Sascha Berg sah mit seiner Glatze, der kleinen Figur, den tiefen Falten und Narben in seinem Gesicht schon eher aus wie ein Schiffskoch auf einem Piratenkahn. Doch er arbeitete in der Küche des Seniorenstifts Moselblick. Er saß viele Jahre im Gefängnis, wegen mehrfacher Körperverletzung mit Todesfolge. Nach einigen Jahren guter Führung bekam er eine Ausbildung in der gefängniseigenen Kantine. Dort lernte er in großen Mengen und riesigen Kochgefäßen mit wenigen Mitteln, Einheitsbrei herzustellen, also die Speisung der Zehntausend mit zwei Fischen und fünf Broten. Das war genau passend für seine jetzige Stellung. Doch die hatte er sich nicht so ganz gradlinig besorgt. Er wusste über eine Mitbewohnerin seines Wohnhauses von den lesbischen Beziehungen von Frau Liebenstein und das nutzte ihm, ein Vorstellungsgespräch zu bekommen und ausgewählt zu werden.
„Sascha, da ist jemand für dich an der Laderampe, er sagt, es sei wichtig“, sagte einer seiner Hilfsköche.
Sascha ging gemächlich, mit seinem vor Kraft und Muskeln strotzenden Körper, durch die Lagerregalreihen zur Laderampe. „Was willst du hier, David?“, fragte Sascha leise.
„Wir brauchen bis nächsten Mittwoch 250 Kilo Schweinefleisch und 100 Kilogramm Pommes frites, kannst du liefern, Berg?“, fragte der junge Mann in Arbeitsklamotten mit leichtem russischem Akzent.
„Hm, das ist sehr kurzfristig. Ich werde trotzdem sehen, was sich machen lässt. Ruf mich am Sonntag mal zu Hause an, David, okay?“
„Gut, du weißt jedoch, der Chef wird richtig sauer, wenn man ihn enttäuscht.“
„Ja, ja. Der soll mal ganz ruhig bleiben!“
Sascha Berg ging wieder in seine Küche, um die 200 Portionen für heute fertig zu stellen. Es war zehn Uhr morgens. Die ganze Großküche roch nach Zimt. Wasserdampf schwebte in der Luft. Griesbrei mit Zimt und Kirschen stand heute auf dem Speiseplan. Um zehn Uhr war das Mittagessen praktisch für die Ausgabe fertig. Es blieb also jede Menge Zeit übrig. Nach einer ausgiebigen Frühstückspause mit Kaffee und einem deftigen Schinken-Eier-Frühstück durchforstete er die Lagerhallen nach Schweinefleisch in den Tiefkühlern. Er packte das eine oder andere in Tiefkühleinheiten um, die näher an der Rampe waren. Dies sollte sein kleines Zubrot für heute sichern. Sie hatten eine kleine eigene Fleischereiabteilung. Manchmal wurden halbe Schweine angeliefert und in den silbrig glänzenden Räumen selbst verarbeitet. Das war billiger.
„Sascha, Saaaschaaa“, schallte der Ruf eines der Hilfsköche durch die Halle.
„Was ist denn nun schon wieder, könnt ihr denn nicht mal fünf Minuten ohne mich klarkommen“, fluchte Sascha.
„Die Pflegeverwaltung hat angerufen. Heute kommen zehn Neuankömmlinge. Kriegen wir die zehn Portionen extra hin oder müssen wir nachkochen“, fragte der junge Mann fast ängstlich.
„Ach was, das wird gestreckt, kriegen eben alle ein paar Kirschen weniger. Die essen eh nix“, entgegnete Sascha Berg.
„Hier ist ein Umschlag für dich abgegeben worden.“ Der Hilfskoch streckte Sascha einen weißen Umschlag entgegen. Dieser öffnete ihn und las.
Sascha rieb sich mit der linken Hand am Hals und im Gesicht. „Danke, Max. Ich muss jetzt etwas für den Wochenspeiseplan erledigen. Kriegt ihr das mit den 210 Portionen hin oder braucht ihr ein Kindermädchen?“
„Nein, Chef, wollte ja nur gefragt haben.“
Der Tag raste nur so dahin. Draußen wurde es langsam dunkel und Zeit Feierabend zu machen. Sascha Berg hatte seine Fleischrationen der Woche aus den Schweinehälften fertig zerkleinert und in die Gefriertruhen aufgeteilt. Er wusch sich im Waschraum die Hände, hing seine blutige Fleischerschürze an den Haken und ging zu seinem Fahrrad. Über den Hof sah er Anna Liebenstein, auch liebevoll A.L. genannt, ziemlich aufgedonnert unter der Hoflaterne gehen.
„Donnerwetter, die sieht ja heute zum Anbeißen aus. Was hat die denn vor? Die Neugier und die Gelegenheit ihr mit dem Fahrrad unauffällig folgen zu können, taten ihr Übriges. Sie klackerte mit ihren Pumps die Straße entlang, so dass es nicht schwierig war, dranzubleiben. Zeitweise wirkte es lustig, manchmal beängstigend, wenn der Schatten der relativ kleinen Person durch die Beleuchtung einer Straßenlaterne an einer Hauswand riesengroß erschien.
Anna Liebenstein drehte sich einige Male um und Sascha Berg hatte Angst erwischt zu werden. Wenn sie ihn erkannte, müsste er ganz sicher eine Menge unangenehmer Fragen beantworten und vermutlich wäre er seinen Job los. Also drehte er um und fuhr nach Hause.
Leon Walters hatte, wie so oft, den richtigen Riecher. Er saß seit mehreren Stunden vor dem Seniorenstift in seinem privaten Wagen. Der Dienstwagen war für solche Dinge einfach eine Fehlkonstruktion. Da könnte man ja gleich eine Leuchtreklame auf dem Dach anbringen. Er konnte kaum noch sitzen. Es war kurz vor Feierabend für das Verwaltungspersonal im Stift und er wartete auf eine Eingebung für eine gute Story. Das mit Peter Kastor war eine Sache. Daraus konnte man sicher eine lesenswerte Geschichte für viele Leser machen. Dennoch, Leon war immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick: Der Verschwörungsgeschichte, die als Sensation einschlagen würde. Das war wie eine Sucht. Und er hatte so ein seltsames Gefühl, seit er mit diesem Auftrag betraut wurde, sie vielleicht hier finden zu können.
Viel Aufregendes konnte er nicht erkennen. Er hatte ein Richtmikrofon dabei, um Geräusche aus der Umgebung zu verstärken und ein kleines Fernglas mit integrierter Infrarotfunktion. Mit einem Kopfhörer konnte er damit Gespräche belauschen und beobachten. Das Ganze war gekoppelt mit einem Rekorder, mit dem man aufzeichnen konnte. Günstig war es, dafür die Seitenfenster herunterzukurbeln. Ein Gespräch zwischen dem Koch und einem Besucher an der Rampe erschien ihm mehr als seltsam.
Der Herr mit russischem Akzent, David nannte er sich, forderte von dem Koch Sascha Fleisch in großen Mengen. Das klang nach einer illegalen Machenschaft. Das ließ sich vielleicht nutzen, würde allerdings kaum jemanden interessieren, außer der Chefin des Heims. Auf einen Zettel schrieb er: „Wir müssen dringend über David reden. Ich melde mich morgen bei Ihnen.“ Dazu packte er seine Visitenkarte und steckte es in einen Umschlag auf den er schrieb: „An den Küchenchef.“ Er gab es bei einem Hilfskoch am Küchenhintereingang ab und war sich sicher, dass Sascha anrufen würde. Ein wenig zufriedener stieg er wieder in seinen Wagen.
Eigentlich wollte er gerade aufgeben, sich eine Pizza holen und nach Hause fahren. Da geschah es. Anna Liebenstein kam um die Ecke und lief zu Fuß die Straße entlang, sich dabei häufiger umschauend. Es wirkte irgendwie auffällig. Wenige Augenblicke später sah er Sascha Berg auf seinem Fahrrad wie einen unauffälligen Schatten ihr folgen.
„Was wird denn das? Wenn du so weitermachst, sieht sie dich, Berg, du Schussel“, sagte Leon zu sich selbst. „Der lässt ja wirklich nichts aus, wie es scheint“, gab er ein wenig mürrisch von sich.
Plötzlich drehte Sascha Berg um und brauste mit seinem Fahrrad in umgekehrter Richtung davon, kaum, dass er die Verfolgung von Anna Liebenstein aufgenommen hatte. Leon duckte sich schnell, um nicht gesehen zu werden.
„Gut, dann übernehme ich die Verfolgung, Kollege. Das halte ich sowieso für die bessere Idee.“ Leon Walters stieg leise und vorsichtig aus seinem Wagen. Er hatte sich sportlich gekleidet in einem Trainingsanzug, als wolle er joggen gehen und zog eine Baseballkappe tief ins Gesicht. Er hätte sich nicht einmal selbst in seinem Spiegelbild erkannt. Auf der anderen Straßenseite, in einem Grünstreifen, lief er hin und her, machte dabei Gymnastik und beobachtete unauffällig jede Bewegung der Altenheimchefin.
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