Zwei Stunden später saßen sie auf dem hinteren Trittbrett eines Krankenwagens, der auf der einen Seite des asphaltierten Hauptweges der Parkanlage abgestellt war. Vor den Jungs stand ein Kripobeamter der Policia Nacional und befragte sie, während er schriftlich ihre Aussagen aufnahm.
Im Umkreis von 50m um die entdeckte Leiche herum, war das gesamte Gebiet mit einem gelben Plastikband abgesperrt worden und wurde darüber hinaus von Beamten der Policía Canaria bewacht. Das war auch notwendig, denn unter den Medienvertretern der größten Insel der Kanaren hatte sich das Ereignis natürlich längst herumgesprochen. Mindestens ein Dutzend Presseleute und drei Kamerateams warteten direkt vor der Absperrung auf Interviewpartner, die mit ernsten Gesichtern den Tatort verließen, um weitere Untersuchungsgeräte aus ihren geparkten Transportern zu holen.
Die einzigen beiden Wörter, die sie den wartenden Journalisten, immer wieder gebetsmühlenartig sagten, hießen: »Kein Kommentar.« Dann schlüpften sie rasch unter dem Absperrband durch und verschwanden im Unterholz, das so dicht war, dass man nichts vom eigentlichen Fundort sah.
In der Mitte des Epizentrums, direkt bei der Leiche, hielten sich nur ein Mann und eine Frau auf. Während der eine neben dem Körper hockte und aus einem aufgeklappten Koffer, der verschiedene Untersuchungsgeräte enthielt, immer wieder Teile herausnahm oder hineinlegte, stand der andere schweigend daneben und machte sich Notizen. Aus der Entfernung waren die beiden Beamten kaum voneinander zu unterscheiden, denn sie trugen den gleichen weißen Einweganzug, der für sämtliche Mitarbeiter, die an Tatorten zu tun hatten, vorgeschrieben war.
Schließlich räusperte sich der ältere Mann und meinte zu seiner Kollegin, die sich gerade erhoben hatte: »Ich muss ehrlich zugeben, dass ich bereits angenehmere Leichen gesehen habe.«
»Was du nicht sagst, Carlos?«, erwiderte sie ein wenig schnippisch.
»Kannst du schon Näheres zur Todesursache sagen?«
Marta Moreno Lopez blickte den Kriminalbeamten mit nachdenklicher Miene an. »Es sieht ganz so aus, als ob ein einziger Stich direkt ins Herz zum Tod des männlichen Opfers geführt hat. Aber wie du ja weißt, ein abschließendes Urteil erlaube ich mir natürlich erst, wenn ich den Körper eingehend in der Gerichtsmedizin untersucht habe.«
»Ist schon klar«, brummte der erfahrene Kriminalkommissar und strich sich etwas nervös über seinen imposanten Schnauzbart, der an den Bartenden bereits beträchtlich ins Grau überging. »Was könnte die Tatwaffe gewesen sein?«
Die Ärztin bückte sich rasch und klappte ihren schwarzen Lederkoffer zu, ehe sie ihn sorgsam verschloss und senkrecht hinstellte. Dann meinte sie lächelnd zum geduldig wartenden Kollegen: »Die Eintrittswunde, die gleichzeitig auch die Austrittswunde ist, sieht etwas ausgefranst aus. Das hängt wohl damit zusammen, dass der Täter die Waffe um 90° gedreht hat, eher er sie wieder aus dem Körper herausgezogen hat.«
»Okay.«
»Ich vermute, dass eine breite lange Klinge benutzt wurde, die auf der Oberseite ein Sägemuster besaß.«
»Also ein Küchenmesser?«
»Über diese Brücke möchte ich derzeit noch nicht gehen, Carlos. Das muss ich in jedem Fall detaillierter untersuchen. Beim Tatwerkzeug kommen alle möglichen Stichwaffen für mich in Frage. Vielleicht war es ein schlichtes Messer aus einem Messerblock, der weltweit in vielen Küchen vorhanden ist. Aber auch Seitengewehre aus dem militärischen Bereich will ich zurzeit nicht ganz ausschließen. Eines kann ich dir allerdings mit ziemlicher Sicherheit schon jetzt sagen.«
»Oh, das höre ich doch gerne«, erwiderte der erfahrene Kriminalist schmunzelnd.
»Der oder die Täter verstanden ihr Handwerk. Das war kein Zufallstreffer, der das Opfer getötet hat. Der Angreifer wusste ganz genau, wie man einen tödlichen Stich ansetzt.«
»Ist der Fundort auch der Tatort?«
Die zierliche Frau schüttelte umgehend den Kopf: »Das werden dir nachher sicherlich noch die Forensiker mitteilen, aber der Körper wurde eindeutig bewegt. Der Angriff selbst fand höchstwahrscheinlich auf dem schmalen Weg statt, der in circa 15m Entfernung durch den Park führt. Dort jedenfalls wurde eine größere Menge Blut gefunden, die vermutlich vom Opfer stammt. Erst nach der Tat wurde die Leiche hierher verbracht, um wahrscheinlich das rasche Auffinden zu erschweren.«
Carlos zeigte auf den schwarzen Abdruck, der trotz fortschreitender Verwesung mitten auf der Stirn zu erkennen war. »Was hältst du davon?«
Marta zögerte einen kurzen Moment, ehe sie leise meinte: »Für mich persönlich sieht das so aus, als hätte der Täter auf diese Weise, die Leiche als seine Trophäe eindeutig gekennzeichnet. Das ist ja geradezu ein typisches Verhalten von Serienmördern, das sie irgendetwas von ihren Opfern mitnehmen, sei es eine Haarsträhne, eine Uhr, Kette oder sogar Unterwäsche.«
»Und dann gibt es andere Mörder, die kennzeichnen ihre vermeintliche Beute, damit sie nur ihnen zugeordnet werden kann«, ergänzte er mit nachdenklicher Miene.
»Genau.«
Der Kriminalist sah nicht gerade glücklich aus, als er schließlich grimmig erklärte: »Das fehlt jetzt noch, dass hier auf der Insel ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Kurz vor Saisonbeginn wäre das eine touristische Katastrophe. Ist das eigentlich ein Fingerabdruck, mit dem die Leiche markiert wurde?«
»Ja und ein richtig detaillierter Abdruck dazu. Dein Kollege von der Spurenermittlung war jedenfalls begeistert, als er ihn sichergestellt hat. Er meinte, es handelt sich um einen 1a Daumenabdruck.«
»Kannst du die Todeszeit bereits näher eingrenzen, Marta?«
Die Ärztin nickte leicht mit dem Kopf, ehe sie mit leiser Stimme erklärte: »Der Zustand der Leiche, örtliche Wetterbedingungen, Madenbefall und Eiablage der Schmeißfliegen deuten auf einen Todeszeitpunkt zwischen 64 und 72 Stunden hin. Ich persönlich tendiere auf den früheren Zeitpunkt, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die Tat am helllichten Tag begangen wurde, weil dann im gesamten Park viele Einheimische und Touristen unterwegs sind. Ich vermute, der Täter hat den späteren Abend oder die Nacht für seine Tat genutzt.« Sie schaute ihren langjährigen Kollegen lächelnd an, ehe sie süffisant meinte: »Ich hoffe, ich habe nun sämtliche Fragen zur vollsten Zufriedenheit beantwortet, Carlos.«
Der Angesprochene murmelte etwas geistesabwesend: »Ja, das stimmt.« Schließlich ergänzte er leise: »Vielen Dank, Marta.«
»Gern geschehen. Wenn du nichts dagegen hast, lasse ich jetzt die Leiche abholen, damit noch heute die Obduktion durchgeführt wird. Falls sich dabei Relevantes ergeben sollte, melde ich mich danach bei dir. Ansonsten, wie gehabt, spätestens morgen früh. Ist das so okay?«
Carlos blickte die Ärztin kurz an, ehe er schmunzelnd sein Einverständnis gab: »Erlaubnis erteilt.«
3 Stunden später
Direkt vor Kriminalkommissar Garcia lag eine Plastiktüte, in dem sich deutlich sichtbar eine Geldbörse und eine kleine Plastikkarte befanden. Letzteres war ein Personalausweis. Ein Kollege der Spurensicherung hatte mit einem schwarzen Faserstift kurz und knapp vermerkt, wem die Gegenstände gehörten und wo sie sichergestellt wurden.
»Wir haben es also mit einem Deutschen zu tun«, meinte Garcia gerade zu seinem engsten Mitarbeiter, der ihm direkt gegenübersaß.
Luis Alonso nickte schweigend, ehe er nach der Tasse griff und einen Schluck Kaffee trank.
»Wissen wir inzwischen etwas mehr über das Opfer?«
»Ja, eine ganze Menge. Es liegt sogar seit Tagen eine Vermisstenanzeige vor.«
»Wer hat sie gestellt?«
»Die Ehefrau des Toten.«
»Wurde sie bereits von uns befragt?«
»Ja, Luisa hat sich mit der Frau unterhalten.«
Der Leiter der Mordkommission lehnte sich zurück und gähnte laut, ehe er schließlich meinte: »Haben die Aussagen etwas Relevantes für uns gebracht?«
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