Dieser gründete 1910 die MMF oder Medizinische Maschinen-Fabrik Dresden. Er leitete bis ins hohe Alter das Unternehmen selbst. Niemand konnte ihm etwas recht machen.
„Du musst noch viel, viel lernen“, war immer sein Ausspruch.
Es gab in der Firma, wie in allen anderen großen Unternehmen der Maschinenbaubranche, computergesteuerte Fertigungsstraßen. Maschinen, die Maschinen bauten, so wie das Zugpferd des Unternehmens, den AWA 3000, den jedoch asiatische Konzerne in leicht veränderter Form längst billiger nachbauten und so kam es zu einer Fusion. Die asiatische Kushinga-Gruppe kaufte sich ins Unternehmen ein. Sie fanden es eine gute Marketingstrategie, den deutschen Namen und auch Michael Schwarz als Geschäftsführer Deutschlands beizubehalten. Die meisten Geräte wurden zu einem hohen Anteil für die Weltproduktion in Asien gefertigt, in Deutschland zusammengeschraubt und erhielten den begehrten „Made in Germany“ Stempel, auch wenn der Stempel aus China stammte.
„Wie sollte ich so Selbstvertrauen aufbauen, Vater? Du hast mich nie etwas machen lassen“, sagte Michael mit leiser Stimme und schaute zum Bild seines Vaters hinter ihm an der Wand. Eine kleine Träne lief unbemerkt die Wange hinunter. „So, heute kommst du weg, in die Mottenkiste. Irgendetwas muss jetzt passieren.“ Er nahm das Bild von der Wand und stellte es verkehrt herum auf den Boden. „Mach es gut, lass mich ’s alleine machen“, sagte er mit hartem Tonfall.
Im 7. Stock schob sich nach einem kurzen Gong die Fahrstuhltür wieder lautlos auf. Anna Liebenstein stand in einer größeren marmornen Empfangshalle, ganz in Weiß gehalten mit hohen Säulen bis zur Decke. Sie ging an einer Art Rezeption vorbei und wurde freudig lächelnd begrüßt.
„Ah, Frau Liebenstein, es ist alles vorbereitet und alle sind schon versammelt.“
„Sehr schön, Frau Hamakashi, Sie sehen heute sehr hübsch aus, in dem kurzen Rock.“
„Dankeschön, Frau Liebenstein.“
Sie trat an ein Multimediarednerpult.
„Guten Tag, liebe neue Mitglieder unserer Moselblick-Familie. Mein Name ist Anna Liebenstein. Der Leiter dieser Einrichtung, Herr Christian Fuchs, ist derzeit in Urlaub. Es ist mir eine Ehre, als seine Vorgesetzte aus der Geschäftsleitung des Seniorenstifts der Gruppe Gartenparadies, Sie heute hier begrüßen zu dürfen. Wir freuen uns auf Sie und möchten Sie aufs Herzlichste willkommen heißen. Ihre Aufnahmeformalitäten haben Sie ja sicher schon alle erledigt und gerne möchte ich Ihnen einen Überblick geben, was Sie hier bei uns erwarten dürfen, soweit Sie das nicht schon alles aus den Prospekten und Vorinformationen wissen. Wir können sehr gut mitfühlen, wie schwierig die Umstellung in den ersten Tagen für Sie ist. Seien Sie gewiss, wir kennen das, denn wir haben über 50 Jahre Erfahrung in der Betreuung von Senioren. In unserer Anlage werden Sie nur das modernste und beste Equipment sehen und unser Personal ist aufs Sorgfältigste von mir und meinen Personalleitern auf Herz und Nieren geprüft worden. Sie haben also nur mit dem Besten zu rechnen.“ Sie lächelte wieder, spulte das wie ein Tonbandgerät ab und trat zur Seite, um den Blick auf eine Multimediashow freizugeben. „Wir zeigen Ihnen nun einen Kurzfilm über das modernste Seniorenstift in Europa. Viel Vergnügen. Für Fragen stehe ich hinterher zur Verfügung. Noch einmal herzlich Willkommen auf dem Moselblick, den Sie wirklich genießen können.“
Im Publikum erblickte sie Leon Walters mit einem Notizblock und daneben einen jungen Mann mit zerzauster Frisur und einer Kamera. Er machte einen Schnappschuss von Anna am Rednerpult. Anna zwinkerte Leon kurz zu, dann wurde es dunkel.
Der Projektor startete mit dem prächtigen Demo-Film der Einrichtung, der mit einem Flug aus der Vogelperspektive über die Einrichtung und das Mosel-Tal begann und alle neuen Bewohner sowie Leon schauten gebannt auf die Leinwand. Anna Liebenstein nutzte die Zeit, wollte inzwischen einige Telefonate und die Post erledigen. Auf dem Weg zu ihrem Büro sah sie kurz im Bewohnerbereich vorbei. „Ah, hallo Schwester Margret, hat das mit Suite 991 alles gut geklappt? Ist alles fertig für den neuen Bewohner? Das ist ganz wichtig, denn er wird von der Presse begleitet und wir wollen keinen falschen Eindruck erwecken.“
„Fast, wir sind fast fertig. Bis nachher wird alles gerichtet sein“, antwortete die Pflegekraft schnell und zackig.
„Gut, fein, dann an die Arbeit.“ Sie machte eine Bewegung mit der rechten Hand, die das unterstreichen sollte.
Schwester Margret verstand und bewegte sich im Laufschritt.
Anna Liebenstein setzte ihr zufriedenes Lächeln auf und sagte leise vor sich hin: „Ich liebe es, wenn mein Plan aufgeht.“
Das Leben im Seniorenstift
Die Multimedia-Begrüßung der Neuankömmlinge war inzwischen schon eine Weile vorüber. Anna Liebenstein hatte die Fragen zu Abläufen, Kosten, Besuchsmöglichkeiten, Ausgängen, Aktivitäten und Ausflügen beantwortet und die neuen Bewohner wurden von jeweils einer Schwester oder einem Pfleger aus dem jeweiligen Wohnbereich abgeholt. Peter Kastor sollte in den sechsten Stock, Suite 991. Seine mitgebrachten Sachen waren bereits dorthin verbracht worden. Die Einwohner durften ein bis zwei kleine Möbelstücke, ihre Wäsche und einige kleine Utensilien von zu Hause mitbringen. Leon Walters jedoch war spurlos verschwunden. Anna Liebenstein hielt nach ihm Ausschau. Fehlanzeige. Für ihren Geschmack hatte er ein bisschen zu viel Eigeninitiative, schien unkontrollierbar für sie. Er tauchte auf und verschwand, wie er wollte.
„So, Herr Kastor, da wären wir also in Ihrem neuen Zuhause. Sie können sich kurz frisch machen. Dann gehen wir erst einmal in die Wohnbereichsküche zu den anderen. Ich werde Sie bekannt machen und Sie können dann gemeinsam Mittagessen. Nachher werde ich Sie dann Ihrer Hauptbezugsschwester vorstellen. Sie hat heute auch ihren ersten Tag. Sie können sich also gegenseitig ein wenig helfen. Wenn es Fragen gibt, die nur alte Hasen beantworten können, bin ich natürlich für Sie da. Ich hole Sie in etwa zehn Minuten zum Essen ab. Einverstanden?“
„Äh, ja gut, ich beeile mich“, stammelte Peter.
„Keine Hektik, wir haben Zeit. Ich hole Sie ab. Bis gleich“, antwortete die ältere Schwester.
Zehn Minuten würden ihm also bleiben, sich mit seinen neuen vier Wänden zum ersten Mal vertraut und sich ein wenig frisch zu machen. Er kam in einen hellen Raum mit sonnig gelben Wänden. Es gab einen kleinen Balkon zur Südseite raus, dort standen ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit Sonnenschirm. Im Zimmer befand sich sein alter Birkenholzsekretär. Er streichelte zart darüber. Es war eines der beiden Wunschmöbel, die er mitgebracht hatte und der alte Schaukelstuhl, in dem seine Frau Susanne immer so bequem gesessen hatte. Darauf lag die alte Decke, die sie gerne zum Zudecken benutzt hatte. Manchmal glaubte er fast noch, sie rieche nach ihr, obwohl sie schon so oft gewaschen worden war, dass es gar nicht sein konnte. Dieser Stuhl stand vor der Fernseh-Kommunikationsecke mit PC-Internet-Arbeitsplatz. An einer Wand stand ein einfaches Bett, frisch bezogen, wie es schien. Eine Tür ging in ein kleines Badezimmer mit Toilette, Dusche und Waschbecken. Er warf sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht, trocknete sich ab und schaute in den Spiegel. „So Peter, da bist du nun also angekommen, auf deiner letzten Reise. Ach Susanne, das ist dir alles erspart geblieben. Hoffentlich dürfen wir bald vereint sein.“
„Herr Kastor, sind Sie soweit? Guten Tag, mein Name ist Schwester Mia. Ich bin ab heute Ihre Bezugsschwester.“
„Ah, schön. Hallo, Sie sind es, die Neue. Ihre Kollegin hat mir davon erzählt. Da haben Sie ja die richtigen beiden zusammengewürfelt, oder? Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verlaufen“, witzelte Peter.
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