Sascha grübelte. Er war sich sicher, dieses Gesicht bereits einmal gesehen zu haben, wusste es allerdings nicht zuzuordnen. Na ja, die jungen hübschen Dinger sehen sich irgendwie alle ähnlich. Er gab seine neuen Lebensmittelbestellungen in der Verwaltung ab und fuhr zurück zur Küchenetage.
„Chef, da ist jemand für Sie im Büro“, flüsterte ein Küchenhelfer.
„Wer ist es denn“, fragte Sascha laut.
„Keine Ahnung, er sagt Walter oder so ähnlich.“
„Kenn ich nicht.“ Sascha Berg ging in sein Büro und sah dort einen jungen, schlanken Mann mit randloser Brille und im dunkelblauen Anzug mit einer Aktentasche unterm Arm.
„Guten Tag, Herr Berg. Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen? Normalerweise habe ich überwiegend mit Ihrer Chefin, Frau Liebenstein, zu tun. Vor einigen Tagen hatten wir noch eine Führung durchs Haus mit ihr. Mein Name ist Leon Walters.“
Sascha zuckte deutlich erkennbar mit der Schulter. „Ach, der Herr mit dem Zettel, was wollen Sie von mir?“
„Ich schreibe einen Artikel über Ihre Einrichtung und dachte mir, es wäre viel schöner für unsere Leser etwas von der Basis her zu erfahren. Die da oben, die machen nur Marketing, das kennen wir beide, das hat nix mit der Realität zu tun, nicht wahr?“
„Ja, aber das geht nicht. Sie müssen zu unserer Presseabteilung oder zur Chefin und um eine Genehmigung bitten. Ich krieg sonst riesigen Ärger.“
„Wir wollen nicht unnötig Wirbel und die Pferde scheu machen. Das würde David sicher ebenfalls so sehen, denke ich.“
Wieder ging ein kurzes Zucken durch Saschas Schulterregion. „Aha, ich verstehe, soll das hier eine Erpressung werden?“
„Na, na, so ein unschönes Wort. Sagen wir, es wird eine fruchtbare Zusammenarbeit. Es soll ihr Schaden nicht sein und niemand von da oben erfährt, dass ich hier bei Ihnen war und was ich beobachtet habe, von mir nicht und von Ihnen nicht. Ich brauche nur ein paar interessante Informationen. Wenn wir einen guten Artikel hinkriegen, sollte ein Monatslohn für Sie drin sein, steuerfrei natürlich. Außerdem hatte Frau Liebenstein bisher nichts gegen unsere Recherchen, ganz im Gegenteil.“
„Mmh, ich weiß nicht, heute geht es auf keinen Fall“, stotterte Sascha.
„Na schön, dann denken Sie mal drüber nach, bitte nicht zu lange. David ist ungeduldig, wie Sie wissen. Es muss nicht hier im Hause stattfinden. Ich melde mich wieder bei Ihnen, für alle Fälle mein Kärtchen. Schönen Tag noch, Herr Berg, und Grüße an David.“
Ein böser Blick ging von Sascha Berg zu Leon Walters und dabei wieder ein Schulterzucken.
„Leon Walters, Chefredakteur des Koblenzer Tageskuriers“ las Sascha, steckte die Karte in sein Portemonnaie zu der anderen aus dem Briefumschlag und wendete sich wieder der Abendessenszubereitung zu.
Leon Walters musste schmunzeln. „Wahnsinn, was ich dem Riesenkerl für einen Schrecken eingejagt habe.“
Privat oder geschäftlich?
„So, genau der richtige Zeitpunkt für ein kleines Häppchen“, sagte Leon und stieg in seinen Wagen. Er schaute auf die Uhr. „Ups, jetzt muss ich mich sputen, damit die Süße nicht auf mich warten muss.“
Er fuhr mit leicht überhöhter Geschwindigkeit quer durch Koblenz und parkte direkt um die Ecke von dem kleinen, gemütlichen Italiener am Rheinufer. Im Rückspiegel betrachtete er sich, fuhr sich kurz mit der Hand durch das Haar, kontrollierte, dass nichts zwischen den Zähnen hing und stieg aus. Tatsächlich, da stand sie schon, unverkennbar. Das musste sie einfach sein. Leon hatte einen Blick dafür, wer zu welcher Stimme am Telefon passte.
„Schönen guten Tag, hübsche Frau, Sie sehen den glücklichsten Mann in ganz Koblenz“, hauchte Leon der jungen Frau leise entgegen.
„Dann müssen Sie Leon Walters sein“, kam die unsichere Antwort.
„Natürlich, und Sie, Frau Ullrich, Sie sehen reizend aus“, sagte Leon etwas forscher.
„Wollen wir gleich etwas essen oder gehen wir eine kleine Runde am Rhein spazieren. Das Wetter ist heute herrlich. Es könnte eine sternenklare Nacht werden. Was meinen Sie, Frau Ullrich oder wie darf ich Sie nennen, Teuerste?“
„Celine, sagen Sie einfach Celine.“
„Celine Ullrich, Sie haben Glück, Ihre Eltern hatten Geschmack. Leon, Leon Walters.“
Celine schaute Leon in die Augen.
„Und jetzt, Celine? Spazieren oder Pizza?“
„Lassen Sie uns erst eine Kleinigkeit essen, Leon? Hinterher können wir gerne einen kleinen Verdauungsspaziergang machen.“
„Na, Leon und Sie, das passt doch nicht. Also könnten wir bei einem leckeren Glas Rotwein doch erst einmal auf das Du anstoßen, Celine.“
„Das klingt verlockend, Leon. Also los.“
Es wurde ein schöner, lockerer Abend. Sie tranken Brüderschaft, lachten viel, genossen das leckere italienische Essen und fanden viele interessante Themen. Luigi gab für seinen Stammgast sein Bestes. Für Celine fühlte es sich an, als würden sie sich schon mindestens zehn Jahre kennen und wären immer bei Luigi gewesen. Für Leon war es angenehm, dennoch lief im Hintergrund bei ihm immer noch eine zweite Ebene mit: Aufmerksam zuhören und überlegen, ob irgendwo eine interessante Information versteckt sein könnte. Der entscheidende Hinweis kam dann jedoch erst beim Verdauungsspaziergang: Anna Liebenstein war nicht verheiratet und es wurde gemunkelt, sie habe eine Affäre mit ihrer Chauffeurin.
Sie standen am deutschen Eck, blickten hinauf zur Festung Ehrenbreitstein und in den sternenklaren Nachthimmel.
„Es war ein schöner Abend, Leon.“
„Finde ich auch, Celine. Das sollten wir mal bei Gelegenheit wiederholen.“
„Bei Gelegenheit, was heißt das für dich?“, fragte Celine.
„Na, wenn einer von uns beiden Lust hat, ruft er den anderen an, okay?“, kam es spontan von Leon.
Er begleitete sie zu ihrem Wagen. „Schlaf gut, Celine.“ Er gab ihr einen Kuss auf den Mund. Celine erwiderte ihn leidenschaftlich.
„Komm gut nach Hause“, sagte Celine und öffnete die Wagentür, stieg aber nicht ein.
„Ich melde mich. Lass uns lieber jetzt nach Hause fahren. Es war ein anstrengender Tag“, entgegnete Leon und schaute ihr tief in die Augen.
„Okay, bis dann“, kam es fast ein wenig enttäuscht von Celine.
Sie fuhr langsam davon und hauchte einen zärtlichen Kuss in Richtung Leon. Dieser winkte zurück und ging zu seinem Wagen.
„Hm, was ist nur mit mir los? Früher hätte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen“, dachte Leon und fuhr, immer wieder einmal gähnend, nach Hause.
„Mal sehen, was sich über den Alten-Wasch-Automat so alles finden lässt. War ja schon eine witzige Show von dieser Liebenstein. Anton wäscht Anneliese. Die braucht echt ihre Bühne“, sagte Leon leise vor sich hin und tippte Suchbefehle in seinen Rechner.
Der AWA 3000 war mit ungefähr 400 000 Treffern im Internet nicht unbekannt. Produziert von der medizinischen Maschinenfabrik in Dresden. Die Aktien der Firma waren über viele Jahre kontinuierlich gestiegen. Plötzlich gab es einen Knick in den Kurven.
„Was mag da nur los gewesen sein? Bestimmt wieder die Chinesen, wie so oft“, dachte sich Leon.
Michael Schwarz saß an seinem Schreibtisch im Büro. Das wuchtige Holzmöbel mit lederner Schreibeinlage war ein Erbstück seines alten Herrn. Michael hatte sein Unternehmen in den letzten fünf Jahren weit nach vorne gebracht. Er hielt an die 300 Patente und hatte aus seiner medizinischen Maschinenfabrik ein Weltunternehmen gemacht.
„Das wäre Vater dennoch nicht passiert“, dachte Michael und schaute an die Fensterscheiben. Dort stand überall zu lesen: Kushinga. „Gut, dass Vater das nicht sehen muss.“
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