen war. „Dein Gemahl weiß offensichtlich nicht, wen er sich zum Feind machen möchte“, wandte sich Rixane an Fraya. „Ich bin Rixane und die mächtigste Magierin der drei Welten. Hat dir nicht einst Gaya prophezeit, dass es von deiner Stärke abhängen wird, ob ein Sohn Thores, den nicht du gebären wirst, Fluch oder Segen über Amesia bringen wird? Nun, wirst du damit leben können, dass die Mutter eines weiteren Sohns Thores in Oskan lebt?“ „Woher weißt du, was Gaya einst gesagt hat? Nur die Götter wissen davon!“, hatte Fraya, sofort misstrauisch geworden, wissen wollen. „Rixane! Du bist Hatos Geliebte!“, hatte Thore zornig ausgerufen. „Er hat dich hierher geschickt, damit du die goldene Krone für ihn stiehlst. Auf diesen Verrat steht der Tod!“ Drohend war er auf Rixane zugetreten. Blitzschnell hatte die Magierin Frayas Hand genommen und auf ihren Leib gedrückt. „Herrin, Ihr könnt es fühlen. Ich erwarte ein Kind! Ihr dürft nicht zulassen, dass mir Euer Gemahl etwas antut!“ Deutlich hatte Fraya den schnellen kräftigen Herzschlag des ungeborenen Kindes spüren können. „Es ist wahr, Thore! Du darfst sie nicht töten!“, Frayas Stimme hatte ruhig geklungen, aber auf ihrem Gesicht hatte Thore den Schmerz sehen können, den diese Worte der großen Göttin bereiteten. „Als ob ich je einer Frau etwas antun würde!“, hatte er geknurrt und Rixane am Arm genommen. Im nächsten Augenblick waren beide verschwunden. Der große Gott hatte die Magierin eigenhändig zu einem Übergang von Osiat nach Estosia gebracht. Unsanft hatte er sie in den dunklen Schacht gestoßen und sie für ewig aus Amesia und Osiat verbannt. Rixane hatte geschrien, gedroht und getobt, doch geholfen hatte es ihr nicht.
Als er in seinem Palast zurück war, hatte er Frayas Gemächer vor ihm verschlossen vorgefunden. Durch die geschlossene Tür hatte die große Göttin nur paar Worte für ihn gehabt. „Wie konntest du nur auf ihren Schwindel hereinfallen! Ich habe an der Schulter kein Muttermal!“ Zehn lange Jahre lang hatte Thore warten müssen, bis sich Frayas Türen wieder für ihn geöffnet hatten. Er war in dieser Zeit nicht untätig gewesen. Rixane hatte ein ungutes Feuer in ihm entfacht. Und so hatte er sich bei den Menschen geholt, was ihm seine Gemahlin verwehrt hatte. Nie war er jedoch mit dem Herzen dabei gewesen. Nur ein einziges Mal hatte es ihn länger bei einer seiner menschlichen Geliebten gehalten. Als sie ihm gestanden hatte, dass sie ein Kind erwartet, hatte er mit ihr gebrochen. Er hatte sie nie wiedergesehen. Von seinem Sohn hatte er bis zu dem Vorfall im heiligen Hain von Trendhoak nur den Namen gekannt, gesehen hatte er ihn noch nie. Beeindruckt von der Kraft und dem Mut des Jungen hatte er ihn, ohne groß zu überlegen, mit nach Oskan genommen. Und auch, wenn er Frayas Zorn dadurch wieder einmal auf sich gezogen hatte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass es dieser Sohn war, auf den sich Gayas Worte von einst bezogen hatten. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen würde er diesem Jungen nicht als Vater gegenüberstehen. Er hoffte sehr, dessen Anwesenheit in Oskan damit für Fraya erträglich zu machen und diesmal nicht wieder jahrelang darauf warten zu müssen, dass sie ihn ihren Gemächern empfing.
Unvermittelt stand er vor der Kammer, in die er Eric gesperrt hatte. Er hatte seinen Schritt nicht bewusst hierher gelenkt. Ärgerlich runzelte er die Stirn, als er sah, dass die Tür nur halb geschlossen war. Suchend blickte er den Gang entlang. Von seiner Leibwache, der er seinen Sohn anvertraut hatte, fehlte jede Spur. Aus dem Inneren des Raumes drang ein vernehmliches Schnarchen zu ihm. Thore stutzte, denn das war ein Geräusch, das er in keinem Fall mit einem zwölfjährigen Jungen in Verbindung gebracht hätte. Vorsichtig öffnete er die Tür und sah zu dem Schlafenden. Es war stockdunkel in der Kammer. Nur schemenhaft konnte er jemanden auf der Pritsche liegen sehen. Mit der Berührung seiner Hand brachte er eine Wand zum Leuchten. Das Licht war gerade hell genug, dass er Einulf als den Schläfer erkannte. Wütend trat Thore gegen die Pritsche. „Wo ist der Junge?“, knurrte er wütend. Erschrocken sprang Einulf beim Klang der Stimme seines Herrn auf. „Er ist bei dem Fohlen, Herr!“, antwortete er und verneigte sich vorschriftsmäßig. „Welchem Fohlen?“ „Dorinas Fohlen, Herr.“ „Das lebt noch?“, fragte Thore zweifelnd. „Ja, Herr!“ Dorina war Diomeds Mutter. Eine Stute hatte ihr am Ende ihrer Trächtigkeit auf der Weide in den Bauch getreten. Sie war an der schweren Verletzung verblutet. Nur ihr Fohlen hatten sie noch retten können. Doch das hatte sich geweigert, Milch aus der Flasche anzunehmen und sein Tod war nur eine Frage der Zeit gewesen. Thore frönte einer zutiefst menschlichen Leidenschaft, der Pferdezucht. Als ausgesprochener Liebhaber seiner Pferde war er über alles im Bilde. „Was hat der Junge damit zu tun?“, wollte der große Gott ungehalten wissen. „Von ihm hat das Fohlen die Milch angenommen, Herr“, antwortete Einulf knapp. Thores Augen funkelten zornig. „Wer hat dir gesagt, dass du den Jungen zu einem Stallknecht machen sollst?“, fuhr er seine Leibwache mit schneidender Stimme an. Nur der vorgerückten Stunde war es zu verdanken, dass sich Thore beherrscht und nicht gebrüllt hatte. Das hätte den ganzen Palast aufgeweckt. Einulf zuckte zusammen. Er kannte seinen Herrn gut genug, um zu wissen, dass der kurz davor stand, die Geduld zu verlieren. „Durch das Fohlen isst Eric jetzt auch wieder, Herr“, erklärte er entschuldigend und erzählte, wie es dazu gekommen war, dass Eric jetzt im Stall bei dem Fohlen schlief. Aufmerksam hörte ihm Thore zu. Erleichtert sah Einulf, wie der Zorn seines Herrn langsam verrauchte. „Wie lange hat er nichts gegessen?“, erkundigte sich der große Gott ernst. „Drei Tage, Herr.“ Ein vernichtender Blick traf seine Leibwache. „Das nächste Mal gibst du mir sofort Bescheid, wenn er Schwierigkeiten macht!“, befahl Thore streng. „Ja, Herr!“, versicherte Einulf und verneigte sich vor dem Rücken seines Herrn. Thore hatte sich bereits umgewandt und lief zu der Nebentür, von der aus der kürzeste Weg zu den Pferdeställen führte.
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