„Ich werde mich zu Ihnen setzen und während der ganzen Prozedur ihre Hand halten, wenn Sie nichts dagegen haben.“ auch zu dem Vorschlag von Silvia Adler gab der Vater von Devius durch ein leichtes Nicken seine Zustimmung. Als sie sich neben ihn setzte, kuschelte Johannes Melzer sich an Silvia Adler an und lächelte sogar leicht. Dann fing Devius an, den Zauber des Vergessens zu beschwören.
Schon nach wenigen Augenblicken bildete sich in Devius Händen eine Kugel aus rotem Licht, die so intensiv leuchtete wie bisher keine vor ihr. Diese schickte er in Richtung seines Vaters, der diese Lichterscheinung voller Panik auf sich zukommen sah und anfing, vor Furcht zitternd zu schreien. Nur die Anwesenheit von Silvia Adler und ihr beruhigend wirkendes Einreden auf seinen Vater bewahrte sie davor, dass Johannes Melzer vor Entsetzen aufsprang und aus dem Zimmer floh. Nein, er blieb zitternd vor Angst sitzen und ertrug alles mit einem gequälten Ausdruck auf dem Gesicht. Jetzt umhüllte ihn der rote Schein und sein Gesichtsausdruck entspannte sich etwas.
Nachdem das Licht erlosch, sackte er allerdings mit einem Stöhnen auf dem Sofa zusammen und verlor das Bewusstsein. Als Devius das sah, lief er schnell zu seinem Vater, aber so sehr er es auch probierte, musste er enttäuscht feststellen, dass es ihm nicht gelang, ihn zu wecken. Auch Silvia Adler brachte es nicht fertig, Johannes Melzer wieder wachzurütteln. Sie untersuchten ihn daraufhin besorgt und stellten fest, dass Devius Vater nur noch ganz flach atmete und auch sein Puls kaum noch zu spüren war. Da machten die beiden sich große Vorwürfe und hatten die Befürchtung, dem Vater von Devius vielleicht doch Zuviel zugemutet zu haben. Was sollten sie nun tun? Was war bei dem Zauber schief gegangen? Würde Johannes Melzer wegen ihres Leichtsinns sterben müssen? Das konnte und durfte nicht sein, sie mussten dringend etwas unternehmen, nur was? Sollten sie den Notarzt rufen? Aber was sollten sie ihm sagen? Dass der Zustand von Devius Vaters durch einen Zauber hervorgerufen worden war?
14. Kapitel
Ich war jetzt schon lange unterwegs und mir wurde immer wärmer und wärmer. Ich zog meine Hose und mein Hemd aus, aber das half nicht viel. Dann hatte ich mit einem Mal furchtbaren Durst, aber keiner gab mir etwas zu trinken. Warum war ich eigentlich hier auf dieser Straße? Ich wusste es nicht mehr. Ich konnte mich nicht erinnern. An was konnte ich mich überhaupt noch erinnern? Mein Kopf fühlte sich so furchtbar leer an. Kaum etwas, was ich fassen konnte, kaum etwas, was ich noch wusste.
Aber da war doch etwas. Etwas in meinem Kopf sagte mir, dass ich irgendwohin gehen musste. Ich sollte irgendjemanden finden, nur wen? Auf einmal erschien ein Gesicht in meinem Kopf. In diesem Moment wusste ich wieder, nach wem ich suchte. Ich suchte nach meinem Sohn. Nur wohin musste ich gehen, um ihn zu finden? In welche Richtung musste ich mich wenden?
Ich spürte, dass mein Sohn meine Hilfe brauchte. Er wartete auf mich, aber wie konnte ich zu ihm kommen? Ich dachte nicht nach, sondern lief einfach weiter. Die Richtung würde schon stimmen. Alle Leute, denen ich begegnete, schauten mich seltsam an. Was wollten die von mir. Ich hatte denen doch nichts getan. Hielten die mich für verrückt?
Dann kam ich zu einer Tür mit einer Klingel. Ich spürte, dass das die richtige Tür war, also klingelte ich. Eine junge Frau machte mir auf, aber sie wollte mich nicht in das Haus lassen. Ich sagte ihr, dass ich zu meinem Sohn wollte. Sie wollte mich wieder wegschicken, aber ich ging einfach nicht weg. Ich wartete auf meinen Sohn. Dann kam ein junger Mann zu mir hinaus. Er umarmte mich und sagte Vater zu mir. Dann musste das wohl mein Sohn sein. Ich hatte ihn gefunden.
Er führte mich in das Haus und wusch mich. Dann gab er mir etwas zu Essen und zu Trinken. Das tat gut. Anschließend saß ich neben einer netten Frau auf einem Sofa Plötzlich sah ich ein großes rotes Licht auf mich zukommen und hatte große Angst davor. Beinahe wäre ich aufgestanden und weggerannt. Doch die Frau neben mir beruhigte mich. Dann war ich ganz in dieses Licht eingehüllt und mein Kopf und Körper fühlten sich auf einmal seltsam an. Kurz darauf spürte ich gar nichts mehr und mir wurde dunkel vor den Augen. War ich nun tot?
15. Kapitel
Clarissa wurde von der Fremden und den drei Halbwesen über die holprige Steinbrücke zu dem Gefängnis gebracht, das ein riesiges altes Backsteingebäude aus dunkelgrauen feucht wirkenden Steinen war. Sowohl am Ende der Brücke als auch vor dem Eingang des wenig einladend wirkenden Gefängnisbaues standen zwei missgestaltet Wesen als Wächter.
Diese und alle anderen Wächter an denen sie noch vorbeikamen verbeugten sich voller Respekt vor der fremden Frau, als ob sie eine hochgestellte Persönlichkeit im dunklen Reich war. Nachdem sie durch den Eingang des Gefängnisses gegangen waren, standen sie in einer großen Eingangshalle, von der jeweils zwei Gänge nach rechts und nach links abgingen und zwei Treppen nach oben führten. Die Eingangshalle wurde von einer Reihe von Fackeln mit blauem Feuer erleuchtet. Auch dort standen wieder in allen Ecken abscheulich aussehende Wächter, die den Raum bewachten. Es roch hier stark nach Moder und schimmliger Feuchtigkeit und alle Wände waren mit schwarz grünem Moos bewachsen.
Als Clarissa mit ihren Entführern die Halle betrat, wurden sie von einem kleingewachsenen weiblichen Halbwesen begrüßt, das den Unterkörper einer riesigen Schlange besaß und ab dem Bauchnabel den Körper einer menschlichen Frau. Auch ihr Kopf hatte etwas Schlangenartiges und als sie ihren Mund öffnete sah Clarissa, dass sie über die spitzen Zähne und auch die gespaltene Zunge einer Schlange verfügte. Das Halbwesen sprach leicht lispelnd und während sie sprach tropfte ständig grünes Gift aus ihren Zähnen auf die Lippen, was sie immer wieder mit ihrer Zunge weglecken musste.
Seit dem sie im dunklen Reich angelangt waren, verstand Clarissa wie durch Zauberei die Sprache der Halbwesen und damit auch was die Schlangenfrau ihnen zu sagen hatte:
„Seid gegrüßt Lethe, Göttin des Vergessens, ebenso wie Eure Begleiter. Wie kann Euch die Herrin der dunklen Kerker zu Diensten sein?“
„Ich danke Dir, Ennova, Herrin der dunklen Kerker, auch ich grüße Dich und erteile Dir meinen dunklen Segen. Wir haben hier eine ganz außergewöhnliche und bedeutsame Gefangene für Dich. Sie ist sehr wichtig für unseren Kampf gegen die Welt des Lichts. Nur Du bist für meine Großmutter und mich vertrauensvoll genug, um über sie zu wachen und sie Deiner Obhut zu überlassen.“
„Euer Vertrauen ehrt mich und ich gelobe Euch bei meinem Leben, dass ich Euch nicht enttäuschen werde. Sollen wir sie wie alle anderen Gefangenen mit den Methoden der dunklen Folter vertraut machen und langsam und qualvoll zu Tode bringen oder nachsichtig und behutsam behandeln und sie etwas länger am Leben lassen?“
„Die Gefangene ist ein Faustpfand, um ihren Geliebten in eine Falle zu locken. Sie muss nur so lange überleben, bis ihr Geliebter sich in unserer Gewalt befindet. Dann kann sie über den Acheron in das Totenreich geschickt werden. Wie ihr sie letztendlich tötet, ist mir einerlei. Wenn es Euch Freude bereitet, könnt ihr sie hiernach auch zu Tode quälen.“
„Oh, das hören meine achtsamen Ohren gern. Wir hatten schon lange kein Wesen aus der Welt des Lichts hier, um daran unsere Künste zu erproben.“ sagte die Schlangenfrau mit einem bösartigen Lächeln und tätschelte dabei mit ihrer Schwanzspitze das Gesicht von Clarissa, die sich daraufhin angeekelt abwandte.
Als diese Worte ausgesprochen waren, konnte Clarissa nicht verhindern, dass ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Jetzt wusste sie, woran sie war. Voller Schrecken sah sie vor sich, in welcher großen Gefahr Devius und sie schwebten. Die Halbwesen hatten sie entführt, um Devius dazu zu bewegen, in das dunkle Reich zu kommen. Er sollte aus Angst um sie jegliche Vorsicht vergessen und nur noch das Ziel haben, sie aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Wenn ihr Geliebter dann in das dunkle Reich eindrang, wartete wahrscheinlich schon eine Übermacht von Halbwesen auf ihn, um ihn zu töten oder zumindest gefangen zu nehmen. Das musste sie unbedingt verhindern. Sie musste ihn auf irgendeine Art und Weise warnen, nur wie?
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