»Gibt es noch etwas, sonst lege ich jetzt auf!«
»Nein, der Fingerabdruck und die sichergestellte DNA konnten bisher keiner Person zugeordnet werden.«
»Okay, halte mich auf dem Laufenden.« Garcia beendete das Gespräch und steckte das Handy wieder in die Hosentasche. Dann schloss er rasch sein Fahrzeug ab und betrat den kühlen Flur des Gebäudes. Er winkte dem Pförtner nur kurz zu, denn natürlich kannte er den Weg zur Leiterin der Gerichtsmedizin.
45 Minuten später
Die Obduktion von Kurt Wegner war nun endgültig beendet. Sämtliche Urin und Blutproben, sowie ein Teil des Mageninhalts waren für weitere mikroskopische, mikrobiologische und toxikologische Untersuchungen entnommen worden. Der Y-Schnitt in der Haut, der die inneren Organe des Toten für die Begutachtung und Entnahme, freigelegt hatte, wurde gerade durch einen der Assistenten mit grobem Garn vernäht. Schließlich war auch das geschafft und über den Leichnam wurde ein weißes Leinentuch ausgebreitet. Zu guter Letzt wurde er auf eine Tragbahre gehoben, zu einer leeren Kühlkammer gebracht und hineingeschoben. Mit einem leisen Klick schloss sich die Tür.
»Klappe zu, Affe tot«, murmelte Carlos, der fast die gesamte Zeit geschwiegen hatte, während ihm die Gerichtsmedizinerin ausführlich ihre Herangehensweise und vorläufigen Ergebnisse erläutert hatte.
»Das habe ich gehört«, erklärte Marta Moreno Lopez lachend und droht ihm mit dem Finger. Dann schlüpfte sie elegant aus ihrer Bekleidung und warf diese zusammen mit dem Mundschutz und den gebrauchten Einmalhandschuhen in eine schwarze Recyclingtonne. Danach ging sie zu einem der Waschbecken und wusch sich akribisch ihre Hände, während sich ihr Gast ebenfalls seiner Kleidung entledigte.
10 Minuten später saßen sie gemeinsam im Büro der Gerichtsmedizinerin und tranken einen Kaffee.
Mit einem verschmitzten Lächeln stellte Garcia die Tasse auf den Tisch und lehnte sich zurück. Dann nahm er das Gespräch wieder auf, was sie im Umkleideraum der Gerichtsmedizin begonnen, allerdings noch nicht beendet hatten. »Letztlich hast du mich nur hierher eingeladen, um mir stolz zu zeigen, dass das Opfer einen kleinen Tumor an der rechten Niere besaß.«
»Ja, ich fand es zumindest so wichtig, dass ich dich lieber sofort informiert habe.«
»Dafür gibt es auch Telefone, das weißt du hoffentlich oder? Aber mal Spaß beiseite, war der Krebstumor für Wegner bereits lebensgefährlich?«
Marta Moreno Lopez schüttelte den Kopf. »Nein, er befand sich noch im Anfangsstadium und hatte darüber hinaus bisher keine Metastasen gebildet. Der Mann hätte also sehr gute Heilungschancen gehabt.«
»Ja, leider hatte der Mörder etwas dagegen. Du hast vorhin erwähnt, dass du bei der Klingenlänge des eingesetzten Messers circa 14,8 cm zugrunde legst.«
»Das ist richtig. Von der Eintrittswunde bis zur Unterseite des Herzbeutels sind es bereits 13 cm.«
»Der Täter hat tatsächlich nur einmal zugestoßen?«
»Genauso ist er vorgegangen, Carlos. Die Herzwand wurde nur an einer Stelle durchstochen. Das reichte allerdings völlig aus, um das Opfer so schwer zu verletzen, dass er letztlich innerlich verblutet ist. Er hatte von vornherein nicht die Spur einer Chance, den Angriff zu überleben und ich nehme an, der Täter hatte das auch so geplant.«
Garcia blickte Marta nachdenklich an, ehe er nach seiner Tasse griff, und einen Schluck Kaffee trank. Nachdem er sie wieder abgestellt hatte, meinte er zur Ärztin: »Gehe ich richtig in der Annahme, dass du einen Profi hinter der Tat vermutest?«
»Es muss zumindest eine Person gewesen sein, die sich mit der Anatomie des menschlichen Körpers auskannte. Messerstiche, die durch Laien ausgeführt werden, richten sich zumeist zentral auf den Oberkörper des Angegriffenen. Glücklicherweise wird das Herz in diesem Bereich durch eine Vielzahl von Rippen geschützt, sonst würden deutlich mehr Opfer bei mir in der Gerichtsmedizin liegen.«
»Der Täter hat allerdings die schützende Barriere elegant umgangen.«
Lopez nickte. »Richtig, er hat von unterhalb des Rippenbogens hochgestochen und dabei nicht eine einzige Rippe beschädigt. Ich glaube deshalb kaum, dass da ein Laie am Werk war und wenn man abschließend summa summarum alle Werte zusammenrechnet kommt man auf eine Klingenlänge von circa 14,8 cm.«
Carlos kratzte sich nervös am Hinterkopf, ehe er meinte: »So welche Messer gibt es doch wie Sand am Meer. Die sind in sämtlichen Messerblöcken, die in zahlreichen Küchen herumstehen, zu finden.«
Die Ärztin lachte laut auf. »Ja, mein Lieber, so etwas nennt sich auch Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.«
»Du hast verdammt recht«, brummte der Kriminalbeamte frustriert.
»Kopf hoch, Carlos, ich gehe davon aus, dass ich die Spezifikationen der Tatwaffe weiter eingrenzen kann.«
Ein Hoffnungsschimmer überflog das Gesicht von Garcia, während er murmelte: »Da bin ich jetzt mal gespannt, was kommt.«
»Ich gehe davon aus, dass der Messerangriff mit einer beträchtlichen Kraftanstrengung durchgeführt wurde. Der menschliche Körper besteht ja nicht aus Butter, sondern aus Haut, Organen und Knochen, die einem Messerstich einen wesentlich größeren Widerstand, als die meisten Angreifer vermuten, entgegensetzen. Bei zahlreichen Obduktionen konnte ich deshalb nachweisen, dass viele Haushaltsmesser bei Angriffen verbogen beziehungsweise gleich ganz abbrachen, sodass sich häufig noch Messerreste im Körper der Opfer befanden. Ich bin überzeugt, dass der Täter kein Messer aus einem Holzblock genutzt hat.«
»Sondern?«
»Vermutlich benutzte er ein Tauchermesser oder irgendein militärisches Kampfmesser, denn die sind wesentlich robuster.«
»Das heißt, wenn ich die Tatwaffe finde, kannst du sie eindeutig identifizieren?«
Marta lachte. »So einfach ist das natürlich nicht, mein Lieber und das weißt du auch ganz genau. Falls weder Blut noch DNA des Opfers anhaften, ist nur die Identifizierung des Messertyps möglich.«
»Hm«, Carlos sah die Ärztin nachdenklich an, »hatte die eingesetzte Messerklinge irgendwelche Besonderheiten?«
Sie nickte. »Ja, das habe ich bereits am Tatort kurz erwähnt. Die Klinge besitzt auf der Oberkante eine sogenannte Sägefunktion.«
»Okay, das deutet ebenfalls auf ein Spezialmesser hin oder?«
»Genau. Deshalb empfehle ich dir ja auch, dein Hauptaugenmerk nicht auf ein simples Küchenmesser zu richten.«
10 Minuten später
Noch immer lief AFIS im Hintergrund und es gab bisher leider keinen Treffer. Das beunruhigte allerdings Manuela Torres keineswegs, weil die Software Millionen Datensätze weltweit durchsuchen musste.
Sie hatte die Zeit genutzt, um die genaue Zusammensetzung der Schuhcreme zu ermitteln. Das war ihr mittlerweile gelungen und sie suchte gerade in einem langen Verzeichnis nach der verwendeten Marke. Glücklicherweise wurde sie bereits beim Buchstabe E fündig. Sicherheitshalber ging sie auch noch die restliche Liste durch, doch das Ereignis blieb das gleiche. Sie hatte tatsächlich das Produkt eindeutig identifiziert. Einerseits freute sich die Forensikerin über den Treffer, andererseits hatte sie ein gängiges Massenprodukt ermittelt. Mit einem orangefarbigen Marker kennzeichnete sie die betreffende Zeile, ehe sie erneut zum Telefon griff, um Alonso anzurufen.
Diesmal hob der Kommissar bereits nach dem ersten Klingeln ab und meinte lachend: »Wenn du jetzt kein Erfolgserlebnis für mich hast, lege ich gleich wieder auf.«
Manuela Torres schmunzelte, ehe sie schließlich erklärte: »Na ja, der Durchbruch ist es zwar nicht gerade, aber ich konnte wenigstens die Marke der Schuhcreme identifizieren.«
»Was macht eigentlich AFIS?«
»Das Programm arbeitet unermüdlich.«
»Es gab also bisher keinen einzigen Treffer.«
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