Wir saßen nebeneinander auf der Couch. Ich hatte meinen Arm um Jasmins Schultern gelegt. Jetzt zog ich sie noch weiter zu mir heran. Sie wandte mir ihr Gesicht zu. Wir schauten uns in die Augen, bis sie die ihren schloss. Unter Paaren, die schon länger zusammen sind, entwickeln sich Signale, die für Sender und Empfänger unmissverständlich sind. Das Schließen der Augen war zwischen uns ein solches. Ich drehte mich zu ihr hin, und zum ersten Mal seit einiger Zeit versanken wir in einen Kuss tiefster Zärtlichkeit.
„Komm“, sagte sie später. Dies war eines unserer Signalwörter. Sie stand auf, ergriff meine Hand und zog mich, ich ahnte wohin. Dann waren wir zusammen, so zusammen, wie schon längere Zeit nicht mehr. Hingabe von beiden Seiten - und doch war da nichts Mechanisches oder Eingefahrenes. Dass wir gemeinsam den Höhepunkt erreichten, war nicht allnächtlich und zeugte heute von mehr als nur gefühlsbedingter Übereinstimmung.
„Das Frühstück ist fertig“, holte sie mich am Sonntagmorgen aus tiefem Schlaf. Später setzten wir uns an unsere Schreibtische, die wir im Arbeitszimmer einander gegenübergestellt hatten.
„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“, nannte sie heute ihre Aufzeichnungen, während ich das erste Kapitel meiner Geschichte konzipierte.
Also war der Bereich um die Ausgrabung bereits in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts besiedelt worden, in der sogenannten Karolingerzeit. Die bisherigen Funde beweisen, dass es sich bei dieser Kirche um einen der ältesten Sakralbauten in Hessen handelt. Sie bestand demnach um die 600 Jahre, als sie, so die Grabungsergebnisse, um das Jahr 1350 zerstört wurde. „Welches werden die handelnden Personen meiner Geschichte sein?“ fragte ich mich jetzt. Einen hatte ich schon bestimmt, den Pfarrer Martin, den ich nach dem Heiligen Martin benannt hatte.
Jener musste Amtsbrüder und Amtsschwestern gehabt haben, möglicherweise den Pfarrer der Bischofskirche im heutigen Bischofskirchen und die Oberin des Klosters Altenberg. Der Pfarrer und die Oberin, das konnte spannend werden.
„Machen Sie da nicht was über die Martinskirche?“
Ich erschrak, hatte ich ihn doch nicht bemerkt, meinen Vermieter Paul Wittlich, der jetzt hinter der Hecke, die sein Grundstück umschließt, hervortrat.
„Tag, Herr Wittlich, ich habe sie nicht bemerkt und mich deshalb erschrocken.“
„Macht nichts, Herr Jung, also ich hätte da was für Sie, ich hol‘s grad.“
Er verschwand hinter der Haustür und kehrte kurz darauf zurück, streckte mir seine Hand entgegen, in der er eine braune Scherbe hielt.
„Das da habe ich gefunden, als wir damals die Grube für den Teich haben ausgraben lassen.“
Ich nahm das Keramikstück in die Hand und betrachtete es von allen Seiten. Offensichtlich handelte es sich hier um ein Bruchstück aus einem in Ton gebrannten Behälter. Es sieht aus, als sei der Boden des Topfes mit Fingern festgedrückt worden, schloss ich aus den Dellen am unteren Rand des Bruchstückes.
„Aus der Grube für den Teich, sagten Sie?“
„Ja.“
„Und aus welcher Tiefe etwa?“
„Naja, so einen Meter.“
„Interessant, Herr Wittlich, und was haben sie damit vor?“
„Keine Ahnung, ich dachte nur, vielleicht können die da unten das gebrauchen“, und dabei wies er mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Ausgrabungsstelle etwa 300 Meter hangabwärts, jenseits der Bundesstraße.
„Das trifft sich gut, ich bin gerade auf dem Weg dorthin.“
„Was soll ich damit, geben Sie es denen dort.“
Ich nahm die Scherbe an mich. Sie war so fest und dick, dass ich sie bedenkenlos in meine Hosentasche stecken konnte. Eigentlich war ich mir gar nicht so sicher gewesen, nun aber hatte ich einen Grund sie zu besuchen. Natürlich würde ich Rajna das Fundstück übergeben und nicht dem Ausgrabungsleiter. Der hatte mich ja an die Studentin verwiesen.
Ich steckte also die Keramikscherbe in die Seitentasche meiner alten Militärhose und machte mich auf den Weg zur Ausgrabungsstelle.
Der Himmel hatte sich zugezogen, schwül heiß war die Luft. Vielleicht würde es endlich ein Gewitter geben. Wochenlang schon dauerte die Hitzewelle an, die wieder einmal die Klimaforscher auf den Plan rief. Von einem Jahrhundertsommer war die Rede, und dass dieses Wetter ein Anzeichen für einen Klimawandel sei.
An der Ausgrabungsstelle angekommen, stellte ich mit Erleichterung fest, dass die Bauwagentür
offen stand. Vor dem Bauwagen der Tapeziertisch und rundherum einige Campingstühle, allerdings unbesetzt. Also waren sie alle bei der Grube.
Mein Blick dorthin war durch einen Berg Erdaushub versperrt. Über einen Trampelpfad gelangte ich an den Erdhaufen. Ein paar Schritte um ihn herum, und ich erstarrte. Allein, zwischen den freigelegten Grundmauern der Kirche saß sie, bekleidet mit dem mir schon bekannten Bikini, mir den Rücken zugewandt, auf einem Tuch, ein Buch in den Händen haltend.
“Verweile doch, du bist so schön“, dachte ich mit dem Dichter. Schon wollte ich zu ihr hingehen, als ich plötzlich die Idee für das Titelbild meines Buches hatte. Zum Glück hatte ich mein Smartphone eingesteckt. Ich nahm es aus der Hosentasche, hielt es hochkant in ihre Richtung und drückte ein paar Mal auf den Auslöser. Später würde ich Sie fragen, ob sie damit einverstanden sei, das Motiv für den Bucheinband abzugeben.
„Hallo!“, rief ich vorsichtshalber, um Rajna nicht zu erschrecken. Sie wandte sich mir zu und als sie mich erkannte, legte sie das Buch auf die Seite und winkte mich heran.
Jetzt war ich froh darüber, die Scherbe dabeizuhaben, konnte ich doch so die aufgekommene Verlegenheit überspielen, die sich eingestellt hatte. So sehr überraschte mich das Bild, Rajna, auf einem Handtuch sitzend, inmitten von Steinhaufen und Mauerresten.
„Setzen Sie sich doch zu mir, Herr Jung“, sagte sie, und dabei deutete sie auf eine Steinplatte etwa, einen Meter von sich entfernt.
„Ja danke“, sagte ich, und bevor ich Platz nahm, holte ich die Scherbe aus der Tasche, um mich nicht aus Versehen darauf zu setzen.
„Schauen Sie Rajna, was mir mein Vermieter mit der Bitte übergeben hat, es an Sie weiterzugeben!“
„Immer noch der Alte“, sagte sie lachend. Dabei murmelte sie: “Mit der Bitte übergeben hat.“ Sie nahm mir das Keramikteil aus der Hand und betrachtete es eingehend.
„Interessant“, meinte sie schließlich, „und wo genau hat er das gefunden?“
Ich gab wieder, was mir der Mann erzählt hatte.
„300 Meter“, sagte sie und blickte in westliche Richtung. “Ja, das könnte hinkommen, dort etwa könnte sich die Siedlung befunden haben, die seinerzeit gewüstet wurde.“
„Sie meinen Loynmitte?“
„Woher wissen Sie das?“
„Nun, ich habe recherchiert.“
„Sie scheinen es ja wirklich ernst zu meinen.“
„Eh, womit?“
„Naja, sagten sie nicht, sie wollten eine Geschichte zu den Vorgängen hier um das Jahr 1350 schreiben?“
„Ja, das will ich immer noch, allerdings, wie sie sagten, eine Geschichte, besser gesagt, eine lange Kurzgeschichte.“ Rajna lachte.
„Worüber lachen Sie?“
„Über den Begriff lange Kurzgeschichte. Ist das nicht ein Widerspruch?“
„Überhaupt nicht, eben kein Roman, sondern vom literarischen Charakter her eine längere Erzählung.“
„Naja, jetzt erinnere ich mich, hatten wir in der Schule, in Deutsch.“
Jetzt wollte ich doch wissen, was Rajna heute hier so allein zu tun hatte. Der Ausgrabungsleiter und die anderen seien zu einer Besprechung beim Bürgermeister. Man wollte klären, was mit der Ausgrabungsstelle geschehen sollte, wenn die Grabungen abgeschlossen sind.
Sie hatte praktisch die Wache übernommen. „Bis abends, bis zur Rückkehr meiner Kommilitonen“, erklärte sie. Bis abends, dachte ich und empfand die Aussicht angenehm, noch eine Zeit lang mit ihr plaudern zu können.
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