»Was bedeuten diese Markierungen?«
»Sie zeigen die Epizentren der einzelnen Beben an und wie man gut erkennen kann, wandern sie vom Zentrum der Las Canadas aus in Richtung Teide.«
»Das heißt, der letzte rote Punkt, knapp neben dem Gipfel kennzeichnet das aktuelle Erdbeben?«
»Völlig richtig. Es hatte übrigens eine Stärke von 5,9 und das Hypozentrum befand sich 3,9 km unterhalb des Epizentrums.« Pedro Diaz sah ihn mit ernster Miene an.
»Das heißt, es kommt in absehbarer Zeit zu einem Ausbruch?«
Hugo Alvarez lachte, ehe er meinte: »Sie werden von uns derzeit keine eindeutige Antwort dazu bekommen. Noch ist alles möglich. Wenn beispielsweise der Materialzufluss aus der Magmakammer endet, steigt die Magmasäule nicht mehr höher, sondern das Magma erstarrt weit unterhalb der Oberfläche. Anders sieht es natürlich aus, falls kontinuierlich frische Gesteinsschmelze nachgeliefert wird. Dann kann es in der Tat zu einem Vulkanausbruch kommen.«
Carlos nickte und überlegte einen kurzen Moment, ehe er schließlich die Wissenschaftler ehrlich fragte: »Was meinen Sie, soll ich die Familie von der Insel evakuieren oder ist das nur Panikmache?«
Alvarez lächelte: »Um es nochmals zu sagen, von uns bekommen Sie derzeit keine 100%ige Prognose, was eintreffen könnte. Ich mache Ihnen allerdings einen Vorschlag. Ich werde sie informieren, wenn die Sache hier akut wird. Okay?« Er sah den Hauptkommissar freundlich an.
Garcia nickte. »Vielen Dank für das Angebot.«
»Gern geschehen.«
Carlos griff in seine Jackentasche und holte eine zerknitterte Visitenkarte heraus, die er vorsichtig glattstrich, ehe er sie dem Geologen dann doch nicht übergab, sondern wieder wegsteckte. Stattdessen zeigte er nochmals auf das Satellitenbild: »Sind das die Livebilder vom Satelliten?«
»Ja, warum?«
»Kann man das Bild näher heranzoomen.«
»Das ist möglich, dann muss ich allerdings eine zusätzliche Kamera aufrufen, weil diese hier hauptsächlich die Wanderung der Erdbeben auf der Oberfläche zeigt.« Er wechselte rasch zu einer neuen Satellitenaufnahme, die völlig anders aussah, wie die vorherige Ansicht. »Oh, das ist die falsche.«
Ehe der Geologe die Seite wieder in der Taskleiste ablegte, fragte Garcia neugierig: »Was ist hier zu sehen?«
»Es handelt sich um ein Radarbild, das die Erdverschiebungen in der Umgebung des Teide zeigt.« »Es sind unterschiedliche Höhenangaben in der Nähe des Berges zu erkennen.«
»Ja, das bedeutet, dass sich der Boden in einem begrenzten Bereich innerhalb der Caldera gehoben hat.«
»Ich vermute, weil Magma noch oben steigt.«
»Herr Hauptkommissar, ich bin begeistert. Wollen Sie nicht bei uns anfangen? Das Gehalt ist zwar nicht üppig, dafür aber ist der Job abwechslungsreich und spannend«, meinte Alvarez lachend zu ihm.
Der Kriminalist winkte schmunzelnd ab. »Ich muss das Angebot leider ablehnen, denn wer soll sonst die Kriminellen auf Teneriffa hinter Schloss und Riegel bringen?« Er wechselte das Thema und fragte den Geologen: »Wie genau ist eigentlich diese Methode?«
»Die Messgenauigkeit liegt bei wenigen Zentimetern und gleichzeitig entwickeln wir aus den Radarbildern aussagefähige 3-D-Modelle der Erdoberfläche.« Während er noch sprach, öffnete er einen weiteren Tab, der fast völlig schwarz war. Nur am äußersten linken Rand waren einige helle Lichtquellen deutlich zu erkennen.
»Viel zu sehen ist ja nicht. Sind das da die Lampen, die am Fundort der Leiche stehen?« Er zeigte auf das Display.
»Ja, das ist richtig.«
Carlos überlegte, ehe er fragte: »Der Satellit schwebt also ständig über Teneriffa und macht Aufnahmen.«
Die beiden Geologen nickten schweigend.
»Seit wann ist das so?«
»Circa 1 Woche.«
»Das heißt, es gibt über den gesamten Zeitraum von der Las Canadas einschließlich Teide Bilder?«
»Sie haben recht?«
»Aber die Kamera nimmt auch Menschen und Fahrzeuge auf, die sich in diesem Gebiet aufhalten oder?«
Pedro Diaz reichte das Frage- und Antwortspiel. Direkt an Garcia gewandt meinte kopfschüttelnd: »Sie schleichen, wie die Katze, um den heißen Brei herum. Die optische Satellitenkamera fotografiert alle 30 Sekunden den vorher festgelegten Bereich auf der Erdoberfläche und wer gerade dort unterwegs ist, erscheint natürlich auch auf dem Bildausschnitt. Ist es das, was Sie wissen wollten?«
»Ja und ob die Bilder gespeichert werden?«
»Selbstverständlich in unserer Cloud und bevor Sie fragen, wir können auf alle Aufnahmen jederzeit zurückgreifen.«
Der Hauptkommissar ging zu einem Stuhl, schob ihn neben Hugo Alvarez und setzte sich ächzend. Er klopfte dem Geologen auf die Schulter und meinte freundlich zu ihm: »Dann zeigen Sie mir mal bitte die Fotografien, die heute zwischen 11.00 Uhr und 13.30 aufgenommen wurden.«
»Nichts leichter als das!« Er klickte auf eine bestimmte App, wählte sich anschließend mit seinem Passwort in die Cloud ein und suchte den betreffenden Ordner. Als er ihn nach kurzem Suchen gefunden hatte, ließ er die enthaltenden Bilder, als Diashow abspielen.
Der Aufnahmebereich umfasste den kleinen Parkplatz an der Zapatilla de la Reina, sowie die gewaltigen Lavafelder, die einst die südlichen Hänge des Teide hinuntergeflossen waren und große Fläche der Caldera bedeckten. Zuerst drängten sich am ›Schuh der Königin‹ zahlreiche Autos und Busse. Das Bild änderte sich allmählich, als ein Jeep des Nationalparks auftauchte, aus dem 2 Ranger ausstiegen und sich mit den Touristen unterhielten. Vermutlich forderten sie die Leute zum Verlassen der Las Canadas auf.
15 Minuten später verließ der letzte Bus den Parkplatz und fuhr die TF 21 in Richtung Südküste davon. Dann lag der Bereich einige Zeit menschleer da, ehe ein einzelner schwarzer SUV die Straße entlangfuhr.
Das Bild, das um 12.29 Uhr aufgenommen wurde, zeigte am rechten Bildrand einen dunkelblauen PKW, der aus Richtung Puerto de la Cruz kam. Der Fahrer wollte wohl kurz vor Schließung des Nationalparks, die Abkürzung quer durch die Caldera nehmen.
Die nächste Aufnahme widersprach dieser Annahme deutlich. Der Wagen hatte direkt auf dem kleinen Parkplatz gehalten. Die Diashow lief gnadenlos weiter, als eine Person ausstieg, danach die Kofferklappe öffnete, eine Sackkarre herausholte und an die Seite stellte.
»Was macht der da?«, flüsterte Alvarez irritiert.
Carlos hatte eine dunkle Vorahnung. »Das werden wir gleichsehen. Können Sie mal bitte zur letzten Aufnahme zurückgehen und diese vergrößern.«
»Kein Problem«, erklärte der Geologe schnell und stoppte das automatische Abspielen. Er ging einen Schritt zurück und zoomte den Parkplatz beträchtlich heran, bis sich die Person im Mittelpunkt befand. Bei dem Autofahrer handelte es sich um einen schlanken Mann mit hellgrauem kurzem Haar. Bekleidet war er völlig unauffällig mit einer dunkelblauen Hose und einem dunklen Anorak. Obwohl sein Gesicht kaum zu erkennen war, trug er vermutlich keine Brille und es war ein Weißer.
»Können Sie noch etwas näher heranzoomen?«
»Ich versuche es.«
Kurz darauf wurde das Bild unscharf und die Konturen verschwammen farblich immer mehr.
»Schade«, murmelte der Kriminalist enttäuscht, »es wäre auch zu schön gewesen.« An Hugo gewandt flüsterte er: »Sie können die Diashow jetzt weiterlaufen lassen.«
Auf den nächsten Aufnahmen war zu sehen, wie der Mann einen länglichen Gegenstand aus dem Kofferraum zog. Dieser war vielleicht 1,80m lang und in einem schwarzen Umhang oder in Folie eingewickelt. Der Unbekannte benötigte einige Kraftanstrengungen, um das Objekt auf die liegende Sackkarre zu schieben. Danach zog er die Karre auf den kleinen Weg, der direkt zur geologischen Formation führte und verschwand schließlich aus dem Blickwinkel der Kamera.
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