1 ...6 7 8 10 11 12 ...32 »Okay und sein Alter?«
»Er sah aus, wie ein betagter Senior. Sein Haar war ähnlich kurz und ebenfalls schon grau.«
Ein leichtes Lächeln huschte über das Gesicht von Enrique Gómez. »Wir haben es gleich geschafft und dann sind Sie uns bereits wieder los?«
»Das hoffen wir auch«, frotzelte Antonella und man sah ihr an, dass sie es nicht allzu ernst meinte.
»Wie waren die beiden bekleidet?«
»Der erste Typ trug kurze Hosen und ein dunkles T-Shirt ohne auffälligen Aufdruck. Bei den Schuhen möchte ich mich nicht so genau festlegen. Entweder er handelte sich um Sportschuhe oder Clogs.«
»Okay und sein Begleiter?«
Jose lachte. »Der Opa war angezogen wie ein typischer Tourist. Helle kurze Hosen, beige/grün gestreiftes Poloshirt und dazu trug er weiße Tennissocken.«
»Schuhe?«
Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Keine Ahnung, Señor. Aber zu diesem Outfit würden nach meiner Meinung orthopädische Sandalen passen.«
Alle schmunzelten, bis schließlich Filipa Pérez sagte: »Ob Sie es glauben oder nicht, genau die hat er auch getragen.«
»Ein typisch deutscher Rentner im Urlaub. Also stimmt dieses Klischee.« Antonella lachte laut los.
Enrique Gómez wollte allmählich zum Schluss kommen. »Haben Sie sonst noch ungewöhnliche Beobachtungen gemacht?« Er sah das junge Paar mit ernster Miene an.
Beide überlegten kurz, ehe sie fast gleichzeitig ihre Köpfe schüttelten.
»Vielen Dank für die ehrlichen Auskünfte!« Er überreichte ihnen seine Visitenkarte und meinte dazu: »Kommen Sie bitte morgen früh ins Polizeipräsidium, damit wir ihre Aussagen protokollieren können. Außerdem erstellen wir mit Ihrer Hilfe auch noch ein Phantombild. Bekommen Sie das hin?«
»Ja, ich werde meinen Chef informieren, dass ich später anfange«, erklärte die junge Frau sofort, während ihr Freund meinte: »Ich lasse einfach die 1. Vorlesung ausfallen.«
»Das ist bestimmt nicht das erste Mal oder?« Die Polizistin sah ihn lächelnd an.
»Kein Kommentar.«
»Vielen Dank und noch einen schönen Abend.« Die beiden Polizeibeamten hoben zum Abschied kurz die Hand, ehe sie gemächlich davongingen.
In diesem Augenblick begann der Erdboden leicht zu zittern, wobei die Erdstöße allmählich immer mehr zunahmen, bis sie sich auf einem hohen Level einpegelten und einige Zeit anhielten. Antonella klammerte sich ängstlich an ihren Freund, während sie flüsterte: »So stark war es noch nie?«
Dann beobachtete sie konsterniert, dass die beiden Polizeibeamten, wegen der wellenförmigen Bodenbewegungen stürzten. Sicherheitshalber blieben sie gleich auf dem Boden sitzen und warteten das Ende des Erdbebens ab.
20 Sekunden später war es endlich soweit, die Erdstöße nahm rasch ab und waren schließlich nicht mehr wahrzunehmen.
Filipa Pérez und Enrique Gómez hatte sich währenddessen bereits wieder erhoben und klopften sich den Staub von der Uniformen ab.
Dann drehte sich der stämmige Polizist zum jungen Paar um und rief ihnen laut zu: »Alles in Ordnung?«
»Ja, Señor.«
Er nickte und erklärte lachend: »Wir leben halt auf einer Vulkaninsel. Da kommt so etwas manchmal vor. Bis morgen.« Er hob nochmals zum Abschied den Arm hoch, ehe er gemeinsam mit seiner Kollegin zum Ausgang des Parkgeländes ging.
»Aber nicht allen ist das Erdbeben gut bekommen«, flüsterte Antonella leise.
»Wie meinst du das?« Er sah sie verwundert an.
Sie zeigte wortlos in die entgegengesetzte Richtung.
Jose drehte sich neugierig um und dann sah er, was sie meinte. Eine der verschnörkelten Straßenlaternen hatte sich beträchtlich zur Seite geneigt, ähnlich wie der berühmte ›Schiefe Turm von Pisa‹.
1 Stunde später, Instituto Geográfico Naciona
Zum IGN, dessen Hauptquartier sich in der spanischen Hauptstadt befand, meldeten seismische Messstellen, die über das gesamte Staatsgebiet verteilt lagen, sämtliche Erbeben, die aufgezeichnet wurden. Dabei spielte die Stärke der Erschütterungen nur eine ungeordnete Rolle.
Eine 10 m² große interaktive Tafel nahm fast die komplette Vorderfront des kleinen Saales ein, in dem Wissenschaftler im Schichtsystem, sämtliche seismische und vulkanische Aktivitäten des Landes, aber auch weltweit, überwachten. Seit einiger Zeit leuchtete direkt über Teneriffa rhythmisch ein hellblauer Stern auf und kennzeichnete die exakte Lage des letzten Erdbebens.
Das fand vor knapp einer Stunde statt und hatte die Stärke von 6,0 auf der Richterskala. Die Aktivität selbst war derzeit jedoch längst nicht beendet, denn weitere Nachbeben mit einer ständig abnehmenden Magnitude erschütterten, die kanarische Insel, nahmen aber glücklicherweise rasch ab.
»Das gefällt mir ganz und gar nicht«, brummte Hugo Alvarez mehr zu sich und öffnete einen weiteren TAB im Browser. Eine Aufnahme, die Teneriffa aus der Vogelperspektive zeigte, erschien auf dem Display. Sofort griff er nach seiner Computermaus und vergrößerte das Bild so lange, bis nur noch der Nationalpark ›Parque Nacional del Teide zu sehen war. Er umfasste im Inselinneren, die gesamten ›Las Cañadas‹, an deren nördlichen Rand der Nationalstolz der Spanier und Kanaren aufragte, der 3718 m hohe Vulkan Pico del Teide.
Aber die Aufmerksamkeit des Geologen galt in diesem Moment nicht dem berühmten Berg, sondern 2 roten Kreisen, die weiter südlich nahe dem Hotel ›Parador‹ und somit mitten in der Caldera zu erkennen waren.
»Das seismische Signal wandert in Richtung Nordwesten«, meinte er schließlich laut und winkte einen Kollegen energisch heran.
Pedro Diaz stand sofort auf und kam zu ihm herüber: »Was liegt an, Hugo?«
»Schau dir das bitte mal an.« Er zeigte auf die Detailkarte der Caldera.
Der gebürtige Katalane beugte sich neugierig vor, ehe er nickte, und fragte: »In welcher Tiefe befand sich das Hypozentrum?«
Während sein Kollege einen weiteren TAB im Browser öffnete, holte er sich schnell einen Drehstuhl vom Nachbartisch und setzte sich neben ihn.
»6,5 km unterhalb des Epizentrums.«
»Das heißt, der Erdbebenherd befand sich 1,5 km höher als beim gestrigen Erdbeben. Er wandert weiter und das ist meist nicht gut.«
»Das sehe ich genauso. Ich vermute, tektonische Verschiebungen mit plötzlichem Spannungsabbau kommen diesmal als Ursache nicht infrage.«
Pedro sah ihn kurz von der Seite an. »Wie sieht es bei den Gasemissionen im Gipfelbereich aus?«
»Die habe ich vorhin gerade gecheckt.« Alvarez überreichte dem Kollegen eine grafische Darstellung, die er vor wenigen Minuten ausgedruckt hatte.
Diaz überflog die Zahlen und die zugrunde gelegten Diagramme, ehe er das Blatt wieder zurückgab. »Die Temperatur hat sich um 5,6 °C auf 276,3°C erhöht.«
Sein Kollege nickte. »Hast du dir die Gaszusammensetzung näher angesehen?«
»Ja und die Zunahme von Schwefeldioxid macht mir echt Sorgen!«
»Sehe ich genauso. Der Ausstoß von 360 kg SO2 ist schon außergewöhnlich.«
»Das sind 150 kg mehr, als noch vor 24 Stunden.«
»Nur, um mal einen Vergleich zu haben, der isländische Vulkan Bardarbunga hat auf dem Höhepunkt seiner Eruption 2014 nur die doppelte Menge ausgestoßen.«
»Der Aufenthalt im Gipfelbereich ist derzeit, ohne Gasmaske, lebensgefährlich. Das sollten wir der Inselverwaltung umgehend mitteilen. Wie viele Correlation Spectrometer haben wir zurzeit auf dem Vulkan installiert.«
»Insgesamt 4.«
»Ich glaube, das reicht bei Weitem nicht mehr aus und es ist dringend erforderlich, vor Ort Gasproben zu entnehmen.«
Die beiden Geologen sahen sich nachdenklich an, ehe Hugo Alvarez murmelte: »Für mich deuten die Erdbeben und die Änderung der Gaszusammensetzung darauf hin, dass derzeit eine Magmasäule aus der tieferliegenden Magmakammer aufsteigt.«
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