Ich glaubte, Jasmin sei überhaupt nicht anwesend. Sie kaute wie automatisch auf ihre Pizza herum.
„Jasmin, was ist los? “hielt ich es nicht mehr aus. Immer noch keine Reaktion ihrerseits. „Jasmin!“ wurde ich etwas lauter. „Ja, ach so, ja, ich habe ein Kind geschlagen.“ „Wie, was? Ein Kind geschlagen?“
„Also gut, ich wollte es erst zu Hause erzählen – aber ich muss es jetzt loswerden.
Vor drei Tagen hatten wir einen Wandertag. Wir also los zum Bahnhof Westend. Kurz vor der Station, du weißt, diese viel befahrene Straße. Ich lief vorne, hielt an der Ampel, als Klaus-Dieter, der Junge von dem Lehrerehepaar, einfach weiterlief. Ich erwischte ihn gerade noch an der Schulter, riss ihn zurück, brüllte ihn an: ‘Kannst du nicht warten, du…‘. Er grinste mich an, du weißt, mit dieser Miene, die Kinder Erwachsenen gegenüber provozierend aufsetzen, und meinte abschätzig: ‚Ich gehe, wann ich will, Tante.‘ Noch immer hielt ich ihn an der Schulter fest. Da trat er mir vor das Schienbein, dass ich schmerzhaft zusammenzuckte, ihn losließ, mich aber nicht beherrschen konnte und ihm eine knallte.
‚Das sag ich meinem Papa, der es nämlich Lehrer‘, brüllte er. Innerlich immer noch erregt, blickte ich dem Bengel in die Augen und sagte betont leise und ganz langsam: ‚Und deiner Mama, die ist nämlich auch Lehrerin‘. ‚Und meiner Mama!‘ schrie er und lief erneut auf die Straße. Doch da hatte die Ampel auf Grün umgeschaltet und nichts passierte. Inzwischen hatte ich mich beruhigt. Vor dem Bahnhofsgebäude ließ ich anhalten und wartete, bis alle da waren. ‚Klaus-Dieter‘, sagte ich nun in dem Befehlston, den ich nur selten anwende, ‚ab sofort bleibst du hinten, bei Frau Lange, und immer neben ihr, nie vor oder hinter ihr, hast du mich verstanden?‘ Er antwortete nicht. Ich sah ihn an und ergänzte: ‚Tust du das nicht sofort, brechen wir die Sache hier ab, gehen nicht in den Zoo, sondern laufen zurück zum Kindergarten.‘ Er überlegte. Da meinte die Melanie, sie ist das größte und sicherlich auch stärkste Mädchen in der Gruppe, dessen Mutter Schichtarbeiterin bei Höchst ist: ‚Klausi, du Arschloch, wenn du nicht sofort machst, was sie sagt, und wir wegen dir nicht in den Zoo gehen, dann kriegst du sie auch noch von mir und das kannst du dann ruhig auch deinem Papa und deiner Mama verklickern.‘
Das wirkte. Später berichtete die Kollegin: ‚Den ganzen Tag ist er nicht von meiner Seite gewichen.‘ So, das war‘s Pavel, und jetzt ist mir wohler.“
Während ich das letzte Achtel meiner Pizza aß, dachte ich über das Gehörte nach.
„Zwei Grappa!“ rief Jasmin in Richtung der Theke.
„Was glaubst du, kann da noch etwas von den Eltern kommen?“ „Da bin ich mir ziemlich sicher.“
Entspannt saßen wir später auf unserer Couch. Ich musste noch einmal von meinem Vorhaben berichten. Jasmin bestärkte mich in meiner Absicht, nicht ahnend, dass sie damit einen Teil der Wende, unser Leben betreffend, mit eingeleitet hatte.
Am Samstag begann ich mit den Vorarbeiten zu meiner Geschichte, der ich den neuen Arbeitstitel „Pfarrer Martin“ gab. Pavel schreibt über Martin, dachte ich, als ich das Online-Archiv der Wetzlarer Regionalzeitung öffnete. Dort fand ich einen Artikel über die Ausgrabungen in Leun. Außerdem besaß ich die zehnbändige Ausgabe „Deutsche Geschichte“ sowie das Buch „Geschichte in Übersichten“.
Damit zog ich mich in mein Arbeitszimmer zurück und informierte mich grob über die Zeit vom 10. bis zum 15. Jahrhundert, über Merkmale der Feudalgesellschaft, aber auch über die Fürsten-und Kriegsgeschichte. Schließlich nahm ich mir vor, online Informationen zur Regionalgeschichte einzuholen, zum Beispiel zu der von Wetzlar, zu der vom Kloster Altenberg und zur Herrschaft der Grafen zu Solms und Brunenvelß.
Als ich so dasaß und nachdachte wanderten meine Gedanken nach Leun, zum Ort der Ausgrabungen.
„Die Rajna kann Ihnen weiterhelfen“, hatte der Ausgrabungsleiter gemeint. Weiterhelfen wobei? Vielleicht beim Fabulieren über Ereignisse, die seinerzeit, also vor fast 700 Jahren, zur Zerstörung dieser Kirche geführt hatten?
Rajna studierte Archäologie, hatte sich also immer an die Fakten zu halten. Ein gefundenes Tongefäß ist so und so alt, stammt aus der Zeit des Königs... Vielleicht kann sie noch anhand von Restinhalten herausfinden, was darin aufbewahrt worden war.
Unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen sowohl das Gefäß, als auch sein Inhalt produziert worden waren, diese Fragen haben sich dann die Historiker zu stellen. Rajna musste also wissen, aus welchem Material die Kirchenglocke, die man dort gefunden hatte, bestand und zu welchem Zeitpunkt sie zerstört worden war. Darüber lässt sich nicht spekulieren.
Die Antwort auf die Fragen aber, wer sie und warum zerstört hatte, bleibt dem Wissen und der Fantasie des Geschichtswissenschaftlers überlassen. Diese Fragen und den damit verbundenen Überlegungen wollte ich mich nun stellen. War es da nicht angebracht, mit der Studentin zusammenzuarbeiten, wenn sie daran interessiert war? Ihre Mail-Adresse hatte ich. Was hielt mich davon ab nachzufragen?
Nichts - also schrieb ich ihr, dass ich mich entschlossen hätte, eine Geschichte über den Pfarrer dieser Kirche, dem ich den Namen Martin gegeben habe, zu schreiben.
„Also Rajna, wenn Sie Lust haben, mir dabei zu helfen, lassen Sie es mich bitte wissen. Die E-Mail unterschrieb ich mit „Pavel der Erzähler“. Keine 10 Minuten darauf erfolgte die folgende kurze Antwort: „Gerne“, versehen mit der Unterschrift „Rajna, die Grabende“.
Na dann, dachte ich, und zum ersten Mal freute ich mich auf die Rückkehr an meinen Arbeitsort – Arbeitsort?
In dem Augenblick betrat Jasmin mein Arbeitszimmer. „Störe ich?“ fragte sie sonst immer. Heute nicht.
“Der Vater von Klaus-Dieter hat angerufen, er will die Sache nicht auf sich beruhen lassen.“
Ich wusste sofort, worum es ging
„Jasmin, ich glaube, wir brauchen einen Anwalt.“
Sofort wusste ich, ich würde zu ihr stehen. Alle gedanklichen Wanderungen waren vergessen, es war wie zuvor. Jasmin galten alle meine Gefühle von Zuneigung, Freundschaft und Liebe.
Wir besprachen unser weiteres Vorgehen. Jasmin war Mitglied der Gewerkschaft. Die musste sie in dieser Angelegenheit unterstützen, davon gingen wir aus. Gleich am Montag würde sie sich an ihren Vertrauensmann wenden, meinte sie. Und schon war uns leichter zumute. Ich holte eine Flasche Wein aus dem Keller. Dann setzten wir uns und gingen die ganze Sache noch einmal durch.
„Weißt du Jasmin“, meinte ich schließlich, „da kommt mir der Notwehrparagraf in den Sinn.
Einige Seminare Rechtslehre hatte ich seinerzeit absolvieren müssen. Und diesen Paragrafen hatten wir intensiv diskutiert, weshalb ich Ihn noch immer hersagen konnte: „Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“.
„Er hat dich getreten, du hast dich verteidigt. Hättest du ein Messer gezückt und auf ihn eingestochen, da wäre die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht gewahrt gewesen“, ergänzte ich spaßeshalber.
„Gut Pavel, dass wir schon darüber lachen können. Ich weiß nicht, ob dieser Rechtsgrundsatz auf die nämliche Situation anzuwenden ist, doch ich werde ihn in die Diskussion einbringen. Mein Hauptargument wird allerdings sein, dass ich Klaus-Dieter schließlich vor einem möglichen Unfall bewahrt habe.“ „Du gehst also davon aus, dass man dich zur Rechenschaft ziehen wird?“
„Aber ganz sicher. Ich werde allerdings versuchen, zuerst mit den Eltern des Jungen ein klärendes Gespräch zu führen.“
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