Sein Gegenüber nickte. »Ja, das Ehepaar hat auf der AIDAnova an einer Kreuzfahrt teilgenommen. 2 Stunden, bevor das Schiff zu seiner letzten Etappe nach Gran Canaria ablegen wollte, bekam ihr Mann einen Anruf.«
»Augenblick, Luis. Er wurde also angerufen.«
»Ja, das ist richtig.«
»Konnten wir das Handy sicherstellen?«
»Ja, es wird gerade von den Experten untersucht.«
»Ausgezeichnet«, brummte Garcia zufrieden, »es wäre ja nicht schlecht, zu erfahren, wer ihn angerufen hat. Was passierte nach dem Anruf?«
»Das Opfer hat umgehend das Schiff verlassen und ist nicht mehr zurückgekehrt. Bevor du fragst, die Ehefrau hat keinen blassen Schimmer, mit wem ihr Mann gesprochen hat und wohin er gegangen ist.«
»Wie wirkte er emotional auf sie?«
»Sehr nervös und aufgeregt. Aber er hat ihr nicht gesagt, was der Grund dafür war.«
»Okay, fassen wir mal zusammen. Das Opfer ist der 72-jährige deutsche Staatsbürger Kurt Wegner, der mit seiner Ehefrau an Bord der AIDAnova eine Kreuzfahrt rund um die Kanaren unternommen hat. Am 17. Mai erhielt er gegen 20.00 Uhr einen Anruf auf sein Handy, worauf er ohne Begründung das Schiff verlassen hat und nicht mehr zurückgekehrt ist. Gibt es sonst etwas Wesentliches hinzuzufügen, Luis?«
Sein Stellvertreter überlegte kurz, ehe er schließlich meinte: »Mithilfe von AFIS findet noch heute ein Datenabgleich mit dem sichergestellten Daumenabdruck statt. Vielleicht bekommen wir ja einen Treffer?«
Sein Freund schüttelte sofort den Kopf. »Dafür lege ich meine Hand ins Feuer, das wir nichts finden werden.«
»Hauptsache, du verbrennst dich nicht«, frotzelte Alonso.
»Wurden bereits das deutsche BKA und Europol informiert?«
»Nein, das erledige ich nachher gleich.«
Carlos richtete sich langsam auf. »Gut, gibt es sonst noch etwas Wichtiges?«
Sein Kollege überlegte kurz, ehe er leicht mit dem Kopf schüttelte. »Derzeit nicht.«
Kriminaltechnisches Labor, 1 Stunde später
Neben der DNA Analyse ist AFIS (Automatisierte Fingerabdruck Identifizierung System) die sicherste Methode, um Personen eindeutig zu ermitteln. Sämtliche von den nationalen und internationalen Polizeidienststellen übermittelten Daten werden dabei in den einzelnen Ländern zentral erfasst und zur Personenidentifizierung eingesetzt. Die seit vielen Jahren zuverlässige Praxis basiert auf der Codierung der anatomischen Merkmale, die im jeweiliger Finger- oder Handflächenabdruck abgebildet sind. AFIS erkennt diese einzigartigen Charakteristika automatisch und vergleicht sie mit dem Code von Millionen abgespeicherten Fingerspuren. Tatverdächtige können somit rasch identifiziert, Unschuldige entlastet, sowie Taten, die zusammengehören ermittelt werden.
Manuela Torres hatten den auf der Leiche von Kurt Wegner gefundenen linken Daumenabdruck bereits in AFIS eingegeben und löste in diesem Augenblick die Suche aus. Sie wusste aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen, dass es Stunden dauern könnte, bis endlich ein aussagefähiges Ergebnis vorlag oder eben auch nicht.
Um sich die Wartezeit abzukürzen, begann sie umgehend mit der Untersuchung der schwarzen Substanz, in dem der Daumenabdruck gefunden wurde.
Einige Zeit später, AFIS lief im Hintergrund immer noch, war sie in dieser Frage ein Stückchen weitergekommen. Es handelte sich um eine wässrige Emulsion auf Basis von Wachsen, der Silikonemulsion, Verdicker, Konservierungsmittel, sowie Farb- und Duftstoffen hinzugefügt waren.
Ein leichtes Lächeln überzog das Gesicht der attraktiven Forensikerin, als sie die Zusammensetzung der unbekannten Substanz auf dem ausgedruckten Zettel überflog. Schnell gab sie einige Begriffe in den Computer ein und las sich aufmerksam die Vorschläge durch, die auf dem Display angezeigt wurden.
Schließlich nickte sie kurz und murmelte: »Das habe ich mir fast schon gedacht.«
Wenig später druckte sie das endgültige Untersuchungsergebnis aus. Dann nahm sie rasch ihr Telefon und wählte eine Nummer.
Nach zweimaligen Klingeln wurde endlich abgenommen: »Ja, hier Alonso!«
»Ich bin es Manuela.«
»Grüß dich, hast du schon etwas herausgefunden?«
»Bei der unbekannten Substanz, in der wir den Daumenabdruck gefunden haben, handelt es sich um schwarze Schuhcreme.«
Einen Augenblick war Ruhe am anderen Ende, ehe ihr Kollege meinte: »Aha und welche Firma stellt sie her?«
Torres schien einen kurzen Moment überrascht, ehe sie spöttisch erwiderte: »Ich bin Forensikerin und keine Zauberin, Luis. Hast du eine Ahnung, wie viele Sorten schwarze Schuhcreme auf dem Markt sind? Ich schätze mal Tausende! Du wirst dich noch etwas gedulden müssen, bis ich den Hersteller identifiziert habe.«
»Okay, das war wirklich nicht abschätzig gemeint. Ich weiß doch, was für eine wichtige Arbeit ihr im Labor leistet.«
»Sollte das eben eine Entschuldigung gewesen sein, dann nehme ich sie an.«
Alonso beschloss, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen und die temperamentvolle Frau damit weiter zu reizen. Stattdessen meinte er nur: »Melde dich einfach, wenn du ein Ergebnis hast.«
»Klar, das werde machen.«
Der Kriminalist wechselte das Thema: »Was macht AFIS?«
Torres drehte sich rasch zum Computerdisplay um, ehe sie kurz und knapp sagte: »Die Suche läuft noch immer.«
»Gut. Halte mich auf dem Laufenden und vielen Dank für deinen Anruf.«
»Gern geschehen«, erwiderte sie lächelnd, bevor beide fast gleichzeitig das Gespräch beendeten.
1 Stunde später
Die Gerichtsmedizin der Kanaren befand sich in der Nähe des Campus Ofra der Universität La Laguna. Wie der Name schon sagte, wurde die Hochschule nicht direkt in der Hauptstadt angesiedelt, sondern weiter westlich. Obwohl die Vororte beider Städte mittlerweile übergangslos ineinander übergehen, sind die klimatischen Bedingungen trotzdem sehr unterschiedlich. Das lag vorrangig am Höhenunterschied von 550m über dem Meeresspiegel. Das bedeutete, dass die Temperaturen im Zentrum von Santa Cruz im Durchschnitt 4-7°C ganzjährlich höher waren, als in San Cristóbal de La Laguna, wie die Stadt offiziell heißt.
Diese klimatischen Wetterbedingungen kannte Hauptkommissar Carlos Sanchez Garcia natürlich, denn er lebte einige Jahre in der ehemaligen Hauptstadt Teneriffas. Er war soeben an der Gerichtsmedizin eingetroffen und stellte sein Dienstfahrzeug auf einem reservierten Parkplatz direkt vor dem Eingang ab.
Gerade als er aussteigen wollte, begann sein Handy in der Hosentasche zu klingeln. Etwas ungnädig zog er es heraus und blickte neugierig auf das Display. Mit einem leisen Seufzen ging er schließlich auf Empfang. »Was gibt es, Luis?«
Sein Kollege legte sofort los. »Nicht viel. Die Forensik hat mittlerweile herausgefunden, in welcher Substanz sich der Daumenabdruck befand.«
»Aha.«
»Es handelt sich um schwarze Schuhcreme.«
»Ich habe, ehrlich gesagt, so etwas erwartet. So leicht will es uns der Täter nicht machen, in dem er eine seltene Substanz benutzt hätte.«
»Ja, da hast du leider recht. Und was sagt Marta?«
»Keine Ahnung. Ich bin erst gerade angekommen«, erklärte Carlos lachend.
»Hoffentlich hat sie ja etwas Neues zu berichten.«
»Wir werden sehen, Luis. Aber ansonsten hätte sie mich bestimmt nicht angerufen.«
»Kommst du danach noch zur Dienststelle?«
Der Leiter der Mordkommission überlegt kurz, ehe er zurückhaltend meinte: »Hängt alles vom Gespräch hier ab und ob Kriminaltechnik sowie Forensik bahnbrechende Erkenntnisse vermelden können. Wenn nicht, findest du mich heute Abend mit Frau, Kindern und Enkeln auf der Terrasse meines Hauses beim Barbecue.«
»Das klingt gut.«
»Du kannst gerne mit Ines zum Essen kommen.«
»Mal sehen, was sie dazu sagt.«
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