„Ja, das klingt alles sehr spannend. Heute weiß das kaum noch jemand. Wie ging es für Sie weiter?“
„Nun, diese erlebte Ungerechtigkeit führte für mich dazu, dass ich später den Beruf des Soldaten ergriff. Da war bestimmt ein Zusammenhang.“ Peter wurde leiser.
„War es die richtige Entscheidung?“
„Lange Zeit konnte ich problemlos dahinterstehen. Es war ja der kalte Krieg und die Bedrohung aus dem Osten schien real zu existieren. Alle rüsteten auf und rüsteten und rüsteten. Und die Terroristen waren gegen diese ganzen staatlichen Instanzen. Sie überfielen Kameraden bei der Wache, nahmen ihnen die Waffen ab und damit wurden dann schlimme Verbrechen verübt.“
„Also hat Ihr Dienst doch einen Sinn gemacht, auch wenn er gefährlich war?“
„Schon, im Laufe der Jahre hat sich das Aufgabenspektrum jedoch grundlegend geändert. Die Mauer fiel, der Osten öffnete sich zusehends und die Armee musste sich völlig neuen Aufgaben widmen. Selbst die von damals, die gegen alles Staatliche waren, wurden Politiker. Die Sicherheit Deutschlands wurde plötzlich am Hindukusch verteidigt.“
„Ist das ein Problem für Sie?“, fragte der Reporter.
„Seien Sie mir nicht böse, denn aus Rücksicht auf meine Kameraden, die noch aktiv sind, möchte ich diese Frage nicht beantworten.“
„Wie Sie wollen, Herr Feldwebel. Welchen Dienstgrad hatten Sie eigentlich?“
„Nun, ich war zwölf Jahre bei der Truppe im Kraftfahrzeuginstandsetzungsbereich. Später machte ich mich dann selbstständig, bekam eine gute Ausbildung. Abgegangen bin ich als Oberfeldwebel.“
„Haben Sie noch Erinnerungsstücke an Ihre Armeezeit?“
„Na, was denken Sie denn?“ Peter musste bei dieser Frage schmunzeln. „Kommen Sie mal mit auf den Dachboden.“ Er holte seine alte Uniform heraus und aus einer Kommode kramte er ein Album hervor.
Sie blätterten gemeinsam die alten Fotos durch und Peter erzählte die eine und andere Geschichte. Er blühte bei seinen Erzählungen auf, wenn er manche Erinnerungsstücke zeigte. Offensichtlich hatte er auch sehr schöne Zeiten bei der Bundeswehr gehabt. Immer wieder wurden an verschiedenen Plätzen im Haus und im Garten Fotos gemacht.
„Ich ging mit einem lachenden und einem weinenden Auge. So ist es doch wohl meistens, oder? Jedenfalls, wenn es halbwegs in Ordnung war, was man gemacht hat.“
„So, Herr Kastor, und jetzt stellen Sie sich noch einmal kurz vor Ihre Vitrine mit den Sammeltassen Ihrer Frau. Ein wenig mehr nach links. Und … lächeln. Perfekt. Danke. Das war’s.“ Kevin Richter packte seine Kamera in den Zubehörkoffer und schaffte alles in den Kleinwagen des Koblenzer Tageskuriers.
„Prima, das waren also nun wirklich die letzten Bilder von mir in meinen eigenen vier Wänden“, dachte Peter Kastor.
„Dürfen wir Sie an Ihrem ersten Tag in Moselblick noch einmal interviewen und vielleicht auch noch ein paar Tage oder Wochen danach? Wir möchten gerne sehen, wie zufrieden Sie mit der Einrichtung sind und wie es Ihnen in den nächsten Wochen ergeht.“
„Es war heute ein nettes Gespräch, Herr Walters, ich bin einverstanden.“
„Schön, dann bis bald, bis zum 14. Mai.“
Gute Miene zum bösen Spiel
Leon hatte seinen Artikel über die Führung durch die Seniorenresidenz geschrieben und alle schienen zufrieden zu sein. In all den Jahren hatte er gelernt, eigene Gefühle so lange zu verbergen, bis er an die ganz große Sensation herangekommen war. Und die war einfach noch nicht zu finden. Deshalb schrieb er auch einen kurzen Artikel über die tollen neuen Arbeitsmethoden unter der sehr guten Führung von Frau Liebenstein. Aus dem Interview mit weiteren Erkenntnissen sollte später ein anderer Artikel werden. Ein tiefes Bauchgefühl sagte ihm, dass er in Moselblick noch eine Sensationsstory kriegen würde, und dafür durfte er sich den Weg nicht verbauen.
Anna Liebenstein ließ ihm über den Chef herzlich danken und zu aller Überraschung erhielt Leon Walters sogar eine schriftliche Einladung zu einem Exklusivinterview über das Thema: Dringend nötige Änderungen im Seniorenversorgungsgesetz.
„Gut gemacht, Walters, danke für Ihren Einsatz“, sagte der alte Paffrath kurz und knapp im Vorbeigehen bei seinem Morgenrundgang.
Ein Lob hörte natürlich Leon gerne. Nur, irgendwie kam es ihm falsch vor, als Sprachrohr für Frau Liebenstein zu arbeiten. Er konnte es noch nicht so recht greifen. Daher nahm er sich vor, weiter an den Themen Altenpflege und Seniorenresidenz Moselblick unter der Leitung von Frau Liebenstein dran zu bleiben. Doch dafür bedurfte es nun einiger Vorkehrungen. Der erste Schritt war ja gut gelaufen. Und so sollte es bleiben.
Es gab nun zwei Möglichkeiten: Mit Anna Liebenstein ein Exklusivinterview durchzuführen oder erst einmal einfach einen Anruf von ihr abzuwarten. Er brauchte vorsichtshalber ihren Segen, um die Geschichte mit Peter Kastor offiziell zu machen. Schließlich saß ihm der Alte im Nacken. Er nahm den Hörer und wählte.
„Guten Morgen, liebe Frau Ullrich. Ich weiß nicht, ob wir uns schon kennen? Mein Name ist Leon Walters vom Koblenzer Tageskurier.“
„Aber sicher, Herr Walters. Sie waren doch kürzlich bei der Presseführung dabei. Frau Liebenstein scheint mir ganz angetan von Ihnen.“ Bei dem Aussprechen des Satzes musste Celine Ullrich schmunzeln.
„So, das ist ja interessant. Ich hätte gedacht, in so einer Menge von Journalisten geht der Einzelne unter. Umso besser, Frau Ullrich, ist Ihre Chefin frei? Sie hatte mir ein Exklusivinterview angeboten und ich würde gerne einen Termin ausmachen und hätte noch eine Frage an sie.“
Leon Walters reckte in seinem Großraumbüro die Faust mit gestrecktem Arm nach oben, wie nach einem Turniersieg beim Tennis.
„Es tut mir leid, Frau Liebenstein ist in einer wichtigen Besprechung. Wir können gerne einen Termin ausmachen und ich richte gerne Ihre Grüße und Mitteilungen aus.“ Frau Ullrich schaffte es tatsächlich, gleichzeitig mit Leon Walters zu telefonieren und nebenher ihre Fingernägel zu lackieren.
„Von Frau Liebenstein bräuchte ich das Einverständnis mit einem neu ankommenden Bewohner ein Interview zu führen. Wir würden gerne den Übergang vom Leben vor dem Seniorenheim in die Seniorenresidenz in einer Geschichte herausbringen. Wir könnten hinterher das Interview mit Frau Liebenstein einbinden oder eine separate Geschichte daraus machen. Wie wollen wir denn jetzt vorgehen, liebe Frau Ullrich?“
„Herr Walters, ich sehe da kein Problem. Ich werde nach der Besprechung Ihr Anliegen Frau Liebenstein vortragen und melde mich dann. Einverstanden?“
„Das wäre großartig. Dafür haben Sie einen Wunsch frei“, flirtete Leon.
„Gut, ich werde mir etwas Nettes überlegen, sparen Sie schon einmal kräftig“, antwortete sie im gleichen Ton, sichtlich erfreut.
„Einen schönen Sonnentag wünsche ich Ihnen.“ Leon rutschte dabei etwas unruhig auf seinem Bürostuhl hin und her und grinste.
„Das wünsche ich Ihnen ebenfalls, Herr Walters. Bis später.“ Celine Ullrich fand das Telefonat mit Leon Walters ganz amüsant. Es war mal eine nette Abwechslung im grauen Alltag als Vorzimmerdame in einem Seniorenstift.
„Sag mal Leon, dir muss man ja fast das Grinsen aus dem Gesicht schneiden“, witzelte der Sportredakteur am Nachbarschreibtisch.
„Nö, lass mal das Messer stecken, so ein Grinsen macht sich doch gut.“
Leon nippte zufrieden an seiner Kaffeetasse und stellte sich Celine Ullrich und Anna Liebenstein in ihren Büros vor. Der Gedanke schien ihm zu gefallen.
Steckt in einem gesunden Körper immer ein gesunder Geist? Außerdem, wer ist schon gesund?
„Guten Morgen, Frau Minister, wie geht es Ihnen, was macht der Gatte, hat er den Hausumbau bereits fertig? Das freut mich. Was kann ich für Sie tun, Frau Doktor Meisenkamp?“ Anna Liebenstein wirkte an ihrem großen, fast schon etwas protzig wirkenden Schreibtisch wie eine Frau, die genau weiß, worauf es ankommt. Sie wirkte nicht wie eine beinahe 40-Jährige, sondern erfrischend jugendlich, dennoch etwas streng mit ihrer tief auf der Nase platzierten Gleitsichtbrille. Auf dem messingfarbenen Schild mit schwarzen Lettern auf ihrem Schreibtisch stand: Anna Liebenstein kaufmännische Direktorin der Seniorenstiftgruppe Gartenparadies.
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