Marta ahnte wohl, in welchem Zwiespalt er gerade steckte, denn sie meinte: »Dir ist garantiert auch schon aufgefallen, dass der Täter ein wahnsinniges Tempo bei seinen Straftaten vorlegt. Ich habe mich bereits gefragt, ob die Zunahme der Erdbeben, damit zusammenhängt?«
Er blickte sie irritiert an. »Wie kommst du darauf?«
»Ganz einfach Carlos, er will hier etwas beenden, was er in Deutschland begonnen hat, und zwar, bevor der Vulkan ausbricht.«
»Es ist ja noch gar nicht gesagt, ob es überhaupt zu einer Eruption kommt.«
»Die Chancen stehen wohl bei 50 zu 50.«
»Wer sagt das?«
»Die Kollegen der Spurensicherung haben sich vorhin kurz mit den beiden Geologen unterhalten, die unsere Leiche entdeckt haben.«
»Aha.«
Plötzlich waren ein lautes Knacken und Poltern zu hören, das aus dem Erdinnern zu kommen schien. Marta und Carlos sahen sich erschrocken an, eher der Hauptkommissar reagierte und ihr zurief: »Wir müssen sofort weg von der Formation.« Er griff nach der schmalen Hand der Rechtsmedizinerin, die immer noch in Einmalhandschuhen steckte und zog sie von der Leiche weg. Keine Sekunde zu früh. Ein schwerer Schlag traf die beiden Flüchtigen und riss sie förmlich auf den Boden, der glücklicherweise an dieser Stelle nur aus Sand bestand. Dann begann der gesamte Bereich rhythmisch auf und ab zu schwanken, während aus Richtung des Teide ein ohrenbetäubendes Poltern zu vernehmen war.
»Was war das?«, schrie sie geschockt.
Garcia war sich nicht sicher. »Wahrscheinlich eine Gerölllawine.«
So schnell, wie die Erdstöße gekommen waren, so rasch nahmen sie wieder ab. Vorsichtshalber warteten sie auf Knien noch einige Minuten ab, ehe sie langsam aufstanden.
Auch die Kollegen der Spurensicherung hatten das Erdbeben scheinbar gut überstanden und begannen gerade ihr umfangreiches Equipment zusammenzupacken. Am hellausgeleuchteten Parkplatz konnte man in diesem Augenblick eine graue Staubwolke sehen, die wahrscheinlich von der abgegangenen Lawine aufgewirbelt worden war.
»Ich lasse jetzt die Leiche abtransportieren. Hoffentlich ist der südliche Bereich noch frei«, erklärte die Rechtsmedizinerin und winkte hektisch zwei Kollegen heran, die eine Krankentrage in der Hand hielten.
Die beiden Männer reagierten sofort und begaben sich direkt zum Fundort. Dort rollten sie einen schwarzen Leichensack auseinander und legten den Toten hinein, ehe sie den Reißverschluss zuzogen und den schweren Sack auf die Trage hievten. Keine Sekunde zu früh, denn in diesem Moment erreichte die Staubwolke die geologische Formation und hüllte sie völlig ein.
Bei sehr eingeschränkter Sicht ging Carlos langsam zum Parkplatz zurück und suchte nach seinem Chauffeur. Als er das Polizeifahrzeug endlich entdeckt hatte, öffnete er schnell die Beifahrertür und setzte sich seufzend hinein.
Der Fahrer blickte ihn fragend an: »Wo soll es jetzt hingehen?«
»Zum Präsidium.«
Der junge Polizist startete umgehend den Motor und wollte gerade wenden, als der Hauptkommissar ihn zurückhielt. »Warten Sie bitte kurz.« Dann öffnete er seine Tür und rief Marta zu, die soeben mit den Trägern am Transporter der Rechtsmedizin angekommen war: »Hast du bei der Leiche irgendein Dokument gefunden, damit wir ihn identifizieren können?«
Sie schüttelte den Kopf. »Er hatte nichts bei sich?«
»Keinen Personalausweis, Führerschein oder Chipkarte der Krankenkasse?«
»Nein.«
»Okay danke.« Er hob zum Abschied die Hand und schlug die Beifahrertür wieder zu.
»Und jetzt zum Präsidium, Señor Garcia?«
Überraschenderweise schüttelte der Hauptkommissar den Kopf. »Später, zuerst fahren Sie mich bitte zum Hotel, in dem die Geologen untergebracht sind.«
Der Chauffeur sah ihn verwundert an und meinte leise: »Hauptsache, die Lawine hat die Straße nicht verschüttet.«
»Das werden wir bald wissen, junger Mann. Fahren Sie höchstens Schrittgeschwindigkeit.«
»Das hatte ich sowieso vor, da die Sicht durch den aufgewirbelten Staub äußerst schlecht ist.«
Hotel ›Parador de Cañadas del Teide‹
Im Restaurant brannte noch Licht, als der Wagen auf dem Parkplatz zum Stehen kam. Die Sicht hatte sich mittlerweile wieder deutlich gebessert, sodass immer mehr Sterne am wolkenlosen Nachthimmel zu erkennen waren.
Der Hauptkommissar öffnete die Beifahrertür, während er gleichzeitig zum Fahrer sagte: »Sie warten bitte hier. Ich bin gleich zurück.«
»Alles klar, Señor.«
Dann schlug er die Autotür von außen zu und lief sofort zum Hoteleingang, der sich etwas versteckt auf der linken Seite des Gebäudes befand. Im Foyer angekommen, begab er sich umgehend zum Restaurant, dessen Eingangstür nur leicht angelehnt war. Er klopfte an, ehe er sie öffnete und den Raum betrat. Die beiden Geologen, die nebeneinander vor mehreren Computerbildschirmen saßen, blickten überrascht zur Tür, als der Kriminalist eintrat.
Hugo Alvarez erhob sich von seinem Platz und fragte ihn verwundert: »Können wir etwas für Sie tun, Señor?«
»Das hoffe ich.«
»Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
»Sorry«, murmelte der Kriminalist. Er kramte seinen Dienstausweis aus der Jackentasche hervor und hielt sie dem Wissenschaftler hin. »Ich bin Hauptkommissar Garcia von der hiesigen Kriminalpolizei.«
»Hugo Alvarez.«
»Pedro Diaz«, stellte sich sein Kollege vor, der vor den Bildschirmen sitzen geblieben war. Anschließend meinte er irritiert: »Wir haben Ihrem Mitarbeiter bereits alles gesagt, was wir wissen.«
Carlos nickte. »Das ist mir bekannt. Deshalb bin ich nicht hier.«
Die beiden Geologen wirkten überrascht. »Und weswegen dann, Herr Hauptkommissar?«
»Ich lebe bereits seit meiner Geburt auf der Insel, aber solche starken Erdbeben, wie in den letzten Tagen, habe ich hier noch nicht erlebt.«
Alvarez nickte. »Das kann ich nur bestätigen, Señor. Deshalb wurde ja auch, auf unserer Veranlassung hin, der gesamte Nationalpark für den Publikumsverkehr gesperrt.«
»Wie gefährlich ist die derzeitige Situation?«, fragte der Polizist leise.
Die Wissenschaftler sahen sich kurz an, ehe Diaz meinte: »Da sind wir uns noch nicht ganz sicher.«
Garcia bemerkte natürlich die auffallende Zurückhaltung der beiden, die er ein wenig merkwürdig fand. Hatten sie vielleicht etwas zu verbergen oder wurde ihnen ein Maulkorb von offizieller Stelle verpasst? Er beschloss deshalb, in die Offensive zu gehen. »Wie gefährlich sind diese Erdbeben für die Insel?«
»So lange es so bleibt, wie bisher haben Sie nichts zu befürchten, Señor.«
Carlos schüttelte mit nachdenklicher Miene den Kopf, ehe er leise entgegnete: »Ich habe das unangenehme Gefühl, dass Sie mir Informationen vorenthalten und das gefällt mir ganz gar nicht. Deshalb frage ich mal andersherum. Steht ein Vulkanausbruch unmittelbar bevor?«
Alvarez nickte leicht, ehe er erwiderte: »Das ist derzeit keinesfalls auszuschließen.«
Dem Hauptkommissar reichte es jetzt. »Ich möchte ehrliche Antworten haben und ich vermute, dass ich sie von Ihnen erhalten kann. Ich bin auch nicht in meiner Funktion als Kriminalist gekommen, sondern als besorgter Familienvater, dem die Sicherheit der eigenen Angehörigen sehr am Herzen liegt.«
»Verstehe«, murmelte Diaz und lehnte sich zurück.
»Ich verspreche Ihnen, alles, worüber wir uns hier unterhalten, bleibt unter uns und wird den Raum nicht verlassen. Deshalb wiederhole ich nochmals meine Frage. Steht ein Vulkanausbruch unmittelbar bevor?«
Hugo lächelte, ehe er sich räusperte und mit leiser Stimme sagte: »Ob es zu einem Ausbruch kommt, ist zurzeit noch völlig unklar. Wir registrieren allerdings seit einigen Tagen, dass eine Magmasäule, die ihren Ursprung in einer großen Magmakammer unterhalb der Insel hat, derzeit ziemlich schnell in Richtung der Erdoberfläche aufsteigt. Sie ist gleichzeitig auch für die Erdbeben verantwortlich.« Er drehte ein LCD-Display direkt zum Hauptkommissar. Es zeigte eine Satellitenansicht der gesamten Caldera, in der sich mehrere rote Punkte befanden, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht waren.
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