„Wir dürfen nicht vergessen, nachher noch das Bett zu zerwühlen“, begann sie, „glatte Kissen machen immer einen sehr verdächtigen Eindruck.“ Sie sah ihn achselzuckend an. „Willst du mir Fragen stellen oder soll ich einfach so losquatschen?“
„Fang mal an. Fragen stell ich dir später.“
„Na gut. Wie du willst.“ Bianca atmete tief ein und aus. „Ich bin in einer Jugendstilvilla in Paderborn aufgewachsen. Meine Eltern waren ultrakonservativ und betrachteten mich als Höhere Tochter, die…“ -sie unterbrach sich plötzlich- „sag mal, weißt du überhaupt was das ist? Und wie soll ich dich eigentlich nennen? Wir machen hier schließlich nicht nur eine schnelle Nummer.“
Jakob unterdrückte nur mühsam seinen Ärger darüber, dass eine, im Vergleich zu ihm, noch junge Frau ihn auf diese Weise ansprach. Nicht einmal Louise hätte sich das getraut. „Ich heiße Jakob“, antwortete er jedoch beherrscht, „und ich weiß was eine Jugendstilvilla ist, wo Paderborn liegt und mit einer Höheren Tochter bin ich seit über dreißig Jahren verheiratet.“
„Tschuldigung, Jakob. Aber ich habe noch nie darüber gesprochen. Es ist für mich wie eine Zeitreise zurück in meine Kindheit.“ Sie leerte ihr Glas in einem Zug.
„Bestell dir gern noch was“, ermunterte er sie.
„Vielleicht später. Ich wurde also von jeder Arbeit freigestellt, denn meine einzige Aufgabe bestand darin, einmal eine gute Hausfrau, Gattin und Mutter zu werden. Darauf war meine ganze Erziehung und Schulbildung ausgerichtet. Ich war sogar zwei Jahre in einem Mädchenpensionat in der Schweiz. Als ich zurück kam musste ich Bälle, Abendgesellschaften und Kränzchen besuchen. Anfangs wusste ich nicht, warum das alles, bis mir endlich ein Licht aufging. Man wollte mich unter die Haube bringen.“
„Und dann bist du irgendwann ausgebrochen“, fuhr ihr Jakob in die Parade, der Geschichten über Paderborn noch nie als sehr aufregend empfunden hatte.
„Ja. Plötzlich gab es da einen Typen aus verbürgerlichtem Adel, dem ich immer häufiger begegnete. Unsere Eltern hatten das arrangiert. Dabei konnte ich den Kerl nicht leiden. Die Vorstellung für diese Knalltüte im Ehebett die Beine breit machen zu müssen, damit er dann später im Golfklub mit seiner Männlichkeit prahlen konnte, hat mich wahnsinnig gemacht. Stell Dir vor Jakob, dieser Mann war fast doppelt so alt wie ich und hatte in seinem Leben nie etwas gearbeitet. Dass sich so jemand überhaupt reproduzieren darf. Ich wollte jedenfalls nicht die Brutmaschine sein. Also hab ich mich abgesetzt. Bei Nacht und Nebel, wie es so schön heißt. Sag mal, gibst du noch einen aus?“
„Hab ich doch schon gesagt.“
„Ich kann aber diese Prickeljauche nicht mehr vertragen.“
„Hier, nimm meinen Gin Tonic, der hat etwas mehr Body.“
Sie bediente sich augenblicklich. „Oh, das tut gut. Privat trinke ich meist Pernod.“
„Dann haben wir einen ähnlichen Geschmack. Ich bevorzuge Ouzo. Was hältst du davon, wenn wir uns nächstes Mal in einer Kneipe oder Cafe treffen. Ich zahle dir dann dreihundert und die Zeche. So haben wir beide etwas davon. Oder kannst du hier nicht raus?“
„Aber klar doch, das können wir alle, nur die Kleinen…“ Sie hielt sich den Mund zu und sah erschrocken auf die Kristalllampe über dem Bett.
„Haltet ihr Kinder vor, für die Pädophilen?“
Sie nickte verlegen. „Bitte, sag niemandem etwas, sonst bin ich tot.“
„Keine Sorge, das ist für mich auch nicht weiter interessant“, log er. „Alle anderen können aber raus?“
„Ja, selbst die aus Osteuropa, die sich praktisch nie waschen. Paul hat ihre Papiere kassiert. Sie kommen immer wieder.“
„Deine auch?“
„Was?“
„Papiere.“
„Nein, ich könnte mir ja problemlos neue besorgen.“
„Aber du bleibst trotzdem?“
„Ja. Hier geht es mir gut. Ich werde fast nie geschlagen und darf mich immer noch um die Kundschaft kümmern.“
Wie viele habt ihr von den Kleinen?“
„Ich denke, dass interessiert dich nicht?“
„Nur so am Rande.“
Sie hielt drei Finger hoch und sah ihn traurig an. „Zwei Jungs und ein Mädchen. Weißt du, ich habe heute keine Lust mehr. Lass uns aufhören. Wenn du willst, treffen wir uns Morgen, da ist mein freier Tag, im Captain`s Dinner. Wir sind da ungestört. Weißt du wo das ist?“
„Irgendwo an den Landungsbrücken.“
„Ja, Brücke drei.“
„Und wann?“
„Nicht so früh. Ich muss endlich mal wieder ausschlafen.“
„Neun Uhr abends?“
„Geht klar.“
Während sie bereits das Bett zerwühlte, sagte er noch: „Dreihundert für zwei Stunden plus Essen und Getränke satt.“
Sie nickte nur abwesend.
***
Louise war von ihren Eltern dazu erzogen worden, ihrem zukünftigen Mann eine gute Frau zu sein. Dieser Verpflichtung war sie auch ihr ganzes Eheleben nachgekommen. So hatte sie sich ihm nie verweigert wenn er Verlangen nach ihr verspürte, was glücklicherweise in der letzten Zeit immer seltener der Fall war. Sie bekochte ihn und hielt seine Kleidung sowie die Wohnung sauber. Was konnte ein Mann schließlich mehr verlangen? Sie hatte sogar zugestimmt als er mit ihr, aus Kostengründen, in dieses fürchterliche Quartier gezogen war. Ein Arbeiterviertel, das geprägt war durch eintönige Massenbauten sozialer Wohnungsbaugesellschaften.
Wenn es sich ergab, unterhielt sie sich auch mit ihm, doch fast immer nur über Tagesereignisse, die durch Zeitungen, Radio und Fernsehen auf sie einströmten. Jakob vertrat dabei regelmäßig eine konträre Meinung zu den Ansichten, welche die Schreiberlinge und Kommentatoren dieser Mainstream Medien verkündeten. Er beschimpfte diese häufig lauthals, was sie eigentlich nie so richtig verstanden hatte, da die Beleidigten doch nichts davon mitbekamen. Sie akzeptierte es schließlich als eine Marotte von ihm und war im Grunde froh, dass diese Aggressivität sich nicht gegen sie richtete, was in anderen Ehen durchaus nicht unüblich war, wie sie von einigen Freundinnen wusste.
Durch dieses pflichtbewusste Verhalten hatte sie sich eine sorgenfreie Existenz gesichert, in der nie von finanziellen Engpässen oder Trennungsabsichten die Rede war. Leider war sie nicht so schlicht gestrickt, als dass dieses, doch recht ereignislose Leben, sie hätte ausfüllen und glücklich machen können. Da sie auch keine Kinder hatten, um deren Zukunft sie sich sorgen konnte, hatte sie bereits vor längerer Zeit damit begonnen Träume zu realisieren, die ihren angetrauten Gatten Jakob nicht mit einschlossen.
Dieser zwängte sich indessen aus dem Bus, der mit weiteren erschöpften Werktätigen überfüllt war und eilte beglückt seinem trauten Heim entgegen. Wenn er in seine Wohnung zurückkehrte vermittelte er Louise immer den Eindruck, froh darüber zu sein sich endlich wieder in den eigenen vier Wänden aufhalten zu dürfen. Er wusste, diese Anerkennung bestätigte sie in ihrem Tun und gab ihr neue Kraft für die zukünftige Erfüllung ihrer Pflichten. Jakob umarmte sie kurz und ließ sich dann in einen Sessel fallen. „Zuhause ist es doch am Schönsten“, seufzte er zufrieden. „Ach ja, da fällt mir ein, morgen kann ich ausschlafen. Ich muss für einen erkrankten Kollegen einspringen und dessen Nachtschicht übernehmen.“
„Hattest du einen schweren Tag“? fragte sie scheinbar teilnahmsvoll, obgleich sich ihre Gedanken in weiter Ferne befanden.
„Ach Louise, ich bin schließlich nicht mehr dreißig“, antwortete er leicht genervt, womit er weder sich noch ihr neue Einsichten vermittelte. Als sie später ins Bett gingen, schlief er sofort ein, während sie noch lange ihren Träumen nachhing.
***
Kurden-Paul wusste nicht so recht ob er mit dem Tag zufrieden sein sollte oder nicht. Es war ihm zwar gelungen die beiden Bulgarinnen an die Hells Angels zu verkaufen, man hatte ihn jedoch gezwungen einen erheblichen Preisnachlass zu gewähren. Statt der verabredeten vierzig Mille hatte er nur dreißig kassiert. Die Rocker waren zu Dritt in seinem Büro erschienen und verlangten sofort die Ware zu sehen. Er hatte die Frauen kommen lassen, worauf ihr Anführer von ihnen forderte sich sofort auszuziehen. Er kaufe schließlich keine verpackten Ärsche und Titten, hatte er grinsend erklärt. Als die ältere der Beiden dagegen protestierte, hatte er ihr ansatzlos mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen, so dass ihr Kopf mit großer Wucht gegen eine Schrankecke geschleudert wurde, und sie besinnungslos zu Boden sackte.
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