1 ...8 9 10 12 13 14 ...32 Luisa sah ihn verwundert an: »Wo liegt überhaupt das Hauptproblem der deutschen Kollegen?«
»Sie konnten bisher keinerlei Beziehungen zwischen den einzelnen Opfern ermitteln, weil es sie vermutlich gar nicht gab.«
»Okay und was sagen die Profiler des BKA dazu?«, meldete sich Carlos gähnend zu Wort, der inzwischen einige Strichmännchen zu Papier gebracht hatte, anstatt sich Stichpunkte zu machen. Er mochte keine eintönigen Dienstberatungen mit ermüdenden Diskussionen, die letztlich nichts brachten.
»Die vermuten genau das Gegenteil. Bei den meisten Serientäter, die nach der Festnahme ausführlich befragt wurden, gab es häufig einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Opfern. Mal war es das Aussehen, das den Delinquenten an die verhasste Mutter oder den alkoholkranken und gewalttätigen Vater erinnert hat. Ein anderer Mörder wurde von gleichaltrigen Jugendlichen gehänselt, erniedrigt und vor den Mädchen lächerlich gemacht. Manchmal wurde auch nur die Liebe des Täters nicht erwidert. Gründe gab es viele und einer von ihnen war letztlich der Auslöser für die grausamen Straftaten.«
»Zusammengefasst, unsere Kollegen in Deutschland stecken mit ihren Ermittlungen in einer Sackgasse«, erklärte Carlos, während er ein weiteres Männchen, diesmal sogar mit Hut zeichnete.
»Ja, so kann man das auch ausdrücken.«
»Welche konkreten Probleme gab es denn?«, fragte Luisa verwundert, ehe sie kurz auf die Malkünste von Garcia blickte und schmunzelnd feststellte: »Ein zweiter Leonardo da Vinci wirst du aber nicht.«
Luis Alonso überflog inzwischen seine Notizen, ehe er bedauernd meinte: »Leider geht aus der Zusammenfassung nicht viel hervor. Allerdings konnte bereits ermittelt werden, dass es zwischen den Opfern keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen gab. Die deutschen Kollegen sind sich außerdem ziemlich sicher, dass sie sich untereinander überhaupt nicht kannten.«
»Wo genau befindet sich nur der berühmte Gordische Knoten, den wir durchschlagen müssen?«, murmelte Enrique Gómez mehr zu sich.
Aber die Kollegen hatten es trotzdem gehört und nickten ihm schweigend zu.
»Das ist die große Frage und ob wir den überhaupt auf unserer Insel finden, ist ziemlich fraglich«, erklärte Carlos mit nachdenklicher Miene.
»Ich kann mir gut vorstellen, dass der Täter Teneriffa längst wieder verlassen hat und wir haben damit einen unaufgeklärten Mord mehr«, erwiderte Manuela Torres frustriert.
»Abwarten. Nicht gleich die Flinte ins Korn werfen«, beruhigte der Hauptkommissar die Kollegin. Dann wandte er sich erneut an seinen Stellvertreter: »Gibt es sonst etwas Wichtiges?«
Luis überlegte eine Weile, ehe er zurückhaltend meinte: »Um noch einmal auf die Beziehungen der Opfer untereinander zurückzukommen. Ihr Alter liegt zwischen 63 und 80 Jahren, das heißt, einige waren bereits in Rente gegangen und die anderen standen kurz davor. Der Täter war laut Aussagen der Augenzeugen ein Mittfünfziger, also wesentlich jünger.«
»Und weiter?«, fragte Carlos provozierend.
»Aufgrund der unterschiedlichen Anzahl von Berufsjahren könnten Probleme zwischen Vorgesetzten und Angestellten vorgelegen haben.«
»Hast du für diese Aussage bereits einen Beweis gefunden?« Luisa blickte ihn skeptisch an.
Ihr Kollege hob entschuldigend die Hände hoch. »Das war jetzt nur eine laut gedachte Theorie von mir. Näheres kann ich vermutlich erst sagen, wenn ich gemeinsam mit den Deutschen die vorliegenden Informationen durchgearbeitet habe.«
Carlos nickte zufrieden. »Auf jeden Fall ist das ein interessanter Gedanke von dir, Luis. Vielleicht gibt es tatsächlich Bezugspunkte, die bisher übersehen wurden. Ich denke da beispielsweise an Kindergarten, Schule, Studium oder Berufsleben.«
»Du vermutest also, nur weil eine Kindergärtnerin einem Kind das Buddeln im Sand verboten hat, bringt er sie jetzt aus Rache um«, erklärte Enrique mit ernster Miene, aber seine Augen lachten dabei.
Carlos tippte sich schmunzelnd an die Stirn und konterte: »Nicht, dass ihr mir sämtliche Kindergärtnerinnen und Lehrer der Insel anschleppt und unter Polizeischutz stellen wollt.«
Alle fingen sofort laut an zu lachen.
Nachdem sich die Anwesenden wieder beruhigt hatten, fragte der Hauptkommissar, direkt an die Runde gewandt: »Gibt es sonst noch etwas Relevantes. Ich will die Beratung nicht unnötig ausdehnen.«
Manuela Torres meldete sich sofort und meinte zu ihrem Vorgesetzten: »Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich kurz ein paar Worte zu den aktuellen Untersuchungsergebnissen sagen.«
Garcia nickte und murmelte: »Selbstverständlich.«
»Danke. DNA und Daumenabdruck stimmen bei sämtlichen Tatorten überein. Leider gibt es in keiner der Datenbanken weltweit einen Treffer, nicht mal beim FBI.«
»Also trat er bisher überall als unbescholtener Bürger auf?«
»Ja, das ist bei Serientätern geradezu typisch. Viele führen ein Doppelleben zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Deshalb sind sie ja auch so schwer zu fassen.«
»Ein weiteres Problem ist, das nach deutschem Recht nur zur Durchführung des Strafverfahrens oder des Erkennungsdienstes Lichtbilder aufgenommen, sowie DNA, Fingerabdrücke, Messungen und ähnliche Maßnahmen beim Beschuldigten vorgenommen werden dürfen«, erklärte Alonso mit nachdenklicher Miene.
»Letztlich kann er trotzdem strafrechtlich längst auffällig geworden sein.«
»Wie meinst du das konkret?« Die Forensikerin sah Filipa Pérez verwundert an.
»Wenn ich beispielsweise bei ›Rot‹ gefahren bin, erhalte ich ein Fahrverbot und eine Ordnungsstrafe, aber die DNA und Fingerabdrücke brauche ich nicht gleich abzugeben.«
»Da hast du natürlich recht.«
»Wie sieht es eigentlich mit der Tatwaffe aus. Bist du ein Stückchen weitergekommen?«
»Ich habe mich nochmals mit Marta zusammengesetzt und wir sind der Auffassung, dass es sich um ein militärisches Kampfmesser gehandelt hat.«
»Eine Idee, wer der Hersteller sein könnte?«
»Es gibt so viele Anbieter, es wäre schön, wenn wir die Tatwaffe finden. Erst dann ist auch eine Identifizierung möglich.«
Luis hob kurz die Hand. »Die Deutschen vermuten übrigens, dass bei den Straftaten ein Bajonett der russischen AK-47 eingesetzt wurde.«
Carlos zog überraschend die Augenbrauen hoch und murmelte nur: »Oh.«
Bevor er etwas sagen konnte, kam ihm Manuela Torres bereits zuvor. »Das Messer steht mit auf unserer Liste.«
Der Hauptkommissar lächelte freundlich. »Na, dann weißt du ja, was du zu tun hast.«
Gerade, als er die Beratung endgültig beenden wollte, begann der Boden zu schwanken und die Erdstöße wurden sekündlich immer stärker.
Luisa Navarro reagierte als Erste und brüllte: »Alle sofort unter die Tische.«
Ihre Anweisung kam keinen Augenblick zu früh, denn mehrere größere Putzflächen lösten sich von der Stuckdecke des altehrwürdigen Gebäudes und stürzten krachend auf die Konferenztische, wobei sie jede Menge Staub aufwirbelten.
Geschockt warteten die Polizeibeamten unter dem schützenden Dach der zusammengeschobenen Tische das Ende des Erdbebens ab. Aber die Erschütterungen zogen sich hin. Noch mehrfach fiel Putz von der Decke und krachte mit ohrenbetäubendem Lärm auf die Tischoberflächen, sodass sie immer wieder zusammenzuckten.
Endlich nach über einer Minute wurden die Erdstöße schwächen und es dauerte nicht mehr lange, bis sie ganz aufhörten.
Langsam krochen die Konferenzteilnehmer unter den Tischen hervor und klopften sich den Putzstaub aus der Kleidung und den Haaren.
Kopfschüttelnd blickte Luis an die, vor wenigen Sekunden, noch prachtvolle Decke. Doch davon war nach dem Beben nicht mehr viel übriggeblieben, denn über ¾ des Putzes fehlte und lag, als große und kleine Brocken, auf den Konferenztischen herum. »Was ist bloß auf der Insel derzeit los?«, meinte er frustriert und ging mit langsamen Schritten zum Fenster, um hinauszuschauen.
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