Tado hatte den Umfang des Fluchtweges und die Gefahren, die er barg, selbst miterlebt, und so bewunderte er Yala umso mehr, dass sie allein diese Möglichkeit, aus der Stadt zu entkommen, entdeckt oder vielmehr entwickelt hatte, was jedoch das Entsetzen, das bei ihren Worten in seinem Innern entflammte, nicht zu löschen vermochte.
„Du willst mitten in die Hände des Feindes laufen?“, fragte er mit einem Ton, als zweifle er an ihrem Verstand. Yala schien dies nicht zu gefallen.
„Ich gehöre nicht nach Akhoum“, antwortete sie. „Ebenso wenig gehöre ich nach Syphora. Aber genau aus diesem Grund ist keine der beiden Städte mein Feind, oder vielmehr sind beide mein Feind. Welchen Unterschied macht es, ob ich hier rechtlos gefangen gehalten werde oder dort? Denn die Leute aus Syphora würden mich nicht töten, stattdessen versklaven sie Fremde, um Arbeitskräfte zu gewinnen, sodass sie mehr Bewohner für den Krieg zur Verfügung haben. Sag mir also, welche der beiden Städte mein Feind ist.“
Tado konnte es nicht. Auch vermochte er nicht, Yalas Ausführungen zu widersprechen.
„Aber es gibt doch sicher noch andere Städte in diesem Land.“
„Ich habe dir doch bereits gesagt, warum ich nach Syphora gehen muss. Glaube mir, ich kann mir wahrlich Angenehmeres vorstellen, als hunderte Kilometer weit durch nahezu menschenleeres Gebiet zu laufen, aber...“
Plötzlich klopfte es ungeduldig und heftig an der Tür. Yala wies Tado an, sich irgendwo zu verstecken, und öffnete dann hastig. Er konnte nicht sehen, wer die Person war, die im Gegenlicht des Sonnenuntergangs im Eingang stand, aber er verstand die Worte, die er mit ihr wechselte.
„Was ist?“, fragte Yala. Ihre Stimme klang so sicher, als wäre tatsächlich alles wie immer.
„Ich bin nur hier, um eine Botschaft zu übermitteln.“ Die fremde Stimme besaß einen kühlen Klang, und sie war eindeutig männlich. „Herodun verlangt dich zu sehen.“
„Herodun? Was will er von mir?“ Sie wirkte nun sichtlich nervös.
„Ich bin nicht befugt, diese Frage zu beantworten. Er will dich sehen. Sofort.“
Mit diesen Worten verschwand der Fremde und die Tür schloss sich mit einem Knall. Yala lehnte sich mit dem Rücken gegen das Holz.
„Wer ist Herodun?“, fragte Tado, nach einigen Sekunden des Schweigens.
„Herodun ist so etwas wie der Statthalter Akhoums. Er hat die Macht über alles, was zum Hoheitsgebiet gehört.“
„Warum sollte er dich sprechen wollen, ich dachte, Frauen besitzen hier kaum Rechte?“
„Ich habe dir vorhin nicht alles erzählt“, entgegnete Yala. „Bei der Gruppe von Kriegern, die mich damals fand, war auch Herodun mit dabei. Als sie eine Rast einlegten, reichte man ihm die Frucht der Dornpflaume. Ich hatte zuvor, denn ich war bereits eine Zeitlang bei Bewusstsein gewesen, eine Eidechse dabei beobachtet, wie sie davon fraß und anschließend verendete. Also warnte ich Herodun, sie zu essen. Er gab sie daraufhin einem Sklaven, und dieser starb wenig später. Da Herodun mir also sein Leben verdankte, genoss ich eine Art Sonderstellung in Akhoum.
Warum er mich jetzt allerdings sehen will, weiß ich nicht. Normalerweise spricht er nur mit wichtigen Leuten.“
Tado registrierte ein wenig entsetzt, wie beiläufig Yala erwähnte, dass auch Herodun Sklaven besaß.
„Bist du bereit? Wir müssen los“, sagte sie plötzlich.
„Warum muss ich mitkommen?“, fragte er verwundert.
„Ich kenne dich erst seit wenigen Stunden, da werde ich dich wohl kaum allein in meiner Wohnung lassen“, erwiderte sie ungerührt.
„Ich dachte, ich werde getötet, sobald ich gesehen werde.“
„Wie ich bereits sagte, in der Stadt sind wir relativ sicher. Hier leben so viele Menschen, dass unmöglich jemand alle kennen kann und daher fällt ein Fremder nicht auf.“
„Was ist mit Herodun? Er wird sicher misstrauisch, wenn du nicht allein kommst.“
„Vertrau mir einfach“, sagte Yala nur.
„Das fällt mir sehr leicht, wo mir doch auch uneingeschränkter Verlass zuteilwird.“
Sie überging die sarkastische Bemerkung mit einem undeutbaren Blick und drängte ihn zur Eile, angeblich sei der Statthalter nicht sehr geduldig, und es waren bereits einige Minuten vergangen, seit sie die Nachricht erhalten hatten.
Im Licht der untergehenden Sonne wirkte die Stadt viel größer als am Tag. Die Gebäude warfen zum Teil beängstigende Schatten. Einige große Vögel flogen über die Dächer hinweg. Nur wenige Menschen bewegten sich durch die Straßen, die Luft war angenehm kühl. Es roch jedoch an manchen Stellen geradezu unerträglich nach Abfall. Tado war es ein Rätsel, wie man sich an einem Ort wie diesem zurechtfinden konnte; die Wege besaßen meist eine unterschiedliche Breite, es ließ sich kein Muster erkennen, nach dem die Häuser angeordnet waren, scheinbar wahllos ragten sie aus dem festgetrampelten, trockenen Boden, aus dem nur gelegentlich einige, meist verdorrte Pflanzen ihre Triebe stießen.
Yala führte ihn jedoch zielsicher auf den nordöstlichen Rand Akhoums zu. Dort erhob sich im fahlen Schein des langsam aufgehenden Mondes eine Burg gegen den Himmel. Ihre Außenwände verschmolzen mit der Stadtmauer, eine recht steile Treppe bot einen Zugang zu dem niedrigen Hügel, auf dem sie erbaut war und auf dessen Hängen mehrere schmale Wälle die Sicht behinderten.
Ein offenes Tor gab den Blick in einen gut sieben Meter langen Torgang frei, was Tado auf die ungefähre Dicke der Burgmauer schließen ließ. Auch konnte er, als sie den Eingangsbereich betraten, die metallenen Spitzen eines in der Decke verborgenen Fallgatters sehen, und er verspürte eine gewisse Erleichterung, als sie es unbeschadet passierten und es nicht auf seinen Kopf herunterfiel und ihn in zwei Hälften teilte.
Yala steuerte nun eines der Gebäude im Innenhof der Burg an. Es war das einzige, in dem noch Licht brannte, denn mittlerweile, nach über einer Stunde Fußmarsch durch die Stadt, die hunderttausende Menschen beherbergen musste, stand der Mond hoch am Himmel, und die Sterne verblassten in seinem Licht zu unbedeutenden Schemen. Sie durchschritten eine kleine, zweiflügelige Tür, die in eine relativ niedrige Halle führte, deren Decke durch steinerne Säulen an vier Stellen abgestützt wurde. In der Länge maß sie vielleicht dreißig Meter, in der Breite gerade einmal halb so viel. Rechteckige Fenster durchbrachen die Wände zu beiden Seiten. Fackeln tauchten den Raum in ein dumpfes Licht, der stumpfe Boden verschluckte ihre Schritte. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich zwei Türen links und rechts eines gewaltigen Kamins, von dessen einstigem Feuer nur noch eine spärliche Glut brannte. In dieser vagen Helligkeit zeichnete sich der Umriss einer Person ab, die ihren Blick unentwegt auf den Boden geheftet hatte, und erst hochsah, als sie bis auf wenige Schritte herangekommen waren. Vier schwer bewaffnete Wachen standen in unmittelbarer Nähe und betrachteten das folgende Geschehen mit wachsamen Augen.
„Ihr wolltet mich sprechen?“, begann Yala. Ihre Worte verloren sich beinahe in der fast leeren Halle.
„Ja. Und du kommst spät“, antwortete Herodun. Seine Stimme hallte durch den Raum, obwohl er nicht sehr laut gesprochen hatte. „Und du kommst auch nicht allein“, stellte er nach einer weiteren Sekunde fest.
„Es ist gefährlich, des nachts allein durch die Straßen zu gehen“, ließ Yala vernehmen. Auf dem Weg zur Burg hatte sie Tado zu verstehen gegeben, auf keinen Fall unaufgefordert zu sprechen, und so hielt er sich zurück und versuchte, den Gesichtsausdruck der Wachen nachzuahmen, um zumindest den Anschein eines Kriegers zu erwecken.
Herodun schien sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben zu wollen, wechselte dennoch das Thema, offensichtlich wollte er nicht noch mehr Zeit verlieren: „Ich habe eine schlechte Nachricht für dich. Man hat dich heute Morgen im Waffenlager gesehen.“
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