Thore verlangsamte den Lauf seines Pferdes und warf Eric wortlos einen Mantel über. Er war viel zu groß für den Jungen und hing an den Seiten weit herunter. Eric hatte Mühe, den schweren Mantel mit seinen klammen Fingern zu halten. Thore gab seinem Schimmel wieder die Sporen. Endlich waren sie durch den Nebel hindurch und auf der anderen Seite der Brücke angelangt. Das Klappern der Hufe hörte auf. Für Eric war es, als wäre das Band zu seiner Kindheit mit dem ersten dumpfen Schritt des Pferdes auf dem ihm unbekannten Land durchtrennt worden. Die Liebe und Wärme seiner Mutter hatte er für immer hinter sich gelassen. Jetzt wollte er nur noch so schnell wie möglich zu einem Mann werden. Nie wieder würde er sich eine Schwäche erlauben und in Tränen ausbrechen. Er nahm sich vor, stark und hart zu werden, um sich niemals wieder so verletzlich zu fühlen. Von seinem Vater erwartete er keine Herzlichkeit. Seit Stunden hielt ihn Thore sicher auf dem dahin galoppierenden Pferd fest. Doch Thores eisenharter Griff hatte nichts Väterliches an sich. Genauso hätte er wahrscheinlich eine unbeseelte Last umklammert, die während eines raschen Ritts nicht vom Pferd rutschen sollte. Die Unnahbarkeit des großen Gottes hatte für Eric auch ihr Gutes. Sie half ihm, seine Trauer und Verzweiflung zu überwinden und beinahe gelassen dem entgegen zu sehen, was kommen würde.
Kurz nach Sonnenaufgang erreichten sie Oskan. Die Stadt schmiegte sich an die sanften Hänge eines Berges, der mitten in Amesia lag. Auf seiner Kuppe standen Paläste aus weißem Stein, die das Morgenrot rosa überhauchte. Der größte und schönste Palast bestand aus drei Flügeln. Eric hatte noch nie ein so großes Gebäude gesehen. An einen riesigen Mittelbau, der von einem prächtigen Giebel bekrönt wurde und in den alle Häuser Trendhoaks hineingepasst hätten, schlossen sich noch zwei Anbauten im rechten Winkel dazu an. Eine aus der Ferne zierlich wirkende Mauer, aus welcher mehrere runde Türme ragten, trennte die Wohnstatt der Götter von der Oberstadt, in der die Kinder der Götter mit ihren Familien in großen schönen Holzhäusern lebten. Pracht und Größe dieser Häuser nahmen ab, je weiter entlegen sie sich von den Palästen befanden. Am Fuß des Götterberges wohnten die entfernten Nachkommen der Götter in der Unterstadt. Eng an eng drängten sich dort die zum Teil sehr einfachen Häuser. Umgeben war Oskan von einer mächtigen Mauer, die nur von den stark bewachten Stadttoren unterbrochen war.
In unvermindertem Galopp sprengte Thore durch die Straßen Oskans immer weiter hin zum Götterberg. Der Hof vor Thores Palast war das Ziel ihres Rittes. Dort war trotz der frühen Stunde schon viel Leben. Dutzende Soldaten und Wachen konnte Eric ausmachen. Auch andere Gestalten liefen dort schon, beladen mit unterschiedlichsten Werkzeugen, Lasten oder Schreibrollen, geschäftig hin und her. Sie alle verneigten sich tief, als Thore von seinem Schimmel stieg. Unsanft zog er Eric vom Pferd. Einem jungen Burschen in ihrer Nähe warf der große Gott die Zügel zu. „Kümmere dich gut um ihn. Er hat einen langen Ritt hinter sich“, befahl er mit strenger Stimme. „Ja, Herr!“, antwortete der Stallknecht ehrfürchtig. Mit Befremden sah Eric, wie Thore dem Schimmel zärtlich den verschwitzten Hals tätschelte. So sanft hatte ihn sein Vater bisher noch nicht behandelt. Der fing auch jetzt nicht damit an. Im Gegenteil. Grob packte er Eric am Arm und stieß ihn zu den Treppen, die zum Palasteingang führten. Das aufkommende Wispern im Hof verstummte sofort unter Thores drohendem Blick. Doch kaum war der große Gott mit dem Jungen im Palast verschwunden, begann die Gerüchteküche zu brodeln, wen Thore da in den Palast gebracht hatte. Einige meinten Thores Augen in dem Gesicht des Jungen gesehen zu haben, hielten sich aber vorsichtshalber mit ihrer Beobachtung zurück. Sie wollten nicht durch das Streuen von Mutmaßungen in Ungnade fallen.
Thore zerrte Eric wortlos mit sich fort. Der Junge hatte Mühe, dem schnellen Schritt des großen Gottes zu folgen. Auf den langen Fluren kamen ihnen viele Diener und Bedienstete entgegen, die sich ehrfürchtig vor Thore verneigten und ihren Blick gesenkt hielten, bis die beiden an ihnen vorüber waren. In Eric machte sich stille Bewunderung für seinen Vater breit. Als sie an einem Bär von Mann vorübergingen, sagte Thore nur „Einulf!“ und fortan folgte ihnen dieser Mann wie ein Schatten. Nach schier endlos langem Marsch durch immer neue Flure erreichten sie endlich eine kleine Tür. Sie führte in eine Kammer, in der eine einfache Holzpritsche, ein Tisch und ein Hocker standen. Thore stieß Eric dort hinein. „Du wirst diesen Raum nur verlassen, wenn man es dir erlaubt“, wies der große Gott seinen Sohn an. „Vater, du kannst mich doch nicht hier einsperren?“, antwortete Eric entgeistert. Er war noch nie eingesperrt gewesen und wusste nicht, warum ihn sein Vater wie einen Gefangenen behandeln wollte. Statt einer Antwort erhielt er eine gewaltige Ohrfeige. Krachend landete er an der Wand der Kammer. Für Thore war es nur ein Klaps gewesen, aber Eric war, als würde ihm der Kopf von den Schultern fliegen. „Sage nie wieder Vater und DU zu mir!“, herrschte ihn Thore an. „Aber …?“ „Nie wieder!“, wiederholte Thore drohend. Krachend schlug die Tür zu. Fassungslos sah Eric zu der geschlossenen Tür.
„Du machst ihn zu einem Krieger Oskans! Und bringe ihm Benehmen bei!“, befahl der große Gott Einulf zornig. Der verneigte sich wortlos vor seinem Herrn. Einulf war ein Sohn Martans und Thores persönliche Leibwache, obwohl der große Gott eigentlich niemanden brauchte, um ihn zu beschützen. Er war ein ausgezeichneter Streiter, groß, hatte die starken Arme und die breitet Brust eines Schwertkämpfers und war seinem Herrn absolut treu ergeben. Thore schätzte an ihm vor allem seine Verschwiegenheit und dass er kein Freund vieler Worte war. Lästige Schmeicheleien und wortreiche Erklärungen brauchte Thore von ihm nicht zu fürchten. Auch Widerspruch war von ihm nicht zu erwarten. Ergeben führte er jeden Befehl zuverlässig aus. Auch manch heikle Angelegenheit hatte Einulf schon im Sinne seines Herrn erledigt. Er war über die lange Zeit in Thores Diensten fast schon ein Vertrauter des großen Gottes geworden. Nun war er wieder mit einer heiklen Angelegenheit betraut worden, wie er schnell erkannt hatte. Thore hatte seinen unehelichen Sohn im hintersten Winkel des Palastes untergebracht, um ihn möglichst weit von seiner Frau Fraya und ihren gemeinsamen Söhnen Yuron und Eyrin fernzuhalten. Einulf sollte die Erziehung des Jungen übernehmen. Warum der große Gott den Jungen überhaupt nach Oskan geholt hatte, erschloss sich Einulf aber nicht. Doch er war es gewöhnt, keine Fragen zu stellen.
Aufgebracht stürmte Thore durch den Palast zu seinen Gemächern. Er hatte sich verschätzt. Er hatte noch vor Sonnenaufgang in Oskan sein wollen. Niemand sollte sehen, dass er den Jungen bei sich hatte. Hätte er den Weg über seinen heiligen Baum nehmen können, wäre ihm das auch ohne Weiteres gelungen. Aber so einen magischen Ritt hätte der Körper des Jungen womöglich nicht verkraftet und so hatte er den Weg nach Oskan ganz normal reiten müssen. Doch obwohl er sein Pferd fast bis zur Erschöpfung getrieben hatte, waren sie zu spät angekommen. Sowohl in Oskan selbst als auch im Palasthof hatten viele Eric gesehen. Die Nachricht von ihm würde bestimmt schon zu Fraya gedrungen sein. Dabei hatte er sie schonend darauf vorbereiten wollen, dass und warum Oskan einen neuen Bewohner bekommen hatte und wer dieser sei. Wie er Klatsch und Tratsch im Palast hasste. Zwar hatte er mit rigiden Gesetzen versucht, diese Unart der Menschen zu unterbinden, die viele Götter und Halbgötter nur zu gern übernommen hatten. Aber so ganz war ihm das nicht gelungen. Doch Fraya war auf den Klatsch gar nicht angewiesen. Thore war am Vortag plötzlich aus dem Palast verschwunden. Man hatte sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass in Osiat jemand eine Fackel an einen von Thores heiligen Bäumen geworfen hatte. Es war für sie selbstverständlich, dass sich ihr Mann um diesen Frevel selbst kümmern wollte. Doch als er am Abend noch immer nicht zurück war, hatte sie besorgt nach ihm Ausschau gehalten. Auf der Brücke zwischen Osiat und Amesia hatte sie ihn entdeckt. Er ritt wie gehetzt, vor sich im Sattel einen Jungen. Der hielt den Blick nicht gesenkt und seine Tränen ließen seine Augen intensiv in dem schwachen Licht leuchten. Da wusste Fraya, wer vor ihrem Mann auf dem Pferd saß.
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