Eric blieb den ganzen Tag bei dem kleinen Hengst. Einulf brachte ihm noch zweimal Milch, die das Fohlen ohne Umstände jedes Mal bis auf den letzten Tropfen austrank. Die Zuwendung des Jungen begann, sich auszuzahlen. Schon am Abend war das Tier in der Lage, seinen Kopf längere Zeit aufrecht zu halten. Mit Erics Hilfe kam es auf seinen wackligen Beinen zu stehen und lief ein paar Schritte auf und ab. „Kann ich heute Nacht bei ihm bleiben?“, fragte er, als Einulf wieder in den Stall kam, um ihm sein Abendbrot und dem Fohlen die letzte Milch zu bringen. „Morgen beginnt deine Ausbildung. Ich werde dich nicht schonen. Wir haben schon zu viel Zeit verloren“, wandte der ein. „Was für eine Ausbildung?“, wollte Eric wissen. „Zu einem Krieger Oskans“, antwortete Einulf knapp, als wäre damit alles gesagt. Nachdenklich streichelte Eric über das struppige Fell seines kleinen Freundes, zu dem ihm das Fohlen im Laufe der gemeinsam verbrachten Stunden geworden war. Hatte ihn sein Vater nur deshalb nach Amesia gebracht, weil er Nachwuchs für sein Heer brauchte? Würde er für Thore wirklich nicht mehr als einer der vielen anderen Soldaten sein? Der große Gott hatte ihm verboten, ihn Vater zu nennen. Ganz Oskan hatte gehört, dass ihn niemand als Thores Sohn bezeichnen sollte. Verbittert presste Eric die Lippen aufeinander.
Einulf las in seinem Gesicht wie in einem Buch. Er ging zu dem Jungen, der nach wie vor im Stroh verharrte, stockte dann jedoch, als er sah, dass das Fohlen scheute. Er ging in die Hocke, um dem kleinen Hengst die Angst zu nehmen und um Eric in die Augen sehen zu können. „Ein Krieger Oskans zu sein, ist eine Ehre“, erklärte er. „Alle Jungen Oskans erhalten diese Ausbildung. Es ist ein langer und steiniger Weg. Nicht alle schaffen es, die Prüfung am Ende zu bestehen.“ „Werde ich mit anderen zusammen sein?“ Die Aussicht, auf Gleichaltrige zu treffen, machte Eric neugierig. Er hatte bisher nur Thore und Einulf kennengelernt. „Noch nicht. Die Jungen deines Alters sind dir ein Jahr voraus. Diesen Rückstand musst du erst aufholen. Wenn du soweit bist, die Aufnahmeprüfung abzulegen, werden wir weitersehen“, erklärte Einulf. „Ich kann kämpfen!“, widersprach Eric trotzig. „Eric, es geht nicht darum, in einer Prügelei zu bestehen!“, wies ihn Einulf ernst zurecht. „Ein ehrenvoller Kämpfer zu sein, ist etwas ganz anderes. Das ist es, was dir hier beigebracht wird.“ Beschämt schlug Eric die Augen nieder. „Ich bin nicht ehrlos“, sagte er leise. „Das weiß ich, sonst würde ich kein Wort mit dir reden!“, bekräftigte Einulf. Das war die volle Wahrheit. Manch einer hätte es nicht für möglich gehalten, dass die sonst so wortkarge Leibwache Thores zu einem so tiefschürfenden Gespräch fähig war. Einulf begann Thores Sohn zu mögen und wollte ihm helfen, sich in der für ihn so fremden Welt zurechtzufinden. „Woher weißt du das?“, fragte Eric ungläubig. Einulf schwieg. Als Sohn von Martan, dem Gott des Krieges, und einer menschlichen Mutter, war er wie Eric ein Halbgott. Halbgötter verfügten aufgrund ihres göttlichen Erbes über besondere Gaben. Einulfs Gabe war es, die Gesinnung eines anderen sofort zu erkennen. Jemanden mit einem starken Ehrgefühl sah er mit einem grünen Kranz bekrönt. Auch deshalb war er Thore so wichtig. Zwar konnte der große Gott in der Seele eines jeden lesen, doch dazu musste er dicht an den anderen herantreten, um ihm tief in die Augen sehen zu können. Einulfs Einschätzung aus der Ferne war da viel unauffälliger. Außer ihm selbst und seinem Vater Martan, wussten nur Thore und Fraya von seiner besonderen Gabe. Als Einulf Eric das erste Mal gesehen hatte, hatte er deutlich die grüne Blätterkrone auf dessen Haupt gesehen. „Du kannst heute Nacht hierbleiben“, entschied er versöhnlich. „Aber nur dieses eine Mal. Falls du mich brauchst, ich bin in deiner Kammer.“ Eric nickte ihm dankbar zu.
Thores Leibwache hatte kaum den Stall verlassen, da wurde es noch einmal unruhig. Die Pferdeknechte führten die anderen Stuten mit ihren Fohlen in ihre Boxen. Den Tag hatten die Tiere auf der Weide an der frischen Luft verbracht. Der Stall war erfüllt vom Dröhnen der Hufe, dem hellen Wiehern der Fohlen und den dunkleren Antworten ihrer Mütter. Der kleine Hengst bei Eric stand zitternd auf seinen noch schwachen Beinen und rollte vor Angst mit den Augen. Sanft redete der Junge auf ihn ein und streichelte ihm beruhigend das Fell. „Donnerwetter! Der lebt ja noch“, staunte Delano, der älteste und erfahrenste der Stallknechte, als er zu Eric in die Box sah. Er hatte braunes gekraustes Haar, ein grobes, wettergegerbtes Gesicht mit freundlichen dunklen Augen und eine stämmige untersetzte Figur. Am Halfter führte er eine Fuchsstute, deren Fohlen ihr nicht von der Seite wich. „Ich hätte schwören können, dass der Kleine diesen Tag nicht übersteht. Hast du dafür gesorgt, dass er endlich seine Milch trinkt?“, wandte er sich an Eric. Der nickte stolz. „Gut gemacht!“, lobte Delano. „Er hat gute Eltern. Wäre wirklich schade um ihn gewesen“, fuhr er fort, während er die Stute in die Nachbarbox brachte. „Hat er schon einen Namen?“, fragte Eric neugierig. „Wenn du willst, kannst du ihm einen geben. Du hast ihm immerhin das Leben gerettet“, bot der alte Stallknecht an. „Wirklich?“, fragte Eric ungläubig. „Der Name muss aber mit ‚Di …‘ anfangen. Sein Vater ist Dimaros, einer von Thores besten Hengsten“, erklärte ihm Delano. Eric überlegte. „Wie wäre es mit Diomed?“, fragte er. „Diomed?“ Mehrfach murmelte der Stallknecht den Namen vor sich hin. Es war, als würde ein Weinkenner einen Schluck des edlen Getränks im Mund hin und her wenden, um seine Qualität zu prüfen. „Ein guter Name“, befand er endlich. „Willkommen im Leben, Diomed“, begrüßte er den kleinen Hengst, der aufmerksam mit seinen Ohren spielte. Die anderen Stallknechte riefen Delano zu, dass sie mit ihrer Arbeit fertig seien. „Bleibst du heute Nacht hier?“, fragte der, als er sah, dass Eric keine Anstalten machte, die Box zu verlassen. „Ich darf bei ihm bleiben“, antwortete der Junge und zeigte auf das Fohlen. „Na, dann schlaf gut!“, brummte Delano zum Abschied und zuckte gleichmütig mit den Schultern. Er drehte sich noch einmal um. „Ich bin übrigens Delano. Und wer bist du?“ „Ich heiße Eric.“ „Gute Nacht, Eric“, rief Delano noch einmal und war dann verschwunden. Eric kuschelte sich in das Stroh, auch sein kleiner Freund hatte sich mit zunehmender Ruhe im Stall wieder niedergelassen. „Diomed“, flüsterte Eric glücklich und war bald darauf eingeschlafen.
Thore wandelte grübelnd mitten in der Nacht durch den stillen Palast. Wie alle Götter brauchte er nur sehr wenig Schlaf. Doch in dieser Nacht konnte er keine Ruhe finden. Wie wütend Fraya auf ihn war, hatte sie ihm gezeigt, indem sie ihm den Zutritt zu ihren Gemächern verwehrt hatte. Die große Göttin griff nur äußerst selten zu dieser drastischen Maßnahme, um Thore ihren Zorn spüren zu lassen. Zum letzten Mal war das vor fünfundzwanzig Jahren vorgekommen. Doch damals hatte Fraya Thore Unrecht getan. Er war nicht einem seiner flüchtigen Abenteuer mit einem schönen Menschenkind gefolgt, sondern einem schändlichen Betrug aufgesessen. Doritan, das reiche und grüne Königreich in Osiat, war von der weißen Pest heimgesucht worden. Rasend schnell hatte sich die Seuche ausgebreitet und innerhalb nur eines Monats ganze Dörfer und Städte entvölkert. In ihrer Not hatten sich die Menschen an die große Göttin gewandt und sie um ihre Hilfe angefleht. Fraya hatte ihre Gebete erhört. Und sie schickte nicht nur ihre heilkundigen Zofen nach Doritan, sondern begab sich persönlich dorthin, um dem Leiden der Menschen schnell ein Ende zu bereiten. Thore war erstaunt gewesen, dass sie bereits nach zwei Tagen wieder zurück in Amesia war. Noch mehr hatte er sich jedoch darüber gewundert, welchen Hunger nach Liebe Fraya aus Osiat mitgebracht hatte. Nächte voll stürmischer Leidenschaft waren gefolgt. Thore war so gefesselt von ihrem veränderten Wesen gewesen, dass er sich nicht daran störte, dass sie ihre Gemächer nicht mehr verließ und er der Einzige war, dem sie den Zutritt zu ihren Räumen gestattete. Nicht einmal ihre Söhne ließ sie zu sich. Nach zweitausend Jahren sollten Yuron und Eyrin wohl in der Lage sein, auch einmal einige Zeit ohne ihre Mutter auszukommen, war ihre wenig liebevolle Begründung gewesen. Außerdem müsse sie sich von den Anstrengungen in Doritan erholen und sei der Ruhe bedürftig. Da war in dem großen Gott der Verdacht gekeimt, dass etwas mit Fraya in Osiat geschehen sein musste. Und zwar nichts Gutes! Nie hätte die Göttin, der sein Herz gehört, ihre gemeinsamen Söhne mit solch einer Kälte behandelt. Zwei Monate war sie bereits wieder in Oskan und doch hatte sie niemand außer Thore zu Gesicht bekommen.
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