Wie immer sahen Straßen und Etablissements des größten Hamburger Vergnügungsviertels zu dieser frühen Stunde erbärmlich aus. Der müllschluckende Wagen der Stadtreinigung vermittelte noch den vertrauenswürdigsten Eindruck. Kilian stoppte vor einem Hauseingang, der direkt gegenüber Kurden-Pauls Club lag. Er drückte einen Klingelknopf der obersten Etage, mit der Aufschrift Gerda + Laura Schmidt. Die Sprechanlage schien nicht zu funktionieren. So stieg er, nachdem der Summer ertönt war, auf der knarrenden Holztreppe bis in den dritten Stock. Eine aufgeweckte Brünette hielt bereits nach ihm Ausschau als er sich die letzten Stufen hochquälte. Er zauberte ein Sonntagslächeln in seine Gesichtszüge und wurde zu seinem Erstaunen sofort hereingebeten, als er von einem interessanten Angebot sprach, das er zu machen hatte. In der Wohnung tauchte plötzlich ein weiteres weibliches Wesen auf, ein eher sportlicher Typ, das ihn argwöhnisch betrachte, dessen Züge sich aber verklärten, nachdem er wohl als harmlos eingestuft worden war. Das wird Gerda sein, schoss es Jakob durch den Kopf, da er Laura bereits der Brünetten zugeordnet hatte.
Man bat ihn in einem Wohnzimmer Platz zu nehmen, dessen Einrichtung komplett aus einem Ikea-Katalog stammte. Insbesondere an die Billy-Regale konnte er sich noch gut erinnern, da er sie selbst einmal besessen hatte.
Nachdem er zehn Minuten auf die Wohnungsinhaberinnen eingeredet hatte, wobei er beiläufig einige 500 Euro Noten vor sich auf den Tisch legte, war es ihm ohne große Mühe gelungen, dieses Zimmer, mit Blick auf die Große Freiheit, für drei Wochen zu mieten. Immer nur für acht Stunden täglich im wöchentlich wechselnden 3-Schicht Zyklus. Das lesbische Pärchen war so schnell einverstanden, dass er sicher war zu viel bezahlt zu haben. Er bestand auf einem eigenen Wohnungsschlüssel, erklärte, der erste Tag würde jetzt sofort beginnen und bezahlte die Miete im Voraus. Nachdem man ihm noch die Toilette gezeigt hatte, setzte er sich ans Fenster und konzentrierte sich auf den Eingang zu Kurden-Pauls Nutten-Tempel. Er fotografierte jede Person die dort ein und aus ging, bei Ankunft und Verlassen des Lokals, und notierte akribisch die entsprechenden Uhrzeiten. Erstaunt war er über den regen Lieferverkehr mit der großen Anzahl von Fahrzeugen, die vor dem Club hielten. Produkte wie Getränke aller Art, Feinkostartikel sowie Kartons deren Inhalt er nicht identifizieren konnte wurden hereingetragen. Ein Wäscheservice lieferte saubere Handtücher und Bettwäsche. Als aus einem Ford-Kombi zwei arabisch anmutende Gestalten stiegen und mehrere aufgerollte Teppiche ins Haus trugen, empfand er das doch schon als sehr merkwürdig. Er notierte sich vorsorglich das Kennzeichen des Fahrzeugs. Danach erledigte ein Angestellter der Firma H.G.Müller, Klempnerei und Installation, in siebenundvierzig Minuten erforderliche Reparaturarbeiten. Dann erschien ein schwerbepackter Postbote und verschwand im Eingang.
Jakob, der eben noch darüber nachgedacht hatte ob der Klempnergeselle wohl einen verstopften Abfluss reinigen musste, weil die osteuropäischen Nutten alles was sie nicht mehr benötigten im Lokus entsorgten, war echt erstaunt, als der Briefträger nach knapp drei Minuten, praktisch ohne Gepäck, wieder auftauchte. Sicherheitshalber mache Jakob noch einige Aufnahmen zusätzlich. Gegen 14 Uhr erschienen die ersten Mädchen. Von Gästen und Kunden war bisher noch nichts zu sehen. Punkt 16 Uhr hielt ein schwarzer Rolls Royce Corniche vor dem Club. Der Fahrer stieg aus, öffnete mit einer Verbeugung die hintere Tür und Kurden-Paul erschien auf der Bildfläche. Jakob erkannte ihn sofort. Wochenlang hatte er die Titelseiten der Boulevardpresse verunziert. Die Presse liebte Mörder und gestrauchelte Politiker, weil sie die rückläufigen Auflagen zumindest kurzfristig stabilisierten. Kurden-Paul war das personifizierte Klischee eines Zuhälters. Weißer Maßanzug, schwarzes Hemd, weiße Krawatte. Zweifarbige italienische Schuhe, Sonnenbrille, protzige Ringe an den Fingern, sowie ein Goldkettchen am rechten Handgelenk. Am linken blitzte eine große Uhr, wahrscheinlich eine Rolex dachte Jakob, der eifrig seine Fotos machte. Inzwischen stolzierte Kurden-Paul, in Begleitung zweier bulliger Typen, in seinen Club, in dem ihm ein aufmerksamer Angestellter diensteifrig die Tür aufriss.
Wahrscheinlich seine Leibwächter, dachte Jakob. Da ihn der Hunger plagte, entnahm er seiner Aktentasche einige Pausenbrote, die ihm Louise in wiederverwertbares Pergamentpapier gewickelt hatte. Während er sämtliche Aufnahmen auf seinen PC kopierte, betrachtete er, wurstbrotkauend, zufrieden die fotografische Ausbeute des heutigen Tages. Um 17 Uhr verließ er die Wohnung, begab sich auf die andere Straßenseite und betrat das Etablissement Kurden-Pauls.
Azad Sabri erinnerte sich immer wieder gerne an seine beruflichen Anfänge in diesem Land. Angelockt durch die glitzernde Konsumwelt war sein Vater mit der Familie in den Westen gezogen. Für die erste Zeit wollte man Verwandte aufsuchen, die bereits länger in Deutschland lebten. Sie sprachen neben türkisch auch alle fließend arabisch, da sie aus der Gegend um Mardin stammten, im Südosten der Türkei, nahe der syrischen Grenze. Gemeinsam mit seinen Eltern und drei Schwestern war er 1992 im Hamburger Flughafen in die Bundesrepublik eingereist. Beim Grenzschutzamt hatten sie einen Asylerstantrag gestellt. Ihre türkischen Reisedokumente wurden einbehalten und man verwies sie zur Fortführung des Asylverfahrens an die Hamburger Ausländerbehörde. Sein Vater dachte jedoch nicht daran dieser Aufforderung nachzukommen und umging auch die erkennungsdienstliche Behandlung. Sie reisten vielmehr nach Berlin, wo ihre Verwandten wohnten, und begaben sich zu der dortigen Ausländerbehörde, wo sie unter anderem Namen einen zweiten Asylantrag als Staatenlose stellten. Durch diese Weitsicht seines Vaters verfügten sämtliche Mitglieder der Familie, jetzt über zwei unterschiedliche Identitäten und bezogen doppelte staatliche Sozialleistungen. Inzwischen hatte man sich mit zwei anderen Familien zusammen getan und lebte als Clan in Neukölln. Innerhalb dieser Gemeinschaft herrschte eine bedingungslose Solidarität, sowie eine extreme Abgrenzung gegenüber Fremden. Jeder, der nicht zum Clan gehörte war ein potentieller Feind. Das begann mit der deutschen Polizei. Die Gesetze die sie durchsetzen wollte, waren für die Clan-Mitglieder ohne jede Bedeutung. Selbst die Kinder hatten das bereits begriffen und fürchteten mehr den Zorn ihrer eigenen Leute als die Drohungen der uniformierten Bullen.
Azad Sabri war stolz auf seine Familie. Sämtliche Mitglieder trugen zum gemeinsamen Einkommen bei. Selbst die jüngsten, strafunmündigen, leisteten ihren Beitrag durch Diebstähle oder Einbrüche. Besonders bewunderte er die jungen Frauen. Sie machten sich die krankhafte politische Korrektheit in diesem Land zunutze und verdienten ihr Geld mit angeblichen rassistischen Äußerungen der Opfer, die sie sich ausgesucht hatten. „Er hat mich diskriminiert und Türkensau zu mir gesagt“, schrien sie immer wieder im vollen Supermarkt. Wenn der genervte Filialleiter dann die Polizei holte, musste der Beschuldigte seine Unschuld beweisen. Konnte er das nicht – und wie sollte er auch – musste er einen angemessenen finanziellen Ausgleich bezahlen. Dies schrieb das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vor. Die Frauen pflegten bereits langfristige Kooperationen mit Anwälten, welche die Entschädigungen und ihre Honorare eintrieben.
Was für wunderbare Gesetze, dachte Azad gerührt. Die Einnahmen aus diesem Geschäft stiegen jährlich mit zweistelligen Zuwachsraten. Er selbst handelte, wie die meisten männlichen Clan-Mitglieder auch, mit Rauschgift und mit Frauen. Daher war er auch nie eine feste Beziehung eingegangen. Er wollte sich genau so wenig von ihnen abhängig machen wie von seinen Amphetaminen die er mit großem Gewinn verkaufte. Im Übrigen hatte ihn sein Vater wissen lassen, dass, wenn die Zeit gekommen sei, er ihm eine standesgemäße Frau zuführen würde, mit der er eine Familie gründen könnte.
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