Der Forscher erwiderte überrascht: »Oh, das hatten wir lange nicht mehr und welche Stärke?«
»Laut Richterskala 4,5. Ich werde den angezeigten Wert sicherheitshalber auf der Webseite der US-Erdbebenwarte USGS überprüfen.«
Nach einigen Augenblicke meldete sich Alexander Boll endlich wieder zurück: »So, die Magnitude hat sich sogar noch leicht erhöht auf 4,7. Das Epizentrum befand sich unterhalb der Caldera in circa 8 km Tiefe. Das Beben selbst dauerte nur knapp 20 Sekunden.«
»Was heißt das nun für unsere Arbeit?«
»Falls es in der nächsten Zeit zu keinen größeren Nachbeben kommt, wird sich das Dach der Sternwarte bald wieder öffnen.«
»Hoffen wir es«, brummte der Wissenschaftler etwas unzufrieden. Schließlich drehte er sich zu seinem Computerterminal um, um kurz darauf einige Daten einzugeben.
09.00 Uhr, Polizeipräsidium in Santa Cruz
Das nächtliche Erdbeben spielte während der Beratung der Kriminalpolizei nur eine völlig untergeordnete Rolle. Das hing vor allem natürlich damit zusammen, dass der Mord an Kurt Wegner, das siebte Verbrechen eines noch unbekannten Serientäters war.
»Guten Morgen«, begrüßte Carlos Sanchez Garcia mit ernster Miene, die vollzählig versammelten Mitarbeiter der Abteilung. »Wie ist der aktuelle Stand der Ermittlungen?« Er blickte seinen Stellvertreter nachdenklich an.
Luis Alonso räusperte sich kurz, ehe er anfing, mit leiser Stimme zu sprechen: »Wir haben es mit insgesamt 7 Opfern zu tun, die alle aus Deutschland stammen. Im Einzelnen sind das: Kurt Wegner, 72 Jahre, wohnhaft in Stuttgart; Anneliese Möller, 66 Jahre alt aus Berlin; Ralf Vogelsang, 80 Jahre alt aus Cottbus; Mandy Adams, 63 Jahre alt aus Dresden; Jens Nowotny, 70 Jahre alt aus Hamburg; Joachim Müller, 66 Jahre alt aus München und zu guter Letzt Bertram Vogel, 76 Jahre alt aus Schwerin. Sämtliche Opfer weisen die gleichen Tatmerkmale auf. Die Tötung erfolgte jeweils mit einem einzigen Stich direkt ins Herz der Geschädigten, sodass innerhalb kurzer Zeit der Tod durch inneres Verbluten eintrat. Das zweite Kennzeichen ist der auffällige Daumenabdruck auf der Stirn der Leichen. Ein Vergleich hat ergeben, dass es sich immer um denselben Fingerabdruck handelte und die dabei eingesetzte Schuhcreme stets vom gleichen Hersteller stammte.«
»Welche Marke wurde genutzt?«
Anstelle von Alonso beantwortete Manuela Torres die Frage: »Das Produkt selbst heißt ›Erdal Dosencreme schwarz‹ und wird jedes Jahr millionenfach hergestellt und weltweit verkauft.«
»Hm«, Garcia fasste sich kurz an sein Kinn, »so leicht will es uns der Täter wohl nicht machen. Luisa, wie weit seid ihr mit den Befragungen in Tatortnähe?«
Navarro war die jüngste Mitarbeiterin in der Mordkommission. »Zurzeit sind mehrere Kollegen der Policía Canaria in der Gegend unterwegs und interviewen sämtliche Anwohner. Mal sehen, was dabei herauskommt.«
Carlos nickte. »Gut. Denke bitte daran, dass heute Abend direkt im Park weitere Befragungen durchgeführt werden müssen.«
»Ist bereits organisiert, Boss.«
»Ausgezeichnet. Ich persönlich vermute, dass die jungen Leute, die als Zeugen infrage kommen könnten, erst nach Einbruch der Nacht im Park anzutreffen sind.«
»Ja, das sehe ich genauso.«
»Was wissen wir über die einzelnen Tatorte?«
»Sie befinden sich in Deutschland, Holland, im Vereinigten Königreich, in der Schweiz und in Spanien.«
»Wo genau bei uns?«
»In Madrid, auf Mallorca, und zu guter Letzt auf Teneriffa. Die Angriffe selbst fanden überwiegend im Freien statt, meistens in größeren Parkanlagen.«
»Und die Übrigen?«
»Das war nur einer und der wurde in einem Hotelzimmer verübt.«
»Hast du dich bereits mit den örtlichen Behörden in Verbindung gesetzt?« Garcia blickte seinen Kollegen neugierig an.
»Selbstverständlich. Sämtliche Institutionen stellen uns schnellstmöglich alle ihnen vorliegenden Informationen zur Verfügung. Außerdem hat uns das deutsche Bundeskriminalamt angeboten, umgehend Mitarbeiter zur Unterstützung zu schicken.«
»Der Vorschlag ist gar nicht mal so schlecht. Aber ob wir tatsächlich das Hilfsangebot annehmen, das werde ich vorab lieber mit unseren Vorgesetzten besprechen. Nicht, dass sich noch irgendeiner übergangen fühlt«, erklärte Carlos spöttisch und alle Kollegen im Raum wussten natürlich, was er konkret damit meinte. Nicht die kompetentesten Leute waren in den höheren Positionen bei der Polizei tätig. Sie bremsten eher mit ihrer Unfähigkeit die tägliche Polizeiarbeit mit einem völlig übertriebenen Bürokratismus aus.
»Ach, bevor ich es vergesse«, mischte sich Luisa Navarro ein, »jeder von euch erhält bis zum Mittag sämtliche Informationen in schriftlicher Form.«
Garcia richtete sich auf und streckte sich. »Gibt es sonst noch etwas Wichtiges?« Er blickte seine Kollegen nacheinander an.
Als alle bedauernd den Kopf schüttelten, meinte er schließlich: »Kommen wir nun zur Aufgabenverteilung. Manuela, du wirst die eintreffenden Informationen von den anderen Dienststellen schnellstmöglich auswerten und speziell auf Parallelen zu unserem Fall überprüfen.«
Die erfahrene Forensikerin nickte. »Alles klar.«
An Navarro gerichtet meinte er: »Luisa, du bist mir verantwortlich für die Durchführung der Befragungen in und um das Parkgelände herum. Morgen früh möchte ich den ersten Zwischenbericht auf meinem Schreibtisch haben.«
»Kein Problem«, murmelte die junge Kollegin und machte sich als Gedankenstütze rasch einige Notizen.
»Luis, du wirst eine Aufstellung mit sämtlichen persönlichen Daten der Opfer erstellen. Ich vermute, dass sie in der Vergangenheit irgendeine Beziehung zum Mörder hatten. Aus Langeweile wird er die Leichen nicht speziell gekennzeichnet haben.«
»Wie weit soll ich zurückgehen?« Er blickte seinen Freund und Vorgesetzten neugierig an.
Garcia zögerte kurz, ehe er sagte: »Vorerst bis 1980.« Anschließend klappte er sein ledernes Notizbuch zu, das aufgeschlagen vor ihm lag und erhob sich langsam, ehe er abschließend meinte: »Dann lasst uns die Spiele endlich beginnen.«
»Und hoffentlich zu einem erfolgreichen Ende führen«, ergänzte Manuela leise den Satz.
21.45 Uhr, Parque García Sanabria
Das blutjunge Paar war noch nicht lange zusammen, dafür umso verliebter. Sie hatten es sich auf einer der zahlreichen Holzbänke, die auf beiden Seiten des Hauptweges zum Verweilen einluden, gemütlich gemacht. Sie waren natürlich nicht die Einzigen, denn keiner von den jungen Leuten hatte Lust mit seinem Partner den Abend entweder unter den wachsamen Augen der Eltern oder in einem winzigen Kinderzimmer zu verbringen.
»Ich habe gerade eine Sternschnuppe gesehen«, rief Antonella laut und zeigte hoch zum wolkenlosen Sternenhimmel. Sie hatte es sich auf der Bank liegend bequem gemacht, während ihr Kopf auf dem Schoß ihres Freundes lag, der sacht durch ihr hellblond gefärbtes kurzes Haar strich.
»Dann darfst du dir etwas wünschen!«
»Habe ich bereits. Soll ich es dir verraten?«
Der kaum ältere Jose schüttelte den Kopf, ehe er ihr flüsternd erklärte: »Das musst du für dich behalten, sonst geht es nicht Erfüllung.«
Sie blickte ihn mit großen Augen an. »Glaubst du an diesen Quatsch? Das ist doch nur Aberglauben.«
»Ich bin mir nicht ganz sicher. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, was du dir gewünscht hast.«
»So?«
»Na klar, du möchtest, dass ich dir einen Heiratsantrag mache, und zwar so schnell wie möglich.« Er blickte sie verschmitzt an.
Sie richtete sich auf und zeigte ihm entrüstet einen Vogel. »Glaubst du das wirklich?«
Er lachte laut los, ehe er sich vorbeugte und ihr einen Kuss auf die Stirn gab. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: »Du bist ziemlich heißblütig. Aber jetzt kannst du dich bitte wieder abregen, denn das war eben nur Spaß.«
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